Prantl behauptet: Sage wird vom Angstgegner zum Konkurrenten unter ferner liefen

30. November 2020, 10:14
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Was bedeutet der Verkauf der Schweizer Assets von Sage für die Partner und wer könnte Käufer sein?

Die Meldung "Sage lässt Schweizer Software fallen" von vergangener Woche war für meine Kolumne natürlich ein Steilpass. Dass sich bereits Christoph Hugenschmidt mit seinem Kommentar "Schweizer ERP-Software: 'Another One Bites the Dust'" pointiert dazu geäussert hat, hält mich auch nicht von einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema ab. Im Gegenteil hat es am strategischen Knochen doch einfach zu viel Fleisch!
Zuerst zu den bekannten Fakten: Die Sage Schweiz AG mit den KMU-ERP-Produkten Sage Start (ehemals Winway), Sage 50 Classic/Extra (ehemals Sesam) und Sage 200 Extra (ehemals Simultan) steht zum Verkauf. Sage schreibt dazu in einem Kundenbrief, dass dieser Schritt für das Schweizer Geschäft eine stärkere Fokussierung auf die lokalen Marktbedürfnisse ermögliche und die Möglichkeit eröffne, das Geschäft unabhängig und beschleunigt voranzutreiben. Die anderen fünf Sage-Produkte Sage X3, Sage 100, Sage CRM, Sage b7 und Wincarat stehen nicht zum Verkauf und verbleiben in der Sage Gruppe, so die Aussage des englischen Konzerns.

Angstgegner Sage

Sage, im speziellen Sage Schweiz, verfolgt mich bereits seit Jahren in meinen Strategieprojekten, die ich oftmals mit marktbegleitenden Softwareherstellern und Integratoren hierzulande durchführe. Kaum ein Workshop mit dem Thema "Mitbewerber", wo Sage mit einem seiner Produkte nicht auftaucht. Und zwar in aller Regel mit Sage 50 und/oder Sage 200. Für viele ist – möglicherweise bald "war" – Sage auch mehr oder minder ein Angstgegner, was insbesondere an dessen Marketingpower und Grösse und an dessen breitem Partnernetz liegt. Für mich persönlich hingegen war Sage in der Schweiz immer auch ein gutes Beispiel dafür, wie man es als Softwareanbieter eben gerade nicht machen sollte. Strategisch unterwegs mit einem Bauchladen an ERP-Lösungen, die im Prinzip alle dasselbe Problem lösen. "Wie soll sich da ein typischer KMU-Kunde zurechtfinden?", fragte ich mich regelmässig. Kam noch hinzu, dass bis vor wenigen Jahren kein einheitlicher Marktauftritt vorhanden war, sondern jedes Produkt anders hiess und sich auch vollständig anders präsentierte. Also Chaos pur.

Strategischer Befreiungsschlag?

Strategisch gesehen ist – speziell aus der Sicht der internationalen Sage-Gruppe – die Entscheidung, sich von drei Legacy-Produkten mit wenig Zukunftsaussichten zu trennen absolut richtig und dient zweifellos einer Fokussierung. Wenn vielleicht auch nicht auf die lokalen Marktbedürfnisse, wie der Kundenbrief von Sage suggeriert. Eher im Gegenteil. Speziell Sage 50 (Sesam) und Sage 200 (Simultan) gehören zu den Urgesteinen im Schweizer Business-Software-Markt und haben diesen gerade mit der Befriedigung von lokalen Marktbedürfnissen entscheidend mitgeprägt. Ob allerdings die Reduktion von "bloss" drei auf immer noch fünf Produkte ausreichen wird, um die Vision von Sage in Richtung führendes SaaS-Unternehmen zu erreichen, daran zweifle ich. Ich meine, der von Sage in der Schweiz gepflegte Software-Zoo ist immer noch zu gross, um eine effektive strategische Durchschlagskraft entfalten zu können.
Aus der Perspektive der Sage Schweiz AG ist die Verkaufsentscheidung allerdings problematisch. So frage ich mich: Wer will schon ein Software-Unternehmen kaufen, dessen drei Produkte plus/minus das gleiche für die gleichen Kunden tun und, welche technologisch abgehängt und mit grossem Investitionsstau belastet sind? Und das noch für den kleinen Markt Schweiz?

Wer soll Sage Schweiz zu welchem Preis kaufen?

Normalerweise würden die drei ERP-Produkte nur wegen ihrer Kunden gekauft. Die Kundenbasis umfasst tausende von KMU-Kunden in der ganzen Schweiz, was für Investoren durchaus ein interessantes Asset darstellt. Die grosse Kundenbasis lässt sich sicher auch noch einige Jahre gut "melken", danach wird die Luft aber zunehmend dünner werden. So haben bereits viele Softwareanbieter beim Kauf von Legacy-Software die Erfahrung gemacht, dass deren Kunden ohnehin neu evaluieren und nicht einfach das kaufen, was ihnen der neue Eigentümer vorsetzt. Was im Ergebnis dann zur Strategie führt, die gekauften Produkte noch längere Zeit im Sortiment zu belassen, sie so gut als möglich – meist mit grossem Aufwand – weiterzuentwickeln und die Kundenbasis mit grösster Sorgfalt und viel Geduld auf die eigene, neue Lösung zu migrieren. Macht man das nicht, wird man den Grossteil der Kunden verlieren und gleichzeitig einen massiven Abschreiber auf die Akquisition tätigen müssen. Wer sich dessen bereits beim Kauf von Sage Schweiz bewusst ist, wird mit Sicherheit eine komplett andere Bewertung des Kundenstamms vornehmen müssen.
Wer also soll Sage Schweiz kaufen? Ein strategischer Käufer wird sich mit Sicherheit die Gedanken von oben machen. Ein Investor, der noch gar nicht in der Schweiz vertreten ist, wird sich einen Kauf wohl auch zweimal überlegen, zumal es gerade im K- und kleineren M-Segment von KMUs starke und moderne schweizerische Konkurrenz aus der Cloud gibt (z.B. Klara, Bexio, Swiss21.org, etc.). Einen Finanzinvestor kann ich mir noch am ehesten vorstellen, wobei auch dieser eine sinnvolle Strategie wird verfolgen wollen. Ich bin auf alle Fälle gespannt.
Dann wäre da noch der Preis. Die in der Schweiz zum Verkauf stehenden Vermögenswerte belaufen sich laut Sage auf 21 Millionen Pfund, demgegenüber stehen Verbindlichkeiten von 17 Millionen Pfund, was zu einer Differenz (einem Kaufpreis?) von 4 Millionen Pfund, bzw. rund 5 Millionen Franken führt. Das Aktienkapital der Sage Schweiz AG beträgt gemäss Handelsregister 7,5 Millionen Franken. Je nach technologischem Zustand und je nach Umfang des Investitionsstaus der drei Software-Produkte könnte der Kaufpreis deutlich unter Druck geraten. Von einem Fantasiepreis, wie beispielsweise bei Bexio im Jahre 2018, wird er aber definitiv Lichtjahre weit entfernt sein.

Für Partner ist die Lage kritisch, aber nicht hoffnungslos

Wie ist nun aber die Lage für die vielen Sage-Partner? Christoph Hugenschmidt meint in seinem Kommentar, dass sich spätestens jetzt jeder Sage-Partner nach Alternativen umsehen wird. Das mag im Prinzip stimmen. In der Praxis werden sicher auch viele dazu Anstalten unternehmen, diese aber nicht konsequent umsetzen. Auch Software-Integratoren sind äusserst träge und bewegen sich nur unter den grössten Schmerzen. Ganz besonders diejenigen, die ihre ganze Strategie auf Hersteller und Produkte, statt auf bei Kunden zu lösende Probleme aufgebaut haben.
An die Adresse der Sage-Partner habe ich allerdings an dieser Stelle einen bereits selbst schon einmal erfolgreich praktizierten Vorschlag. Dies, zumal die Situation für sie mit dem angekündigten Verkauf äusserst ungemütlich, wenn nicht sogar existenzbedrohend werden könnte. Sie könnten eine Europa3000-Lösung anstreben, indem sich ein paar Partner zusammentun und die Sage Schweiz AG selbst kaufen. Vor allem dann, wenn andere Kaufinteressenten nicht Schlange stehen und der Kaufpreis, wie ich oben bereits spekulierte, eher bescheiden ausfallen dürfte.

Mein Fazit

"Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit." Alte Software mit alter Technologie stirbt (langsam), neue löst sie ab. Das ist der Lauf der Dinge und – so wie ich meine – völlig ok. Das heisst auch, wer aus seinen Software-Erträgen keine Reserven bildet, wird bei grundlegenden Technologiewechseln nicht die nötigen Investitionen tätigen können.
Die Softwaretechnologien und das Deployment von Software haben sich in den vergangenen Jahren fundamental verändert. So, dass eine blosse Revitalisierung von Legacy-Software ohnehin nicht wünschenswert ist.
Kunden müssen sich nach neuen Lösungen für ihr Business umschauen. Das tut ihnen – ehrlich gesagt – auch sehr gut. Damit kommt wieder Bewegung in ihr Business, in ihre Prozesse und Geschäftsmodelle und steigert, richtig gemacht, ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit.
Für Sage-Partner ist es zweifelsohne problematischer. Vor allem für diejenigen, die komplett auf Herstellerprodukte setzen, statt ihre Strategie produkt- und herstellerneutral zu verfolgen. Vielleicht wird das zu einer Marktbereinigung führen, die am Ende auch gar nicht so schlecht sein kann.
Urs Prantl war über 20 Jahre Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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