Prantl behauptet: Die Nachfolge ist nach wie vor ein Tabu

23. Dezember 2019, 09:47
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IT-Unternehmer befassen sich zu wenig intensiv und meist zu spät mit ihrer Nachfolge. Dies muss sich ändern, findet Kolumnist Urs Prantl.

Im August 2018 schrieb ich unter dem Titel "Konsolidierungswelle in der Schweizer IT-Branche rollt" über die zunehmende M&A-Dynamik in unserer Branche. Diese Dynamik hat nochmals deutlich zugenommen. Seither wurden viele weitere Verkäufe von hiesigen IT-Unternehmen auf inside-channels.ch vermeldet. Und sie sind mit Sicherheit bloss die Spitze des Eisbergs. Der Zug fährt also unaufhörlich weiter, und er wird immer schneller.
Natürlich ist der Verkauf des eigenen Unternehmens nur eine von mehreren Nachfolgelösungen. Eine Übergabe der IT-Firma innerhalb der (erweiterten) Familie findet jedoch praktisch kaum je statt. In anderen Branchen kommt das weitaus häufiger vor. Im Regelfall läuft es auf einen Verkauf an das Management oder an aussenstehende Investoren hinaus. Nicht selten auch auf eine Kombination von Beidem.
Auf der anderen Seite stehen die IT-Unternehmer, die sich erstens zu wenig intensiv und zweitens meist zu spät mit ihrer Nachfolge befassen. Im Gegenteil, sie betrachten die Nachfolge am Ende ihrer Unternehmerkarriere mehr als notwendiges Übel, welches auch noch irgendwie bewältigt werden muss. Mit dem Ergebnis, dass das Nachfolgeprojekt mehr schlecht als recht und nicht selten auch unter einem hohen Zeitdruck zum Abschluss gebracht werden muss. Es versteht sich von selbst, dass die Deals auf diese Weise unbefriedigend ausfallen und nur mit jeder Menge Stress und Druck zu Ende gebracht werden können.
Doch wieso ist das so? Ich beobachte drei Engpässe, welche eine rechtzeitige und seriöse Auseinandersetzung mit der Nachfolge massgeblich behindern.
Zum ersten liegt es an den Unternehmern selbst, an ihrer fehlenden inneren Bereitschaft zur Abnabelung von ihrem "Baby". Zum zweiten liegt es daran, dass die Nachfolge nach wie vor ein Tabuthema ist. Gerade erst haben mir zwei befreundete IT-Unternehmer auf meine Einladung zur kommenden Businessveranstaltung "IT-Unternehmen erfolgreich verkaufen und zukaufen" im Januar einen Korb gegeben. Sie sind zwar sehr interessiert und würden gerne kommen, fürchten aber, dass ihre Teilnahme an Mitarbeitende oder Kunden falsche Signale senden könnte. "Möglicherweise würden mir die Leute davonlaufen, wenn sie dächten, ich wollte die Firma verkaufen", heisst es dann als Erklärung. Und ein dritter Unternehmer hat mich gebeten, auf der Rechnung den Eventtext durch eine unverfängliche Formulierung zu ersetzen, damit die Buchhaltung nicht sieht, wo er sich Mitte Januar herumtreibt.
Den dritten Engpass verorte ich bei den zentralen Treibern des Nachfolgegedankens. Beim meist fortgeschrittenen Alter und dem damit verbundenen hohen Nachfolgedruck und beim technologischen Wandel, der mit einem grundlegenden Umbau des Geschäftsmodells in Richtung Services mit wiederkehrenden Einnahmen anstelle grosser Projektsummen einher geht. Auch wenn diese Treiber eher für eine beschleunigte Nachfolge sprechen würden, in der Praxis wirken sie oft gegenteilig und führen mehr zu einer Blockade, als dass sie für den Prozess förderlich wären. Müsste sich doch mancher nachfolgewillige Unternehmer eingestehen, dass sein Unternehmen für eine Nachfolge (noch) gar nicht parat ist. Sei es, dass sich die Strategie überlebt hat, sei es, dass dem Unternehmen die organisatorische Reife fehlt, oder sei es, dass die Firma nach wie vor zu stark von seiner eigenen Person abhängig ist.
Alles Faktoren, die ein Nachfolger (egal, woher er kommt) in aller Regel kritisch beurteilt und damit nicht selten von einer Übernahme Abstand nimmt. Soweit sollte es nicht kommen.
Daher plädiere ich dafür, dass Unternehmer ihr Unternehmen bereits früh durch die Brille eines Nachfolgers oder eines Investors betrachten lernen. Auch dann, wenn sie noch nicht im Traum daran denken, sich von ihrem Unternehmen zu trennen. Einerseits stemmen sie sich und ihr ganzes Umfeld aktiv gegen das nach wie vor herrschende Nachfolge-Tabu und etablieren einen unverkrampfteren Umgang damit, andererseits lernen sie, ihr Unternehmen von aussen kritisch durch die Brille eines Investors zu sehen. So stellen sich auf einmal Fragen wie, "Was ist auf lange Sicht für mein Unternehmen das beste?" oder "Wofür wird mir mein Nachfolger später dankbar sein?". Abgesehen davon, dass aufgrund solcher Fragestellungen meist die klügeren Entscheidungen getroffen werden, es sind gleichzeitig auch immer die Fragen und Antworten, die ein künftiger Investor sich stellen wird.
Wem es also gelingt, seine Unternehmensdenke frühzeitig zu abstrahieren und dabei die Sichtweise des gewünschten Nachfolgers einzunehmen, der wird sein Unternehmen automatisch besser für die Zeit danach vorbereiten. Und zwar egal, wie die Nachfolgelösung konkret aussehen wird. Also egal, ob Verkauf, ob MbO, ob Familiennachfolge oder irgendeine andere Lösung. (Urs Prantl)
Veranstaltungshinweis: Wer sich für den Verkauf oder Kauf von IT-Unternehmen interessiert, dem sei das Business-Event "IT-Unternehmen erfolgreich verkaufen und zukaufen" aus der Reihe Focus on Future am Montagabend 13. Januar 2020 empfohlen. Details und Anmeldung gibt es online.
Urs Prantl (57) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit 2012 kreiert er als Mentor für Unternehmer zukunftssichere, wachstumsstarke IT-Unternehmen und ist im M&A Geschäft tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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