"Preiskämpfe wären nicht klug" - Avaloq und B-Source im Interview

6. Oktober 2011, 12:28
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Wie sich Avaloq mit B-Source im Banking-Outsourcing-Markt bewegen will, was Avaloq und Adcubum verbindet und wann der Stern am Schweizer Softwarehimmel vielleicht sogar an die Börse geht: Avaloq-CEO Francisco Fernandez und B-Source-Chef Markus Gröninger im Gespräch.

Wie sich Avaloq mit B-Source im Banking-Outsourcing-Markt bewegen will, was Avaloq und Adcubum verbindet und wann der Stern am Schweizer Softwarehimmel vielleicht sogar an die Börse geht: Avaloq-CEO Francisco Fernandez und B-Source-Chef Markus Gröninger im Gespräch.
Warum gibt es keine Schweizer SAP oder Microsoft? Ja, warum eigentlich - dies fragt sich auch der Avaloq-Gründer, -Besitzer und -Chef Francisco Fernandez (Foto links), der mit der Übernahme der Mehrheit des Tessiner Bankendienstleisters B-Source eben einen grossen Schritt in neue Geschäftsfelder gemacht hat. Zusammen mit B-Source-Chef Markus Gröninger (rechts) erläutert Fernandez im Gespräch mit inside-it.ch seine Strategie, die er mit B-Source, im internationalen Geschäft aber auch mit dem Insurance-Spezialisten Adcubum verfolgt und sagt, welche Gefahr dem Schweizer Software-Werkplatz droht.
Der Schweizer Markt für Core-Banking-Systeme ist verteilt und es gibt nicht mehr viel zu gewinnen. Ist das der heimliche Grund für den Kauf von B-Source?
Francisco Fernandez: Das sehe ich anders. Es gibt noch einige grosse Banken, die mehr denn je Handlungsbedarf haben. 2008, vor der Krise, war der Bedarf noch nicht so akut. Jetzt sieht die Situation anders aus.
Zudem gibt es rund 200 kleine Finanzinstitute - nicht nur Banken, sondern auch Effektenhändler oder unabhängige Asset Managers, die wir mit unserem Flaggschiff, dem Avaloq Banking System, nicht optimal erreichen konnten. Solche Institute sind nicht in der Lage, Avaloq selbst zu betreiben. Mit der parametrisierten Standard-Lösung "B-Source Master powered by Avaloq" haben wir nun auch für sehr kleine Institute ein kostengünstiges Angebot. Das ist ein zusätzliches Marktsegment für Avaloq.
Auch die Marktentwicklung spricht für uns. Die Assets der Banken schrumpfen und die Schweiz steht als Steueroase in Frage. Das Schweizer Offshore-Modell im Banking gibt es in dieser Form nicht mehr. Das setzt die Ertragslage der kleinen Institute enorm unter Druck, während gleichzeitig Kosten und Komplexität explodieren. Denken Sie nur schon an das Dutzend Abgeltungsabkommen, die implementiert werden müssen, und an die kommenden Regulierungen wie etwa FATCA. Schliesslich steigen auch die Ansprüche des Kunden. Er will Mobile-Banking, Rund-um-die-Uhr-Betreuung, internationale Dienstleistungen, einen Banking-Client für seinen Tablet-PC und vieles mehr. Kleine Institute kommen in einen nicht mehr zu bewältigenden Clinch zwischen Kosten und Erträgen. Dass diese Institute nun einen grossen Teil der Komplexität an B-Source übergeben können, bietet ihnen eine Überlebenschance. Wir haben schon heute bei B-Source das kritische Volumen, das es braucht, um ein kostengünstiges Angebot machen zu können.
Markus Gröninger: Wir können kleineren Banken mit dem B-Source Master nicht nur kostengünstig ein System anbieten, sondern auch sehr schnell - innert sechs Monaten von Projektstart bis zum Going-Live - einführen.
Während Avaloq mit B-Source nun kleinere Banken ansprechen kann, können wir umgekehrt jetzt auch grössere Banken adressieren. Für eine grössere Bank war es bisher undenkbar, ihre Kundendaten und ihre Wertschöpfungskette zu einer Tochterfirma der Konkurrenz auszulagern.
Welche Strategie verfolgen Sie im internationalen Geschäft? Wie wollen sie mit B-Source in der gleichen Liga wie eine IBM, Accenture oder Tata Consultancy Services spielen?
Francisco Fernandez: B-Source ist bereits heute international tätig, denn unser Kunde BSI ist in 12 Ländern präsent. Wie bei Avaloq haben wir mit B-Source die Strategie, zuerst die Hausaufgaben im Heimmarkt zu machen. Wenn wir die Dienstleistungen von B-Source im Schweizer Markt gut erbringen, so werden sie zu einem exportierbaren Gut. Warum soll der Erfolg mit der Internationalisierung der Software beim Lizenzgeschäft aufhören?
Seit 2007 sind wir mit Avaloq international tätig. Heute haben wir Auslandniederlassungen in Luxemburg, Singapur, Hongkong, Wien, Paris, Frankfurt und London. Die Niederlassungen in Luxemburg und Asien haben die Profitabilität bereits erreicht. Je komplexer ein Markt ist, desto besser sind wir positioniert und desto eher gehen wir ihn an. Zudem gibt uns die Fähigkeit, hohe Komplexität zu bewältigen, Glaubwürdigkeit. Es ist auch einfacher, sie zu reduzieren als umgekehrt. Wir machen es wie Mercedes: Zuerst entwickeln wir eine S-Klasse und erst danach die günstigere A-Klasse. Deren Käufer kaufen zwar ein billigeres Auto, aber immer noch einen "Mercedes".
Mit dem Kauf der Mehrheit an B-Source konkurrenzieren Sie nun auch Partner wie Swisscom, IBM oder Accenture. Wie hat der Chef von Swisscom IT Services, Eros Fregonas, auf die Nachricht reagiert?
Francisco Fernandez: Ich denke, Co-opetition ist heute mehr als normal. Auch Swisscom implentiert andere Systeme. Dasselbe gilt auch für Accenture, IBM und andere Dienstleister.
B-Source ist nun von BSI "befreit", Econis hat neue Besitzer und die Churer Inventx wurde aus T-Systems herausgelöst. Wird es zu Preiskämpfen kommen, wenn die IT-Outsourcing-Verträge der letzten Jahre auslaufen? Wird der Markt neu verteilt?
Francisco Fernandez: Preiskämpfe wären nicht klug. Der Kunde wird Leistung suchen. Je besser die Leistungen, desto höhere Preise ist er bereit zu bezahlen.
Markus Gröninger: Die meisten unserer Mitbewerber im Business Process Outsourcing gehören den Banken und haben eine eigene Plattform, während Swisscom IT Services eher ein Infrastrukturbetreiber ist. Doch im BPO-Geschäft spricht man von Industrialisierung: Nur mit hohen Volumina kann man Skaleneffekte erzielen. B-Source gehört Avaloq und wir sind mit 200 Millionen Franken Umsatz im BPO-Geschäft klar der grösste Anbieter in der Schweiz.
Francisco Fernandez: Dass eine Investorengruppe bei Econis einsteigt, ist für mich eine Bestätigung dafür, dass der Markt jetzt reif wird. Deshalb haben wir ja B-Source zum jetzigen Zeitpunkt übernommen.
Bis heute hat man zwar von BPO gesprochen, doch viele Kunden überzeugen konnte man bisher nicht. Wie wollen sie das Misstrauen überwinden?
Markus Gröninger: Bis vor drei Wochen gab es keinen Player im BPO-Geschäft, der nicht einer Bank gehörte oder selbst eine Bank war. Wer BPO anbieten will, braucht eine eigene Plattform, wie wir sie haben. Wer nur die Plattform des Kunden betreibt, bietet doch nur eine Art Bodyleasing an.
Wie geht es mit B-Source nun weiter? Wie wird B-Source in die Avaloq-Gruppe eingebaut?
Francisco Fernandez: Wir haben mit B-Source nicht nur Wertschöpfung übernommen, sondern auch gute Leute. Beide Unternehmen werden relativ autonom bleiben. Wir überlegen höchstens, gewisse überlappende Prozesse zusammenzulegen. Aber die Übernahme von B-Source ist keine Kostenstory und es geht nicht darum, mehr Gewinn durch das Ausmerzen von Redundanzen zu erzielen. Sondern wir wollen die Erträge durch zusätzliches Wachstum vergrössern. Ausserdem betreiben wir im Tessin nun unsere eigene Software und haben damit sehr viel mehr Einblick in die Anwendung der Lösung im Betrieb. Das ist ein grosser Vorteil.
Sie, Herr Fernandez, haben zusammen mit Investoren die St. Galler Versicherungs-Softwarefirma Adcubum übernommen. Die Parallelen zu Avaloq liegen auf der Hand. Wird es einmal einen Zusammenschluss geben? Und gibt es einen Zusammenhang mit B-Source?
Francisco Fernandez: Ich sehe tatsächlich Parallelen zwischen Adcubum und Avaloq. Beide Firmen machen Standard-Software, sind seit Tag 1 profitabel und eine Wachstumsstory. Auch bei den Zielmärkten gibt es Parallelen, denn auch Versicherungen gehören zur Finanzindustrie und sind Unternehmen, die Risiken kaufen und verkaufen.
Doch Adcubum befindet sich in einer anderen Entwicklungsphase als Avaloq. Die Firma ist noch jünger und dynamischer. Das Zusammengehen von Adcubum und Avaloq könnte dann einmal eine Option sein, wenn die beiden Firmen auf gleicher Augenhöhe sind.
Ich kann mir auch gut vorstellen, Business Process Outsourcing in der Versicherungswelt anzubieten. Der Einstieg ist eine Frage des Timings.
Avaloq gilt technologisch als relativ "altes" System. Basiert Avaloq nicht auf einer alten holländischen Lösung? Werden Sie eine völlig neue Version entwickeln?
Francisco Fernandez: Nein. Avaloq ist eine völlige Neuentwicklung. Die Geschichte geht so: 1990 bekam ich von der BZ-Bank den Auftrag, ein neues Kernbankensystem zu evaluieren. Die Bank arbeitete mit einem System von NCR, damals einem der Marktleader, und platzte mit dem System aus allen Nähten. Wir suchten in der Schweiz, danach in ganz Europa und fanden nichts Geeignetes. In Holland wurden wir zwar nicht glücklich aber wenigstens fündig. Wir helvetisierten das System namens REIS und lernten dabei, wie man mit einem grossen System und vier bis fünf Millionen Zeilen Code umgeht. Aber mit dem späteren Avaloq hat das System nichts zu tun.
Später beschlossen wir, ein völlig neues System zu bauen. So entstand Avaloq zwischen 1994 und 1997. In Avaloq stecken 1000 Mannjahre und es ist immer noch die modernste Bankensoftware, die es gibt.
Ich würde auch heute eine neue Lösung mit den gleichen Technologien entwickeln: An der Front bauen wir auf dem Server in Java unter UNIX, Apps unter iOS und Android. Die grossen, datenbanknahen Funktionen bauen auf Oracle RAC und PL/SQL. Das graphische Interface für die Banker ist mit .Net programmiert, denn jeder Banker hat einen Windows-PC. Wenn es um Software für die Webplattform geht, programmieren wir heute in HTML 5, vor zwei Jahren war es noch HTML 2. Fazit: wir verwenden immer die richtige Technologie für die entsprechende Problemstellung.
Man gewinnt den Kampf im Softwarebau nicht mit der Technologie, sondern mit der Modellierung. Ein Ingenieur muss die Realität modellieren können - in welcher Sprache er das macht, ist sekundär.
Die Frage nach einem allfälligen Börsengang mit Avaloq gehört zu den Standardfragen bei Gesprächen mit Ihnen. Wir stellen sie auch: Wann gehen Sie mit Avaloq an die Börse?
Francisco Fernandez: Ein Unternehmer wird nie durch einen möglichen Börsengang motiviert. Wenn der Börsengang ein Exit ist, kann es für mich nicht das Ziel sein. Denn als Unternehmer – da schliesse ich ganz Avaloq als Mitunternehmer ein - darf man sich keine mentalen Grenzen setzen. Deshalb ist für mich ein Börsengang nur ein Finanzierungsmodell. Da stellt sich die Frage nach dem richtigen Moment. Heute bekommt man Geld relativ günstig - wir hatten bis jetzt kein Fremdkapital und wenn wir jetzt etwas finanzieren wollen, können wir zu sehr guten Konditionen Geld aufnehmen. Also ist heute der falsche Moment. Zudem machen wir heute zuerst unsere Hausaufgaben in den sechs Märkten, in welchen wir aktiv sind. Wenn es dann später darum gehen wird, von sechs Märkten in 60 zu expandieren, könnte der Moment gekommen sein. Dann könnte man den Prozess vielleicht durch einen Börsengang beschleunigen.
Gibt es eine Grenze des Wachstums für Avaloq? Gibt es in der Schweiz überhaupt genug Ingenieure, damit Sie Ihre Pläne umsetzen können?
Als Unternehmer darf man sich keine mentale Grenze setzen. Solange man Träume und eine Ideen hat, wie man sie realisieren könnte, gibt es keine Grenze. Wir sind nach Edinburgh gegangen, um mehr Zugang zu Talenten zu erhalten. In Schottland gibt es 19 Universitäten, an denen etwa 2000 Informatiker pro Jahr graduieren.
Markus Gröninger: Dazu kommt das Tessin. In einem Umkreis von 90 Kilometer rings um Lugano gibt es etwa sieben bis acht Millionen Menschen. Viele davon gut ausgebildet. Das ist für B-Source ein entscheidender Produktionsfaktor.
Francisco Fernandez: Wir beginnen nun die Entwicklung zu lokalisieren. Es gibt die ersten Entwickler in unseren Niederlassungen in Asien, es gibt Leute in London, in Edinburgh werden wir entwickeln und im Tessin machen wir es schon. Wir werden unser Entwicklungsmodell also expandieren.
Können Sie den Software-Standort Schweiz erhalten?
Francisco Fernandez: Ein guter Ingenieur muss die Industrie seiner Kunden aus dem FF kennen. Wir gehen nicht zum Kunden und sagen ihm: "Schreib uns Spezifikationen und wir programmieren dir die Lösung sehr schnell, sehr gut und sehr billig". Wir schreiben unsere Software sozusagen am Pult des Bankers, wo die Finanzinnovation entsteht. Deshalb entwickeln wir in reifen Finanzmärkten, in Grossbritannien und in der Schweiz.
Was tun Sie für die Förderung des Nachwuchses?
Francisco Fernandez: Wir arbeiten mit Universitäten und unterstützen diese - auch finanziell. Wir arbeiten mit der ETH und der Universität Zürich, mit der Universität St. Gallen und der IFZ in Zug. Ich engagiere mich auch persönlich, so etwa in der ETH-Foundation.
Ausserdem gibt es einen ganzen Strauss an Massnahmen, mit dem wir versuchen, ein guter Arbeitgeber zu sein. Es gibt die internen Academies für die Weiterbildung, wo wir zum Beispiel jungen Ingenieuren Banking beibringen. Es gibt ein Beteiligungsprogramm, so dass sich Top-Performer an der Firma beteiligen können. Erfolg und Wachstum selbst ist immer auch ein Motivator.
Markus Gröninger: B-Source arbeitet auch seit Jahren mit den Universitäten St. Gallen und der Informatik-Fakultät der Università della Svizzera italiana (USI) zusammen.
Kann man den Software-Entwicklungsstandort Schweiz retten?
Francisco Fernandez: Der Software-Standort Schweiz existiert und ist attraktiv. Google zum Beispiel hat das sehr wohl bemerkt. Doch er muss noch besser vermarktet werden. Wir müssen schauen, den Standort-Vorteil zu halten. Zürich gibt sich, gerade auch mit der Initiative eZürich, sehr viel Mühe. Und wir haben die ETH, HSG und andere Ausbildungsstätten von Weltrang.
Aber wir haben etwas Schwierigkeiten mit den Kontingenten für Fachleute aus nicht-europäischen Ländern, obwohl sich Zürich auch hier enorm bemüht. Doch wir bekommen aus Bern nicht die Kontingente, die wir brauchen. Zum Beispiel, wenn wir eigene Mitarbeiter aus Asien hierher bringen wollen, um ihnen Banking-Know-how zu vermitteln. Wenn wir die Leute nicht bekommen, könnte es uns zwingen, mehr und mehr ins Ausland zu gehen. (Gespräch: Maurizio Minetti / Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Avaloq ist als "Sponsor" ein Werbekunde unseres Verlags.)

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