Prantl behauptet: Home­office wird wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken

27. April 2020, 09:05
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Viele Chefs sind innerlich davon überzeugt, ihre Mitarbeitenden würden im Homeoffice nicht "richtig" arbeiten.

Homeoffice ist während der Covid-19-Pandemie in aller Munde. Gerade eben hat auch das Bundesamt für Statistik (BfS) die neusten Zahlen zur "Teleheimarbeit" für die Jahre 2001 bis 2019 publiziert. Im vergangenen Jahr arbeiteten demzufolge schweizweit rund 11% "gelegentlich" (wobei bereits das Bearbeiten von Geschäftsmails als "gelegentliches" Homeoffice gilt), 10.5% "regelmässig", d.h. weniger als 50% der Arbeitszeit, und bloss 3% mehr als 50% ihrer Arbeitszeit im Homeoffice. Logisch, dass sich diese Zahlen seit März vervielfacht haben. Was zahlreiche Experten dazu veranlasst zu glauben, so mein Eindruck aus der Presse in den letzten Wochen, dass wir jetzt den absoluten Durchbruch für Homeoffice erleben. Daran kann ich nicht glauben.
Auch wenn es eine Reihe guter und vernünftiger Gründe pro Homeoffice gibt. Weniger Pendler, weniger Verkehr, weniger Staus und damit besser für das Klima. Weiter brauchen die Unternehmen weniger Büros, was ihnen hilft, ihre Kosten meist massiv zu senken. Viele Homeoffice-Anwender berichten zudem von einer höheren Produktivität und davon, dass sie eigentlich mehr arbeiten als im Büro. Das müsste deren Chefs freuen – und die Arbeitnehmervertreter in Alarmbereitschaft versetzen. Viele Homeoffice-User sagen auch, dass sie zu Hause oftmals ruhiger und konzentrierter Arbeiten können, was zu besseren Ergebnissen führe.
Aus eigener, langjähriger Erfahrung weiss ich allerdings, Homeoffice braucht Übung und einen klaren Plan, damit es für beide Seiten funktionieren kann. Für Beides war mit Corona keine Zeit. Homeoffice musste quasi über Nacht aus dem Boden gestampft und mit der Brechstange implementiert werden. Eigentlich konnte man sich auf gar nicht mehr, als die Schaffung der technischen Infrastruktur konzentrieren. Was für ein langfristiges Gelingen von Homeoffice hingegen viel zentraler ist, ist ein entsprechender Mindset, vor allem bei den Chefs.
Objektiv gesehen müssen wir feststellen, Homeoffice im grossen Stil (nicht bloss gelegentlich) hat das Potenzial, unsere Arbeitswelt fundamental und radikal zu verändern. Denn das Ritual, morgens die Wohnung zu verlassen, zum Arbeitsplatz zu pendeln und abends wieder zurück nach Hause zu kommen, ist tief in unserer Gesellschaft eingefräst. Es leben sogar ganze Industrien davon. Mit dem Ergebnis, dass sich viele, sehr viele Unternehmen, Chefs aber auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gar nichts anderes vorstellen können. Dahinter steckt die feste Überzeugung, dass Arbeiten auch nur auf diese Weise organisiert werden kann. Alles andere sei Exotik.
Und genau da liegt meines Erachtens die Blockade, die Corona nicht so einfach wird überwinden können. Es sei denn, wir hätten aufgrund der Krise noch ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr länger Zeit zum Üben. Was ich hingegen nicht glaube. Bald werden die meisten Unternehmen ihre Leute wieder ins Büro zurückbeordern.
Ich behaupte mal, und kann das auch nicht-repräsentativ aufgrund meiner Gespräche mit vielen IT-Unternehmern und Managern aus den vergangenen Jahren so beobachten, dass nach wie vor viele Chefs innerlich davon überzeugt sind, dass ihre Mitarbeitenden im Homeoffice gar nicht "richtig" arbeiten würden. Kurz gesagt, den Chefs fehlt schlicht und einfach das nötige Vertrauen in Ihre Mitarbeitenden. Neben dem mangelnden Vertrauen kommt hinzu, dass sich Mitarbeiter im Homeoffice schlecht über Micromanagement, eine nach wie vor beliebten "Führungsmethode", führen lassen. Man müsste plötzlich vermehrt mit nachvollziehbaren und klar definierten Zielen führen und seinen Mitarbeitenden deutlich mehr Freiheit bei der Ausgestaltung ihrer Arbeit zugestehen. Das wird zwar alles in den Leitbildern der Unternehmen propagiert, in der Praxis aber wenig konsequent umgesetzt.
Der neuste triftige Grund gegen Homeoffice tauchte vergangene Woche in den Medien auf. Homeoffice-Arbeitsplätze könnten viel einfacher durch Nearshore- oder Offshore-Arbeitsplätze ersetzt werden. So könne ja ein Programmierer in Indien die gleichen Arbeiten leisten wie der x-mal teurere Spezialist im Schweizer Homeoffice. Mal abgesehen davon, dass diese Erkenntnis schon uralt ist, ich halte sie im aktuellen Zusammenhang für Fake-News seitens der Bürovermieter. Aus einer differenzierteren Sicht leistet Homeoffice der Abschaffung von Facharbeitsplätzen in der Schweiz kaum mehr Vorschub als ein "normaler" Arbeitsplatz in der Firma.
Trotz Corona und aktuellem Homeoffice-Boom werden typischerweise von beiden Seiten eine ganze Reihe weiterer Gründe gegen das Arbeiten zu Hause ins Feld geführt. Die bestehenden Büros müssen ausgelastet werden, das Soziale komme bei Homeoffice zu kurz, man habe nicht den nötigen Platz und Ruhe zum Arbeiten oder es erfordere (zu) viel Disziplin. Auch wenn ein kürzlicher Leserkommentar zu einem Homeoffice-Artikel treffend feststellte: "Wer keine Disziplin für Homeoffice hat, hat sie auch sonst nicht".
Wie dem auch sei, in meiner Wahrnehmung ist die Contra-Fraktion von Homeoffice, vor allem bei den Chefs, deutlich stärker und findet sich aktuell nur aus schierer Notwendigkeit damit ab. Sobald es die Lage aber wieder erlaubt, wird das Pendel rasch zurückschlagen und Homeoffice wird wie vorher in der Bedeutungslosigkeit von rund 3% versinken.
Urs Prantl (57) war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT-Unternehmen mit Vision und Strategie auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater für Softwarehäuser und Systemhäuser in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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