Problem "Freihänder"

25. August 2016, 13:01
  • e-government
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Zwischen Vendor-Lockin, Administrationsaufwand und Wettbewerb.

Zwischen Vendor-Lockin, Administrationsaufwand und Wettbewerb. Die Diskussion der freihändigen Vergaben an der Beschaffungskonferenz.
Die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit unter der Leitung von Matthias Stürmer bemüht sich nicht nur mit der gestern zum fünften Mal über die Bühne gegangen Beschaffungskonferenz um mehr Transparenz in der Auftragsvergabe der öffentlichen Verwaltung. Stürmer eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis auf die allgemein zugängliche Beschaffungsstatistik zeigte aber auch, dass es bei freihändigen Vergaben im IT-Bereich häufig auch um Vertragsverlängerungen geht, etwa mit Anbietern wie SAP, EMC oder Microsoft.
Dennoch sind Stürmers Daten unmissverständlich: Bei nahezu allen Vergaben sind die "Freihänder" in der IT überproportional vertreten. SVP-Nationalrat und IT-Unternehmer Franz Grüter sprach denn auch in seinem Vortrag von einem Missstand. Wenn rund zwei Drittel aller IT-Aufträge ohne Wettbewerb vergeben werden, sei das zu viel und die "Freihänder" müssten reduziert werden.
RFI als "Dritter Weg"?
Der Forderung wurde allgemein zugestimmt, nicht zuletzt weil damit insgesamt mehr Transparenz auch für die Bürger geschaffen werde. Doch die Auftragsvergabe ist hierzulande spätestens seit dem Insieme-Skandal. Dabei hatten wir unterschlagen, dass es sich um einen sogenannten RFI (Request for Information) gehandelt hatte. Damit war das Kaio aber gerade dem Vorwurf einer möglichen unsauberen, freihändigen Vergabe zuvorgekommen und hatte dennoch eine umfangreiche Ausschreibung vermieden.
Der administrative Aufwand habe sich von rund sechs Monaten für eine komplette Ausschreibung auf einen halben Tag für die Erarbeitung des RFI reduzieren lassen. Gleichzeitig habe man sich komplett im gesetzlichen Rahmen bewegt und habe keinerlei Risiken eingehen müssen, wie Fischer zu inside-it.ch sagte. Um relativ einfach Freihandvergaben von nötigen, aufwändigen Ausschreibung zu unterscheiden, ist der RFI-Weg eine Variante. Man ist transparent, bewegt sich innerhalb der gesetzlichen Vorgaben und wählt im Rahmen der bestehenden Regeln die sinnvollste und vernünftigste Vorgehensweise, so Fischer.
Software automatisiert Ausschreibungsprozess
Einen anderen Weg, Freihandvergaben zu minimieren, schlummert in der Software des Startups Evalu8. Sebastian Koziol, einer der drei Gründer der 2014 gestarteten Firma, verwies auf die Software-basierten Möglichkeiten von Ausschreibungen. Was bisher meistens per Excel-Tabellen abgewickelt werde, könne über die Software des Startups weitgehend automatisiert werden. Koziol, den wir gestern an der Beschaffungskonferenz getroffen haben, sieht hier erhebliche Möglichkeiten zur Zeiteinsparung und Effizienzsteigerung im Beschaffungsprozess. Niemand müsse mehr das Rad selbst erfinden. Über Datenbanken würden beispielsweise Kriterienkataloge im Idealfall in der ganzen Schweiz verfügbar gemacht. Auf Dauer und konsequent umgesetzt, verspricht also auch Evalu8 über eine "Digitalisierung" der Ausschreibungen, die Anzahl freihändiger Vergaben zu reduzieren. (Volker Richert)

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