Polnisches Software-Haus Comarch setzt auf die Schweiz

8. Februar 2011, 16:14
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Aufstockung der Mitarbeiterzahlen am Entwicklungszentrum für Datenmanagementsysteme (DMS) in Buchs angekündigt. Westliches Auslands-Geschäft wieder gestärkt. Eric Scherer: "Schritt grundsätzlich richtig, da DMS immer wichtiger wird."

Aufstockung der Mitarbeiterzahlen am Entwicklungszentrum für Datenmanagementsysteme (DMS) in Buchs angekündigt. Westliches Auslands-Geschäft wieder gestärkt. Eric Scherer: "Schritt grundsätzlich richtig, da DMS immer wichtiger wird."
Das polnische IT-Haus Comarch aus Krakau - einer der grössten Software-Entwickler aus Ostmitteleuropa - will sich in der Schweiz stärker aufstellen als bisher."Wir suchen für unser Entwicklungszentrum in Buchs bei St. Gallen mindestens ein Dutzend neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt der Vorstandsvorsitzende und Gründer Janusz Filipiak (Foto) im Gespräch mit Inside-channels.ch. Seinen Aussagen zufolge wird es nicht leicht werden, weil es derzeit für Unternehmen schwierig ist, am Arbeitsmarkt Software-Entwickler und anderes Fachpersonal zu finden. "Wir werden hier aber eng mit den Hochschulen zusammenarbeiten, weil das unsere Philosophie ist", fügt der Manager hinzu. Als Firmengründer ist der 58jährige Hochschul-Lehrer für die grundsätzliche Strategie von Comarch verantwortlich.
"Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass sich in der Schweiz die Zahl unserer Kunden weiter erhöhen wird“, so Filipiak. Sein Unternehmen beschäftigt hierzulande, in Österreich und in Deutschland etwa 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die weltweit rund 3500 Angestellte erarbeiten einen jährlichen Umsatz von mehr als 700 Millionen Zloty (230 Millionen Schweizer Franken). Comarch bietet unter seiner eigenen Marke IT-Lösungen für Banken und Finanzdienstleister, mittelständische Unternehmen oder die Telekommunikationsindustrie an.
In der Schweiz sind die Polen vor allem mit den Applikationen Semiramis (ERP) und DMS Infostore vertreten. "Zu den Kunden gehört beispielsweise die Credit Suisse", meint der Vorstandsvorsitzende nicht ohne Stolz. Darüber hinaus vertrauen seinen Aussagen zufolge auch die National Versicherung und die ABB Vorsorge AG seinen Produkten.
Strategisch gesehen will sich Comarch wieder mehr auf das westlich Auslandsgeschäft in der Schweiz, Österreich und Deutschland, die das Unternehmen in der Einheit "DACH" zusammengefasst hat, konzentrieren. Diese Region hat für Comarch eine spürbare Bedeutung, weil die Polen in den deutschsprachigen Ländern etwa ein Drittel ihres jährlichen Umsatzes generieren. In dieser Region waren die Umsätze nach den ersten neun Monaten allerdings 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,8 Prozent auf 146 Millionen Zloty (48 Millionen Schweizer Franken) eingebrochen, während die Gesamtumsätze bei etwa 497 Millionen Zloty (163 Millionen Schweizer Franken) stagnierten. Ebenso waren die Investitionen in diese Märkte auf 17 Prozent des Vorjahresvolumens zurück gegangen. Im einheimischen Stamm-Markt in Polen hatten sie sich hingegen fast verdoppelt. Jetzt aber soll - unter anderem durch die Vergrösserung des Schweizer Standortes - die DACH-Einheit wieder gestärkt werden.
In der 11'000-köpfigen Gemeinde Buchs, nur vom Rhein von Lichtenstein getrennt, entwickeln die Polen das Dokumentenmanagementsystem "DMS Infostore". Ursprünglich war es nur auf IBM (AS 400) ausgerichtet. "Auf dieser Plattform nimmt diese Lösung mit einem Stamm von rund 900 Kunden im gesamten deutschsprachigen Raum eine führende Rolle ein“, erklärt Filipiak. Darüber hinaus stellt Comarch hier die neuere Version "InfoStore ECM" her. Dieses System ist eine plattformunabhängige Lösung für Archivierung und Dokumentenmanagement, die für jede Firmengrösse und jedes Datenvolumen skalierbar sein soll.
Fokus auf Software
Die Entwicklung eigener Software macht mit knapp 11 Prozent am Gesamtumsatz einen wichtigen Teil des Geschäftes von Comarch aus. "Die Vergangenheit und auch die Zukunft von Comarch liegt in der Programmierung", unterstreicht der Manager. Derzeit entwickeln seinen Aussagen zufolge die Mitarbeiter in den R&D-Zentren des Unternehmens weltweit etwa 45 neue Lösungen.
Für ein Unternehmen aus Polen ist dieser Schwerpunkt ungewöhnlich, weil Software-Entwicklung und IT nicht gerade zum Bild passen, das viele internationale Investoren und Firmen von diesem Land haben. Sie bringen es eher mit Industrie und Handel in Verbindung. Dieses Image-Problem glaubt Filipiak mittlerweile aber mit Erfolg gelöst zu haben. Viele Unternehmenskunden auch ausserhalb von Polen entscheiden sich für seine Lösungen. Dazu gehören T-Mobile aus Deutschland oder die französische Einzelhandelskette Auchan.
Besonders öffentlichkeitswirksam ist dabei sein Engagement als Sponsor beim deutschen Traditions-Fussballklub 1860 München. Eine Software-Lösung ist zwar kein Produkt, das von sich aus zum Fussball passt. Doch dürfte das nicht allzu viel ausmachen. Die Spieler vieler Bundesliga-Vereine in Deutschland tragen auf ihren Trikots den Namenszug von Firmen, die kaum die Zielgruppe dieses Sports ansprechen wie beispielsweise Gazprom bei Schalke 04. Für ein Unternehmen wie Comarch bietet ein solcher Klub allemal ein Forum, um sich einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Raus aus der AS-400-Nische
Ob Filipiak beziehungsweise Comarch aber langfristig Erfolg haben kann, hängt natürlich nicht zur Hauptsache von Sponsoring ab, sondern davon, wie stimmig die geschäftliche Strategie insgesamt ist: "Comarch rüstet momentan grundsätzlich auf und investiert in die bestehenden Produkte“, analysiert der Geschäftsführer des Zürcher IT-Beraters intelligent systems solutions (i2s), Eric Scherer, im Gespräch mit Inside-channels.ch. Und sieht die Pläne des Unternehmens, den Schweizer Standort auszubauen, in einem breiteren Kontext. Da der Bereich DMS immer wichtiger werde, um Kunden zu gewinnen oder auch um die Stammkunden zu bedienen, hält Scherer diesen Schritt grundsätzlich für sinnvoll.
Doch damit ist seiner Meinung nach die Arbeit für Comarch noch lange nicht erledigt: "Die Herausforderung für das Unternehmen besteht darin, aus dem IBM-Rechnersystem-Bereich AS-400 herauszukommen und sich neue Kundengruppen zu erschliessen“, sagt Scherer. Gleichzeitig müssten die Polen unbedingt weiter ihren alten Kundenstamm pflegen, der auf den alten Infostore-Lösungen für das IBM-System vertraut. "Denn das ist ja schliesslich die Grundlage für den Erfolg", so der Fachmann. Comarch müsse es gelingen, diesen Spagat zu meistern. Und dafür hat Scherer auch schon einen guten Hinweis: "Schnittstellen zu SAP, Infor und natürlich zum ERP-System Semiramis aus dem eigenen Haus müssen hier den Weg ebnen.“ (Sebastian Becker)

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