Prantl behauptet: Wer sein Geschäft wirklich kennt, wird auch mit Cloud Computing und Disruption fertig

23. November 2015, 09:49
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Disruption – ein Begriff in aller Munde.

Disruption – ein Begriff in aller Munde. Die Auswirkungen für die Branche sind zwiespältig. IT-Anbieter versuchen, mit dem Begriff Disruption Angst und Schrecken unter Kunden zu verbreiten. Nur mit Technologie, Technologie und nochmals Technologie sollen (vor allem etablierte) Unternehmen die Bedrohung ihrer Geschäftsmodelle in den Griff bekommen können.
Selbstverständlich macht aber die Disruption auch vor den IT-Anbietern selbst nicht Halt. Auch ihre Geschäftsmodelle werden angegriffen. Hier sprechen wir in der Branche dann von der eher unerwünschten Disruption, zwingt sie uns doch bei den eigenen Unternehmen zum Handeln. Der aktuelle "Disruptions-Klassiker" im IT-Business ist mit Sicherheit der zunehmende Siegeszug des Cloud Computing, der so manches Geschäftsmodell von Software-, Hardware- und IT-Serviceanbietern massiv bedroht.
Verständlicherweise entsteht aufgrund des aktuellen Megahypes rund um die zerstörerische Demontage von Geschäftsmodellen und der damit verbundenen Dauerbeschallung aus allen Medienkanälen für (IT)Unternehmer unweigerlich der Eindruck, Disruption sei etwas komplett Neues und müsse daher auch mit völlig neuen Mitteln "bekämpft" werden. Dem ist aber nicht so. Disruption – wenn auch nicht unter diesem Begriff – ist uralt. Die radikale Veränderung von Geschäftsmodellen gibt es, seit es Unternehmen gibt, wenn auch die breit angelegte Digitalisierung einerseits eine neue Qualität an Veränderungsgeschwindigkeit gebracht und andererseits die schiere Menge an möglichen radikalen Veränderungen massiv zugenommen haben.
Ein wirksames Medikament gegen bedrohlich empfundene Disruption liegt in der Anpassung und Weiterentwicklung des eigenen Geschäftsmodells, da ist man sich einig. Die Ursache der Bedrohung ist aber damit nicht beseitigt. Im Idealfall ist zwar das Problem für einige Zeit – nämlich bis zum nächsten Angriff – unter Kontrolle, es wird aber so sicher wie das Amen in der Kirche wiederauftauchen und zur nächsten Veränderung zwingen. Wir befinden uns also im "Reaktionsmodus" und nicht in einem Modus von aktiver Selbstgestaltung und damit auch nicht in einem Modus, in welchem wir unsere eigenen Wettbewerbsvorteile wirkungsvoll zum Einsatz bringen können.

Problemlöser statt Produzent

Die Ursache für "Disruptionsstress" liegt ursächlich im fehlenden, beziehungsweise ungenügenden Verständnis des eigenen Geschäfts. Ein Softwareanbieter, der sich unverändert als Hersteller und Lieferant seiner über die Jahre gewachsenen, erratischen Business-Software versteht, bekommt es verständlicherweise mit zunehmender Verbreitung von cloudbasierter Software irgendwann einmal mit der Angst zu tun. Wenn auch die überwiegende Zahl dieser Anbieter momentan den auch bereits für Blinde erkennbaren Trend zum cloud-ERP noch als "Spielerei für billige und ganz einfache Lösungen" abtun.
Ein gegen Disruption schützendes Geschäftsverständnis – übrigens eine "Erfindung" des grossen Management-Vordenkers Peter F. Drucker – zielt nämlich immer, ich betone IMMER, auf das beim Kunden zu lösende Geschäftsproblem und den damit verbundenen Nutzen ab. Das gilt auch für reine Produktefirmen. Auf den obigen Fall angewendet, könnte das Geschäftsverständnis des ERP-Anbieters beispielsweise lauten: "Wir sind im Geschäft für die digitale Steuerung von Unternehmensprozessen tätig". Ob dies nun mit Hilfe eines mächtigen on-premise-ERPs oder mit einer schlanken cloud-Lösung geschieht, hat dann vielmehr mit der gewählten Zielgruppe zu tun und damit, wie das Geschäftsproblem der Wunschkunden nach dem aktuellen Stand der Technik am besten gelöst werden kann.
Wenn nun aber VW – übrigens auch fast jeder andere Autohersteller – von sich behauptet, "Wir sind im Geschäft der Individual-Mobilität tätig", dann ist das offensichtlich nur ein Marketingspruch. Solange die Stückzahlen der abgesetzten Autos das Mass aller Dinge sind (und damit auch zum alleinigen Vergleich mit den Mitbewerbern herangezogen werden), spielt eben die Menge der Fahrzeuge nach wie vor die Hauptrolle und nicht die "Lösung des Mobilitätsproblems" der Kunden. Einen klaren Beleg für diese Fehlleitung liefert zurzeit der Abgasskandal.
Aufgrund des VW-Beispiels wird deutlich, dass ein problem- und nutzenorientiertes Geschäftsverständnis relativ einfach zu finden, jedoch schwierig in die Praxis umzusetzen ist. Speziell für Firmen, welche es gewöhnt sind, ihre Produkte zu "produzieren" und zu "vertreiben" ist ein solcher Sinneswandel nicht einfach. In Zeiten von schneller Disruption und austauschbarer Produkte – und dazu zählen die Mehrzahl an Software- und IT-Produkten – bleibt uns aber keine andere Wahl. Ich persönlich sehe daher eine Mega-Chance für Unternehmen, welche den gedanklichen Wechsel von ihren Produkten hin zum Problemlöser ihrer Kunden nicht nur in ihr Marketing, sondern "gentechnisch" in ihrer DNA implementieren können. Mit einem – idealerweise sogar differenzierenden – nutzenorientierten Geschäftsverständnis im Rücken und der dazugehörigen Umsetzung lässt sich in der Folge jede Disruption frühzeitig am Horizont erkennen und damit auch (spielend) meistern. Man bedenke: Von Cloud Computing sprechen wir mittlerweile seit vielen Jahren, der echte Marktdurchbruch erfolgt aber erst jetzt. Davor verstrich viel Zeit zum aktiven Anpassen der eigenen Geschäftsmodelle, leider meistens ungenutzt. (Urs Prantl)
Urs Prantl (53) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 unterstützt er primär IT- und Softwareunternehmer bei der aktiven und nachhaltigen Zukunftsgestaltung ihrer Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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