Prantl behauptet: Aus-verkaufsstimmung im Schweizer IT-Markt

28. Juni 2021, 09:37
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Es gibt gute Gründe für die aktuelle Übernahmeeuphorie. Aber kommt nun die Konsolidierung? Jein, sagt unser Kolumnist.

Keine Woche vergeht, in der die hiesige Fachpresse nicht zig Fusionen oder Verkäufe von kleinen und mittleren IT- und Softwareunternehmen zu vermelden hat. Auch Corona hat diesen Trend nicht gebremst. Im Gegenteil, gefühlt haben sich die Übernahmen in den letzten 12 Monaten sogar vervielfacht. Das hat handfeste Gründe.
Erst mal haben sich IT-Firmen als krisensicher herausgestellt. Viele haben das vergangene Geschäftsjahr zwar als mühsamer als auch schon erlebt, gleichzeitig aber finanziell als "best year ever" abgeschlossen. Das hat natürlich mit dem Digitalisierungsschub, befeuert durch Corona, zu tun. Aber auch damit, dass sich die Leistungsangebote für alle sichtbar als immenser Mehrwert entpuppt haben. Mittlerweile hat der hinterletzte Kunde begriffen, dass IT nicht bloss Kostentreiber, sondern vielmehr Geschäftstreiber ist.
Weiter haben Investoren verstanden, dass sich die IT in den letzten Jahren zu einem, wenn nicht gar zu DEM zentralen Zukunftstreiber entwickelt hat. Wer also auf die Zukunft setzt und dort sein Geld investieren will, kommt de facto um die IT nicht mehr herum.
Die nächste, für Investoren attraktive Entwicklung hat mit dem Wandel der IT-Geschäftsmodelle in Richtung Managed Services und XaaS zu tun. Führt dieser doch zunehmend zu hohen Anteilen an vertraglich abgesicherten und wiederkehrenden Erträgen, was Investoren richtiggehend lieben. In einem meiner letzten Visionsworkshops hatte das Strategieteam sogar den Mut und die "Frechheit", einen Anteil der Recurring Incomes von 120% an den jährlichen Fixkosten zu prognostizieren. Fast schon eine fabulöse Zahl. Danach würde sich jeder Investor – und dafür lege ich meine Hand ins Feuer – die Finger abschlecken.
Zusätzlich besteht im Finanzmarkt ein akuter Anlagenotstand. Kapital, welches rentable Anlagemöglichkeiten sucht, ist massenhaft vorhanden. Eigentlich logisch und vollkommen nachvollziehbar, dass ein Teil davon in unserer Branche investiert werden will.
Und – last but not least – steht bei vielen IT-KMU die Nachfolge vor der Tür. Deren Gründer kommen langsam, aber sicher in das Alter, wo sie ans Aufhören denken und sich mehr auf ihr Golf-Handicap konzentrieren wollen.
In der Summe führen alle diese Gründe dazu, dass momentan verkaufsfähige IT-Unternehmen ein äusserst gesuchtes, aber gleichzeitig auch rares Gut sind.
Dass so etwas wie Ausverkaufsstimmung herrscht, hat also nicht zuletzt mit dem massiven Druck von Seiten von Investoren zu tun. Mittlerweile kenne ich kaum noch IT-Unternehmerinnen und Unternehmer, die nicht über regelmässige Kaufanfragen oder gar Kaufangebote berichten. Gerade letzte Woche wieder hat mir ein langjährig bekannter IT-Unternehmer einer eher "kleineren Bude" berichtet, dass er in diesem Jahr schon mit drei ernsthaften Kaufinteressenten gesprochen hat (obwohl er eigentlich gar nicht verkaufen will) und, dass kaum ein Monat vergeht, in welchem sich nicht weitere mit Nachdruck bei ihm melden. Das hat sicher auch damit zu tun, dass seine Firma nach aussen super positioniert ist, aber nicht nur.
Kommt jetzt also (endlich) die seit Jahrzehnten prognostizierte Konsolidierung im Schweizer IT-Markt? Ich würde sagen JEIN.
JA, weil natürlich viele der gekauften Unternehmen bei den gleichen Käufern landen und somit unter einem gemeinsamen Dach. So ist es nicht selten der Fall, dass Investoren in der Schweiz pro Jahr zehn oder mehr Unternehmen kaufen und unter ihre Fittiche nehmen. De jure sind sie dann alle von gleichen Ort aus gesteuert und gehören als Tochterunternehmen zur gleichen Mutter.
NEIN hingegen, weil wir in der Praxis sehen, dass ein Grossteil der gekauften KMU gar nicht integriert wird, sondern weiterhin eigenständig im Markt auftritt. Sie funktionieren in weiten Teilen wie vor dem Verkauf und treten auch nicht selten gegen Geschwisterunternehmen in den Wettbewerb.
Bei aller Übernahmeeuphorie, eines zeigt die Praxis hingegen auch sehr klar. Von der Avance eines Investors zu einem erfolgreichen Deal ist es ein weiter und oftmals steiniger Weg mit vielen Unbekannten. So hat mir heute ein Private-Equity-Investor aus der Schweiz beim Lunch bestätigt, dass von 10 geprüften Unternehmen maximal eines ins Portfolio aufgenommen wird. Oftmals auch gar keines. Das bestätigt die schon lange bekannte Erkenntnis: Kapital ist zwar zur Genüge vorhanden, es wird aber deswegen nicht auch gleich zum Fenster hinausgeworfen.
Urs Prantl war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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