Prantl behauptet: Die Schweizer IT-Branche arbeitet weiter wie in der Steinzeit

24. Februar 2020, 10:57
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Unser Kolumnist fordert eine Aktualisierung der Arbeitszeitvorschriften.

Vor vier Jahren reichte Ständerat Konrad Graber eine parlamentarische Initiative zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten ein. Im Kern ging es darum, dass Fach- und Führungskräfte "mit autonomer Stellung" im Dienstleistungssektor – und damit auch in der IT-Branche – von einem Jahresarbeitszeitmodell profitieren können, welches in der Jahressumme zwar die gesetzliche Höchstarbeitszeit von heute 45 Stunden pro Woche nicht erhöht, unterhalb des Jahres aber deutlich mehr Flexibilität bringen soll. Vor allem für projektorientierte Dienstleister, die mal sehr viel Arbeit haben, dann aber auch wieder wesentlich ruhigere Zeiten, soll es möglich sein, dass sie über einen bestimmten Zeitraum z.B. die wöchentlichen Höchstarbeitszeiten überschreiten dürfen oder die gesetzlichen Ruhezeiten nicht sträflich einhalten müssen. Mit der Einwilligung ihrer Mitarbeitenden, notabene.
ICTswitzerland unterstützte den Vorstoss von Graber mit dem Slogan "Nicht härter, sondern smarter arbeiten" und mit unter anderem folgender Begründung: "Mitarbeitende wollen ihr berufliches und ausserberufliches Leben flexibel gestalten. Beispielsweise nehmen Teilzeitpensen bei Frauen und Männern zu und die Digitalisierung ermöglicht unkompliziertes Homeoffice. Schweizer Unternehmen müssen Spielraum haben, um sich als möglichst attraktive Arbeitgeber positionieren zu können. Vor allem in Bereichen mit hohem Fachkräftemangel ist dies unabdingbar."
Eine absolut richtige Aussage. So ist unverkennbar, und wird auch nicht bestritten, dass sich die Arbeitsrealitäten (insbesondere in unserer IT-Branche) in den letzten Jahrzehnten komplett verändert haben und es weiter tun. Getrieben durch technologische Möglichkeiten und durch den Komplettumbau von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft, gleichzeitig begleitet von einem fundamentalen, gesellschaftlichen Wandel. Allein aufgrund dessen sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass wir nicht mehr so arbeiten können (und auch wollen) wie 1964, als das heute gültige Arbeitsgesetz in Kraft trat.
Doch die Politik in unserem Land folgt weniger dem gesunden Menschenverstand als dem politisch Machbaren. So hat die Wirtschaftskommission des Ständerats soeben den Vorstoss Graber auf unbestimmte Zeit verschoben (auf Deutsch "beerdigt"), schreibt der 'Tages-Anzeiger'. Und zwar vor allem mit dem Argument des Gesundheitsschutzes für Arbeitnehmende und vor dem Hintergrund der rasanten Steigerung des sogenannten Job-Stress-Index, nach welchem der Anteil Überforderter 2018 auf bereits 27 Prozent gestiegen sei.
Zu Recht aber fragt die Journalistin Claudia Blumer im 'Tagi', ob die Stresszunahme überhaupt etwas mit Höchstarbeitszeiten zu tun hat. Sie kommt zum Ergebnis, dass diese allein schon deswegen nicht die Ursache sein können, weil sich der Job-Stress Index schliesslich unter der Rigide der Höchstarbeitszeiten ungünstig entwickelt habe und nicht erst nach dessen Aufweichung. Claudia Blumer lokalisiert das Problem vielmehr bei der Digitalisierung und dem zunehmenden Leistungsdruck im Job.
So schreibt sie: "Einer der wichtigsten Stressfaktoren ist die Digitalisierung. Sie bringt eine horrende Geschwindigkeit in unseren Alltag und eine hohe Belastung. Zwar sind viele Arbeitnehmende durch die zunehmende Mobilität freier und können Beruf, Familie und Freizeit dadurch besser vereinbaren. Doch dieser Effekt ist tückisch. Denn das schnellere, einfachere und effizientere Arbeiten führt zu steigender Produktivität und zu noch mehr Leistungsdruck. Mehr Tempo heisst ausserdem auch mehr Oberflächlichkeit, weniger Sorgfalt, mehr Fehler, mehr Ärger, mehr Aggressivität. Eine weitere Folge der Digitalisierung: Wo früher Präsenz gefragt war, gibt es heute Leistungsvereinbarungen – und die Ziele sind oft unrealistisch hoch. Arbeitnehmende sagen aber nicht Nein, sondern opfern lieber ihre Freizeit, um mithalten zu können. Das macht krank."
Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch, aber auch nicht wirklich richtig. Leistungsdruck ist sicher ein veritabler Stressfaktor. Aber eigentlich nur dann, wenn er von äusseren Zwängen und Fremdsteuerung verursacht wird. Leistungsdruck auf der Basis von Eigenverantwortung und innerer Motivation wirkt eher beflügelnd und "berauschend", als deprimierend.
Abgesehen davon verstehe ich nicht, was die Digitalisierung mit dem zunehmenden Leistungsdruck in vielen Unternehmen direkt zu tun haben soll. Das Wirtschaftssystem und die Tools, welche den heutigen Leistungsdruck in vielen Unternehmen verursachen und ständig weiter befeuern, sind nämlich keine Erfindung der Digitalisierung, sondern vielmehr Errungenschaften aus den 80er und 90er Jahren. Ich denke da beispielsweise an das Mantra des ewigen Wachstums und des quantitativen "immer mehr", den Effizienzwahn und, auf alledem aufbauend, die Bonus- und Leistungsbeurteilungssysteme, welche Menschen oftmals zum Mittel des Wirtschaftens und der Gewinnsteigerung erklären, statt zum eigentlichen Zweck.
Doch zurück zum Thema und damit zum gleichen Ergebnis wie der 'Tagi'. Das Festhalten an den Arbeitszeitvorschriften von 1964 (aus einer Zeit, als auch die Schweiz über weite Strecken noch ein Industrieland war) führt mit Sicherheit nicht zu weniger Leistungsdruck. Der wird von ganz anderen Faktoren verursacht. Im Gegenteil, das starre Konstrukt des Arbeitsgesetzes trägt sogar noch dazu bei, dass wir uns bei der Arbeit stärker fremdgesteuert vorkommen und nimmt uns einen grossen Teil unserer Flexibilität, die wir in der modernen Zeit haben wollen. Allein dadurch entsteht erhöhter Stress bei den Mitarbeitenden. In diesem Sinne ist die Beerdigung des Reformvorschlags Graber besonders in unserer Industrie eine schlechte Nachricht. Eine zeitgemässe Aktualisierung der Arbeitszeitvorschriften wäre überfällig.
Allerdings ist das pragmatisch gesehen nicht so tragisch. Denn die Erfahrung zeigt, dass wir uns in den hiesigen IT-Unternehmen seit jeher wenig um die Details des Arbeitsgesetzes von 1964 gekümmert haben. In vielen Firmen wird in der Praxis so flexibel gearbeitet, wie es Graber eigentlich wollte – oder sogar noch flexibler. Das heisst, die Praxis macht eh, was sie will. Und das auch meist mit Einverständnis und höchster Motivation von beiden Seiten. Von den Arbeitgebern genauso wie von den IT-Mitarbeitern selbst.
Könnte das eventuell auch der Grund sein, weswegen der negative Entscheid der Wirtschaftskommission des Ständerates zum Reformvorschlag bisher nur im 'Tages-Anzeiger' ein Thema war uns sonst in keinem anderen Blatt?
Urs Prantl (57) war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT-Unternehmen mit Vision und Strategie auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum. Zusätzlich ist er als M&A Transaktionsberater für Softwarehäuser und Systemhäuser tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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