Prophezeiung #5: Events

30. Dezember 2020, 07:00
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Das Aussterben der Online-Kundenkonferenzen.

2022 wird es der Schweiz als einem der letzten Länder der Welt endlich auch noch gelingen, durch die Impfung grosser Teile der Bevölkerung die Corona-Pandemie einzudämmen. Physische Konferenzen oder andere Kundenveranstaltungen mit echten Menschen an einem Ort wären also wieder möglich. Trotzdem bleiben Online-Veranstaltungen in der Mehrheit, denn sie sind halt sooo bequem und ihre Organisation ist viel billiger als die einer echten Konferenz. Darum werden vor allem Unternehmen der ICT-Branche noch viel mehr Online-Events durchführen.
Wird dies nun zu einer zunehmenden Online-Konferenz-Müdigkeit beim angepeilten Publikum führen? Nun… Jein! Denn so ein ICT-Entscheider bei einem Kundenunternehmen loggt sich durchaus gerne in eine Online-Konferenz ein. Schliesslich kann man das als Arbeitszeit verbuchen. Aber muss man sich deshalb stundenlange Marketing-Keynotes anhören und sich das Hirn durch weitere Erklärungen eines Anbieters zudröhnen lassen, warum er so viel besser und freundlicher und umweltschützerischer usw. ist als alle anderen? (Wegen der Kundenorientierung natürlich!) 
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Nein! Der Ton ist leicht abgestellt, das Bild minimiert oder der Laptop sogar in ein anderes Zimmer gestellt, damit man sich wichtigeren Tätigkeiten widmen kann. Zum Beispiel endlich wieder mal ein Buch lesen, gamen, den Partner küssen und… Falls am nächsten Tag jemand in der Bude fragt, wie die Online-Konferenz war, sagt man einfach: "Super, sie haben erklärt wie gut sie sind, weil…" und dann wiederholt man einfach, was irgendein anderer Anbieter bei einer Konferenz gesagt hat, bei der man noch aufmerksam war. Der Fragesteller wird schon nach den ersten Worten nicht mehr zuhören (den Ton abstellen kann man auch in der physischen Welt) und sicher keine weiteren Fragen stellen.
Irgendwann Mitte 2023 wird dies bei den Unternehmen, welche diese Online-Konferenzen durchführen, zu einer zunehmenden Ernüchterung führen. Ja, die Dinger kosten nicht viel, aber trotz der hohen "Besucherzahlen" ist der messbare Nutzen anscheinend noch viel kleiner. "Warum?", werden diese Unternehmen ihre Marketing-Abteilungen und -Agenturen fragen, "unsere Message ist doch sooo spannend!". Diese werden zuerst sagen, dass die Firmen-Message natürlich die Spannendste dieser Welt ist und behaupten, dass der Nutzen falsch gemessen wurde.
Nach einigen weiteren Monaten aber werden die Unternehmen auch von diesen Ausflüchten genug haben und es werden immer weniger Online-Events durchgeführt. Einige der "Besucher" sind froh, andere trauern der bezahlten Freizeit nach. Dem Versuch, wieder vermehrt reale Konferenzen durchzuführen, ist auch wenig Erfolg beschert. Sich in ein Auto zu schmeissen, stundenlang in irgendeinen Krachen zu fahren oder in einer grossen Stadt einen zu Parkplatz suchen, dann tatsächlich in stickigen Sälen statt im bequemen Home-Office-Sessel mit Cappuccino und Pommes Chips versorgt, Vorträge (nicht) anzuhören – Das zieht einfach nicht mehr.
Auch 2024 wird noch niemand eine wirkliche Lösung für dieses Dilemma gefunden haben: Online-Events machen, bei denen niemand zuhört, oder reale Konferenzen, an die niemand kommt?
Der Versuch einer Agentur, heimlich im Internet bezahlte Besucher für Online-Konferenzen anzuheuern, die nicht nur zuhören, sondern sogar Fragen stellen, scheitert schnell. Die hohe Zahl der Fragen, die mit einem indischen Akzent gestellt werden fällt einfach zu sehr auf.
Immerhin eine Idee wird allerdings etwas Erfolg haben. Ein kluger Marketing-Mensch stellt sich die Frage, wie man die Kosten von Online-Events auf ein so tiefes Niveau senken könnte, dass es für die Auftraggeber gar keine Rolle spielt, dass sie nur sehr wenig nützen. Die Antwort: Da ja eh niemand zuhört, warum überhaupt ein Online-Event tatsächlich durchführen. Man kann ja auch einfach irgendwann eine Pressemitteilung verschicken, in der man behauptet, dass dieses oder jenes Event stattgefunden habe, wie toll es war, wie viele unglaublich begeisterte Online-Besucher man hatte und zusammenfassen was all klugen Köpfe, die angeblich Vorträge hielten, gesagt haben. Irgendeine Content-hungrige Online-Newssite wird diese Meldung bestimmt aufgreifen. Kein Journalist wird je nachprüfen, ob das Event tatsächlich stattgefunden hat.
Und wenn alles nichts nützt, kann man die Pressemeldung zur nicht durchgeführten Online-Konferenz auch ziemlich billig als bezahlten Content publizieren lassen.
Der Vorschlag eines geschichtsbewussten Marketing-Menschen, eine solche Veranstaltung als Potemkin'sche Online-Kundenkonferenz zu bezeichnen, setzt sich übrigens nicht durch. Da redet man doch lieber hinter vorgehaltener Hand von "virtuellen virtuellen Konferenzen".

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