Prantl behauptet: Die IT gehört ohne Zweifel zu den Corona-Gewinnern

25. Mai 2020, 09:27
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Unser Kolumnist sieht für die Branche eine Reihe an Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden.

In Fortschreibung meiner Kolumne vom März "Nach Corona geht für die IT die Post ab" will ich heute zu einem Rundumschlag ausholen. Im März hatte ich mich noch darauf beschränkt, dass Corona vor allem in Sachen Digitalisierung als Beschleuniger wirken wird und, wie sich IT-Unternehmen speziell darauf vorbereiten sollten – sofern sie dann die Krise selbst überleben. Interessanterweise war ich mit dieser Einschätzung sehr früh. Während sich alle noch mit den Infektionszahlen und dem Reproduktionsfaktor beschäftigten, hatte ich mir bereits überlegt, wie wir aus der Krise eine veritable Wachstumschance machen können. In der Zwischenzeit hat sich freilich die Gruppe der "Chancenprediger" deutlich vergrössert.
Nach nun mittlerweile zwei Monaten befinden wir uns mit Vollgas auf dem Weg raus aus dem Lockdown. Gleichzeitig hat sich der Fokus von "Gesundheit" klar in Richtung "Wirtschaft" verschoben. Auch ich habe meinen Blick erweitert und frage mich heute ganzheitlich(er), welche Chancen uns die Krise in der IT bringen wird.
Wenn ich übrigens die IT zu Gewinnern der Corona-Pandemie erkläre, so will ich das relativ verstanden wissen. Selbstverständlich sind auch IT-Unternehmen betroffen, behindert und stehen vor komplett neuen Herausforderungen. Auch sie haben mit Auftragsrückgängen und mit Umsatzeinbussen – wenn noch nicht jetzt, dann mit Sicherheit später noch – zu kämpfen. Im Vergleich mit anderen Branchen und insbesondere auf mittlere und längere Sicht hingegen, werden Corona und die daraus gewonnen Erfahrungen zu einem massiven Wachstumsschub führen. In dieser Hinsicht stehen also alle Ampeln auf Grün.
Es fängt schon mal mit der Arbeitsweise von IT-Spezialisten an. Als typische Wissensarbeiter können sie fast ausnahmslos und flächendeckend im Homeoffice arbeiten und ihre Kundenleistungen dort erbringen. Meetings im Team oder mit den Kunden werden online abgehalten und sind dank ausgereifter Konferenztools mindestens so effizient wie live Besprechungen, wenn nicht noch effizienter. Interessanterweise haben mir in den vergangenen Wochen viele Unternehmer sogar bestätigt, dass ihre Fachteams im Homeoffice deutlich produktiver sind als im Büro. Corona ist hier also offensichtlich kein Bremser.
Neben der erwähnten Produktivitätssteigerung höre ich zusätzlich vor allem von Führungsleuten, dass Homeoffice plötzlich auch Freiräume geschaffen hat, die vorher vom hektischen Tagesgeschäft vollkommen verschüttet wurden. So entstehen Gelegenheiten, um mal wieder AM Unternehmen zu arbeiten und sich Gedanken über die langfristige Strategie zu machen. Etwas, was in normalen Zeiten viel zu selten passiert.
Weiter ist zu erwarten, dass die Krise den Fachkräftemangel in der IT (wenigstens vorübergehend) entschärfen wird. So wird auch in unserer Branche teilweise mit Kurzarbeit operiert oder es werden gar Stellen gestrichen. Wer also motivierte und hoch qualifizierte IT-Spezialisten sucht, sollte jetzt Augen und Ohren extra weit offenhalten. Die Chancen gute Leute zu finden sind so gut, wie schon lange nicht mehr.
Der Vollständigkeit halber nochmals mein Hinweis, dass die aus der Corona-Pandemie gelernten Erfahrungen in fast allen Bereichen sonnenklar zeigen, dass wir in den kommenden Jahren mit einer überdurchschnittlichen Nachfrage nach Digitalisierungslösungen in allen Bereichen werden rechnen müssen. Eine Nachfrage, die primär den IT-Unternehmen zugutekommen wird. Dazu gilt es sich jetzt strategisch und im Go to Market optimal zu positionieren.
Erfreulicherweise sehe ich einen weiteren positiven Trend. Die von den Kunden in der nahen Zukunft gesuchten IT-Lösungen verlangen verstärkt nach solidem Handwerk mit nachgewiesenem Mehrwert und weniger nach Nice-to-haves oder irgendwelchem Schnickschnack. Das wird "langweilige" IT-Produkte, Dienstleistungen und Services bevorzugen, diesen massiven Aufwind bescheren und damit dem überwiegenden Teil der IT-Branche einen zusätzlichen Schub verleihen. Was hingegen nicht unmittelbar Nutzen bringt, oder, was sich wirtschaftlich (noch) nicht bewährt hat, wird es in der nach-Corona Zeit wohl vorübergehend schwerer haben.
Meine ersten Erfahrungen der vergangenen Wochen zeigen auch, dass die aktuelle Krise, gepaart mit einem hohen Nachfolgedruck, den Markt für Unternehmenstransaktionen zusätzlich belebt. Nicht, dass der Trend zur Konzentration in einigen Segmenten wie IT-Security, Cloud-Infrastruktur, Cloud-Services und in gewissen Softwarebereichen neu wäre, er wird sich aber offensichtlich beschleunigen. Das sind Good News für Unternehmer, die (auch) anorganisch wachsen wollen und sich nach geeigneten Kandidaten umsehen. Die Auswahl an (guten) Investments wird spürbar zunehmen.
Wir sehen also, die IT verfügt über einen ganzen Strauss an einmaligen Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden. Zur Erinnerung noch eine Selbstverständlichkeit, die leider oft vergessen geht. Chancen kommen nur denjenigen zugute, die sie auch nutzen. Dafür braucht es aktives Tun und nicht reaktives Zuwarten. Oder wie es ein befreundeter Unternehmer in seinem Profil-Slogan auf den Punkt bringt: "'machen' ist wie 'wollen'; einfach viel krasser."
Urs Prantl (57) war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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