Prophezeiung #4: Digitalisierung

29. Dezember 2020, 08:00
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Wie es die Schweiz endlich schafft, eine IT-Strategie umzusetzen.

Es könne doch nicht sein, so die Meinung der eidgenössischen Räte, dass die Schweiz noch immer keine IT-Strategie habe. "Ich wurde am letzten Gipfeltreffen ausgelacht, weil ich meine Unterschrift per Fax versendete", und "bald haben wir für all die Steuererklärungen keinen Platz mehr in unseren Armee-Bunkern!", ist aus den bundesrätlichen Stuben zu hören.
Der Auftrag ist klar: Die Digitalisierung der Bundesverwaltung hat oberste Priorität. Zeit, "fürschi zu machen". So zumindest der Plan. Das Projekt "Confoederatio Helvetica 2.0" – kurz Cohel 2.0 – wurde geboren. 
Unsere exklusiven Recherchen zeigen nun, dass die Schweiz zwar kurz davor ist, eine Digitalisierungsstrategie erfolgreich umzusetzen. Allerdings ist dies nur über Umwege gelungen. Brisant: Cohel 2.0 ging fast vergessen. Besonders brisant: Die Schweiz setzte auf US-Technologie.
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Begonnen hat alles kurz vor einer Bundesratssitzung im Jahr 2012. Die für Cohel 2.0 zuständigen Räte hatten es nämlich versäumt, ebendiese Strategie für die Sitzung vorzubereiten. Um sich nicht bloss stellen zu müssen vor den Kolleginnen – "Ich ha dir doch scho zig Mal zeigt, wie du dir uf em Smartphone en Reminder setze chasch!" und "Häsch kei Alert für so öppis?" – blicken sie hoffnungsvoll ins Ausland.
Digitalisierungs-Vorzeigekind Estland wird wohl eine ausgeklügelte und erprobte Digitalisierungsstrategie haben. In der Tat: Ein PDF mit dem Titel "See IT-strateegia on väga hea" ist rasch auf 'eesti.ee' gefunden, mit Google-Translate übersetzt, in 9-facher Ausführung ausgedruckt und an die Sitzungsteilnehmenden verteilt.
Viel Zeit an der Sitzung bleibt nicht, Cohel 2.0 im Detail zu besprechen. Die Agenda ist schliesslich mit wichtigerem vollgepackt – "Was, die wollen wirklich 6 Wochen Ferien für Alle?", sodass das 127 Seiten starke Papier kurzerhand durchgewunken wird. Denn es braucht sie dringend diese IT-Strategie, man will ja nicht hinterherhinken, als Schweiz gilt es einen Ruf zu verteidigen.
Endlich kann es an die Arbeit gehen. Denn Behördengänge gehören digitalisiert, die Schulen mit IT ausgerüstet und die Verwaltung automatisiert. Während einzelne Aspekte nach estnischem Vorbild im Nu umgesetzt werden konnten – Stichwort: Lehrplan 21 – gestaltet sich die Transformation der Verwaltung als anspruchsvoll. Für die ambitionierten Ziele fehlt schlicht das Know-how zu Themen wie Automatisierung, Analytics oder KI.
Für einen Rückzieher ist es aber zu spät, denn die 9-fach abgestempelten, visierten, unterzeichneten Exemplare des 127-seitigen Papiers verstauben fein säuberlich abgelegt in Bundesordnern, der Inhalt ist somit in Stein gemeisselt. Den Behörden bleibt nichts anderes übrig, als das Know-how intern aufzubauen.
Man will nun aber nicht tausende von Beamten zurück an die Schulen schicken – Stichwort: Lehrplan 21 ("Die können programmieren") und schon gar nicht an die Hochschulen – Stichwort: "Informatik 201" ("Die können wirklich programmieren!"). Stattdessen wird ein breit gefächertes Aus- und Weiterbildungsprogramm in der ganzen Schweiz ausgerollt. Verkauft wird es als Programm für die Wirtschaftsförderung, da der Privatwirtschaft schliesslich bald zehntausende von IT-Spezialisten fehlen. Gebraucht aber wird es in erster Linie für den bundesinternen Know-how-Aufbau.
Geboren ist die "Informatik-Taschenratte", ein Förderprogramm, an das Beamte ihre Kinder begleiten können, um ihre Scheu vor der IT zu verlieren. Mit der "ICT-Pfadi" wird ein Projekt auf die Beine gestellt, um besonders IT-talentierte Behördenangestellte zu finden. Sie nehmen zwar in offizieller repräsentativer Funktion am "ICT-Pfadilager" teil – rotes Band durchschneiden, Händeschütteln –, lernen dort aber neue, in der Bundesverwaltung dringend benötigte ICT-Skills. Ergänzt wird das Ganze mit dem Mentorinnenprogramm "Dames de la Technologie Suisse". Nicht fehlen dürfen schliesslich Zertifikate, die im Selbststudium und virtuell erworben werden können, und sicherstellen, dass die Beamten nach erfolgreicher Umsetzung der Strategie arbeitsmarktfähig bleiben.
Und so werden langsam, aber sicher die Bundesbeamten zu Devops-Spezialisten, Analytics-Experten und Blockchain-Evangelisten ausgebildet. Alles in allem darf das Umsetzungsprogramm von Cohel 2.0, "Hopp Cohel 2.0", als Erfolg bezeichnet werden. Auch von einzelnen kleinen Stolpersteinen lässt man sich in Bundesbern nicht beirren. So stört auch nicht, dass Google "Küberturvalisus" fälschlicherweise mit "Online-Sicherheit" anstatt "Cybersicherheit" übersetzt hat – statt Firewalls gibt's halt Pop-up-Blocker.

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