Prantl behauptet: Die Führung ist kein Fan von Verantwortung

28. Januar 2020, 09:43
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Warum und wann Manager Verantwortung abschieben.

Führungskräfte scheuen die Verantwortung nicht selten wie der Teufel das Weihwasser. Diese – zugegeben steile – These basiert auf Beobachtungen im Grossen aber auch auf solchen aus meiner täglichen KMU-Praxis.
Doch zuerst, was ist Verantwortung überhaupt? Wikipedia sagt dazu: "Verantwortung ist die (freiwillige) Übernahme der Verpflichtung, für die möglichen Folgen einer Handlung einzustehen und gegebenenfalls dafür Rechenschaft abzulegen oder Strafen zu akzeptieren."
Verantwortung besteht somit aus drei wesentlichen Elementen, die von Führungskräften nicht selten falsch interpretiert werden (wollen). Wenn ich übrigens in der Folge von Führungskräften spreche, dann unterscheide ich – weil es nicht dasselbe ist – zwischen Unternehmern und angestellten Managern.
Erstmal übernehmen Führungskräfte die Verantwortung, die mit ihrer Funktion einhergeht, in aller Regel freiwillig. Vielen Unternehmern ist das nicht immer so wirklich klar. Entstammt ihre Motivation als Unternehmer doch primär einer Geschäftsidee und nicht dem Wunsch, ein hohes Mass an Verantwortung zu tragen. Im Gegenteil. Sie erfahren meist erst später und schmerzlich, dass am Ende des Tages jedes Problem mit seinen Folgen so sicher wie das Amen in der Kirche auf ihrem Tisch und – last but not least – in ihrem eigenen Portemonnaie landen wird. Den angestellten Managern hingegen ist deutlich klarer bewusst, dass sie mit ihrer Rolle gleichzeitig auch eine höhere Verantwortung übernehmen. Weil sie aber auf Status und Macht keinesfalls verzichten wollen, nehmen sie die zusätzliche Verantwortung erstmal in Kauf.
Im Weiteren folgt Verantwortung aus den Handlungen der Führung. Was gleichermassen heisst, dass die Folgen der Handlungen auch selbst verantwortet werden müssen. Speziell in diesem Punkt beobachte ich immer häufiger eine Verletzung des Wesenskerns von Verantwortung. Zwei Belege dafür.
Johannes Läderach schiebt seine Verantwortung für Boykotte gegen sein Unternehmen im kürzlichen Interview mit der 'NZZ am Sonntag' seinen Kunden in die Schuhe. So berichtet er, dass in der letzten Zeit auch (neben den Verweigerern) viele neue Kunden in seine Läden kamen, die mit den Mitarbeitern von Läderach Mitleid hatten. Die Mitarbeiter sollten nicht für die kritischen Aussagen des Chefs büssen müssen. Damit sagt er aber gleichzeitig auch, dass seine Mitarbeitenden nicht unter seinen Taten als Unternehmer leiden dürfen, was zwar nicht falsch ist, aber mit der Sache eigentlich nichts zu tun hat. Denn Kunden assoziieren die unternehmerisch geführte Firma Läderach völlig zu Recht mit der Person des Unternehmers Johannes Läderach und boykottieren sie nur deswegen. Die Mitarbeiter spielen beim Boykott keine Rolle. Sie werden vom Unternehmer bloss als moralischer Appell dagegen instrumentalisiert.
In meine zweiten Beispiel kommt der Chef-Stratege von Volkswagen Michael Jost in seinem Interview mit 'Radio SRF' zur gleichen Schlussfolgerung wie Läderach: "Es ist ja nicht so, dass alle unsere über 650'000 Mitarbeitenden von Volkswagen die Software manipuliert hätten." Ergo darf der Kunde die grundsätzlich rechtschaffene Belegschaft von VW nicht dadurch bestrafen, dass er keine VW-Autos mehr kauft. Der angestellte Topmanager Jost greift damit zum gleichen Trick wie der Unternehmer Johannes Läderach und verbindet die Führungsverantwortung eins-zu-eins mit dem Respekt vor den Mitarbeitenden des Unternehmens, die schliesslich für das Fehlverhalten der Chefs nicht verantwortlich gemacht werden dürfen. Eine, wie ich meine billige Ausrede.
Natürlich ist es unfair, wenn Mitarbeitende für die Fehler ihrer Chefs mit abnehmender Arbeitsplatzsicherheit oder schlechter PR für das Unternehmen "bestraft" werden. Doch deswegen als Kunde an diesem Unternehmen festzuhalten, ist keine Lösung, sondern spielt den Chefs perfekt in die Karten. Sie können weitermachen wie bisher und Verantwortung zwar predigen, sich ihr aber nicht stellen.
Funktioniert die Mitleidstour mit den Mitarbeitenden doch nicht, so greifen die Chefs nicht selten zur Erklärung, dass nicht sie selbst gehandelt hätten, sondern andere im Unternehmen und sie nichts davon wussten. Daher könnten sie auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Eine Argumentation, die selbstverständlich nicht greift. Wer – wenn nicht die obersten Chefs – soll sonst in letzter Konsequenz die Verantwortung für die Folgen der Handlungen seines Unternehmens übernehmen? Zumal die Gehälter auch entsprechend üppig bemessen sind. Weder die Kunden noch die Mitarbeiter können es sein, es kommen nur die Chefs in Frage.
Eigentlich noch überflüssig festzuhalten, dass ohnehin nur negative Ergebnisse keine Verantwortlichen finden. Um die Positiven hingegen reissen sich alle in der Regel sehr gerne.
Kommen wir zum dritten Element der Verantwortung, zur Rechenschaftspflicht bzw. zur Übernahme einer möglichen Strafe. Logischerweise ist es diese unangenehme Konsequenz von Verantwortung, der die Führungskräfte regelmässig aus dem Weg gehen wollen.
Unternehmer haben in diesem Punkt keine Wahl. Ob sie wollen oder nicht, am Ende des Tages müssen sie die Konsequenzen tragen. Dafür sorgt auch das Gesetz. Nicht zuletzt deswegen beschweren sie sich auch häufig darüber, dass niemand in ihrer Firma die Verantwortung tragen will und alle stets versuchen, "ihren Arsch zu retten". Ein Phänomen, dass übrigens nicht auf Grossunternehmen beschränkt ist. Nicht selten reagieren sie auf diese Erkenntnis mit Mikromanagement, mit (unbewusstem) Entzug von Kompetenzen und mit einer Portion Sarkasmus. Davor freilich wurden fleissig Organigramme mit Managementrollen und tollen Titeln gezeichnet, ohne dass die zur Umsetzung notwendigen organisatorischen Strukturen sauber geschaffen und durchgesetzt wurden. An diesem Punkt höre ich dann oftmals die bereits vorurteilsbehaftete Frage, was Verantwortung denn genau sei. Sie hätten die Erfahrung gemacht, dass ihre Mitarbeitenden (und Führungskräfte) zwar gerne spannende Aufgaben bekommen, wenn dann aber etwas in die Hose gehe, werde aus einem "Ich" plötzlich ein "Wir" und niemand sei mehr schuld.
Angestellte Manager haben es in diesem Punkt – vor allem, was die "Strafe" angeht – deutlich einfacher. Sie müssen zwar meist ausführlich erklären, warum etwas schief lief, bestraft werden sie jedoch kaum je wirklich. Die vermeintlich soziale Ader ihrer Chefs (oft auch Unternehmer) bewahrt sie davor. Vor allem dann, wenn es ihnen gelingt, die Handlungen in der Organisation als dermassen komplex erscheinen zu lassen, so dass die Verantwortungsübernahme komplett verwässert wird. Oder es war dann das CRM, ein Prozess, der schief lief, ein nicht vorgesehener Zufall etc. Alles Dinge, die man weder entlassen noch ihnen den Lohn bzw. Bonus kürzen kann.
Fredmund Malik erklärt es in seinem Buch "Führen, Leisten Leben" ganz einfach: Fehler des Chefs sind ausschliesslich und immer Fehler des Chefs. Fehler der Mitarbeiter sind Fehler des Chefs, aber nur im aussen, nicht im inneren. Was aber konsequenterweise dazu führen muss, dass Chefs ihre Mitarbeitenden auch zur Verantwortung ziehen müssen. Bis hin zur Bestrafung. Daran führt kein Weg vorbei. Die Verantwortung auf Kunden zu schieben oder in der Komplexität des Unternehmens zu versenken, ist in jedem Fall unverantwortlich.

Über den Autor:

Urs Prantl (57) war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT-Unternehmen auf ihrem Weg zu gesundem Wachstum und zu verbesserter Zukunftsfähigkeit. Zusätzlich ist er als M&A Transaktionsberater für Softwarehäuser und Systemhäuser tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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