Prantl behauptet: Homeoffice ist (doch) gekommen, um zu bleiben

31. Mai 2021, 09:30
  • kolumne
  • coronavirus
  • people & jobs
  • prantl behauptet
image

Warum viele Firmen auf die Rückkehr ins Büro drängen, aber sich nicht durchsetzen werden.

Vor gut einem Jahr habe ich in Sachen Homeoffice behauptet, dass diese Arbeitsform nach der Pandemie wieder in ihrer Bedeutungslosigkeit versinken wird. Damals beging ich allerdings den Fehler – wie sehr viele andere allerdings auch, zu glauben, die Corona-Einschränkungen seien bald vorüber. Wie wir mittlerweile wissen, war das eine krasse Fehleinschätzung. Heute bin ich allerdings zuversichtlich, dass wir mit fortschreitendem Impferfolg spätestens nach den Sommerferien hinsichtlich Arbeits-platz wieder weitgehend zur Normalität zurück finden werden.
Nachdem der Bundesrat letzte Woche mit heutiger Wirkung die Homeoffice-Pflicht auf-gehoben und wieder in eine Empfehlung umgewandelt hat, ist das Thema einmal mehr in aller Munde. Wie werden die Unternehmen in unserem Land darauf reagieren? Wird Homeoffice im grossen Stil bleiben, oder wird es, wie ich im April 2020 behauptete, wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken?
Mir war natürlich schon vor einem Jahr klar, dass, hätten wir noch ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr länger Zeit zum Üben, sich die Situation durchaus zugunsten von Homeoffice würde drehen können. Und genau das haben wir erlebt. Ich wage daher an dieser Stelle eine zweite Prognose.
Um es gleich vorwegzunehmen. Ich sehe nach wie vor die gleichen Gründe für ein baldiges Verschwinden von gross angelegtem Homeoffice. An erster Stelle stehen für mich das immer noch mangelhafte Vertrauen vieler Chefs in die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ihrer Mitarbeitenden und gleichzeitig ihr Unvermögen, über eine klare Vision und damit verbundene Zielen zu führen, statt dem Personal ständig in seine Arbeit dreinzureden. Beides absolut notwendige Voraussetzungen dafür, dass Homeoffice überhaupt gelingen kann. 
Einen weiteren gewichtigen Grund sehe ich im Prestigedenken vieler – sehr oft auch IT-Firmen, die in den vergangenen Jahren für viel Geld tolle Büros gebaut und mit allem Firlefanz ausgestattet haben. Diese Büros wollen schnellstmöglich wieder bevölkert werden, und dazu wird wahrscheinlich auch jedes Mittel recht sein. Den nächsten Grund sehe ich bei der in den letzten Jahren gepflegten Kultur vieler (IT-)Unternehmen, die dediziert auf "Team", Zusammengehörigkeit und "Family" macht. Angefangen bei den regelmässigen Grillabenden "auf der schönsten Terrasse von Bern" bis hin zum Teamausflug nach Fuerteventura wurde kaum ein Aufwand gescheut, die Mitarbeiterschar fest zusammen zu schweissen. Solchermassen angelegte Unternehmenskulturen sind einfach "nicht gemacht für Homeoffice only", wie sich der CFO eines grossen Schweizer IT-Dienstleisters gerade erst letzte Woche in einem Blogbeitrag dazu äusserte.
Es gibt allerdings noch die andere Seite der Medaille. Viele Mitarbeitende haben Blut geleckt, sich mit Homeoffice arrangiert und insbesondere deren Vorteile über Wochen hin-weg genossen. Kein Zeitverlust beim Arbeitsweg, flexibles Arbeiten, in Ruhe arbeiten können, mehr in weniger Zeit erledigen können, Ruhe vor dem Chef, mehr Zeit für und mit der Familie und vieles anderes mehr. Ihre Gelüste werden nicht einfach ignoriert werden können, zumal sie als top Fachkräfte meist sogar am längeren Hebel sitzen. So wird die hochqualifizierte Belegschaft in der Regel mit Samthandschuhen angefasst, wenn es um eine ein-schränkende Regelung von Homeoffice geht, das zeigen meine bisherigen Erfahrungen mit Homeoffice-Kritikern im Management ganz deutlich.
Natürlich hat Homeoffice in modernen Unternehmen auch einen sehr gewichtigen Nachteil. Trotz aller Technik leidet das Zwischenmenschliche. Wer Homeoffice macht, ist nur noch am "chrampfen" und verbringt, sofern kein Hund vorhanden, seinen Arbeitstag wirklich nur noch am Schreibtisch. Das ist gut, wenn konzentriert gearbeitet werden soll, weniger gut jedoch, wenn Austausch und Kreativität gefragt sind. Das ist meiner Meinung nach der gewichtigste Treiber dafür, dass auch Mitarbeitende (gelegentlich) wieder ins Büro kommen wollen.
Und damit wäre ich bei meiner definitiven Prognose: Das Gros der Unternehmen wird auf Rückkehr ins Büro drängen, ihr hochqualifiziertes Personal aber nicht vergraulen können. Der Schuss könnte sonst nach Hinten losgehen. Was dann im Endergebnis dazu führen wird, dass uns institutionalisiertes Homeoffice auch nach der Pandemie erhalten bleibt. Im gegenseitigen Einverständnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmenden im Rahmen von ein bis zwei Tagen pro Woche, aber kaum mehr.
Urs Prantl war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT- und Soft-ware-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

Loading

Mehr zum Thema

image

IT-Woche: Wirds jetzt kritisch?

Ist uns die Sperrung des Schweizer Luftraums eine Lehre und wenn ja, welche? Die Angriffe aufs Gesundheitswesen hören nicht auf.

publiziert am 24.6.2022
image

Wechsel an der Alps-Spitze von Google Cloud

Vor rund 18 Monaten hatte Christian Martin als Managing Director Alps bei Google Cloud gestartet. Nun meldet die Firma einen Nachfolger.

publiziert am 23.6.2022
image

Bern hat die erste Professorin für öffentliche Beschaffungen

Rika Koch wird zusammen mit dem Bundesverwaltungsrichter Marc Steiner die Fachgruppe "Public Procurement" der BFH leiten.

publiziert am 23.6.2022
image

CEO-Wechsel bei der Bug-Bounty-Plattform Gobugfree

Pawel Kowalski konzentriert sich auf die Produktentwicklung, Phil Huber wird CEO.

publiziert am 23.6.2022