Rechen- und Formulierungskünste der Schweizer Distributoren

25. August 2006, 17:37
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht
An der Bilanzmedienkonferenz der Also Holding warf Thomas Weissmann der Konkurrenz ziemlich unverblümt mangelnde Rechenfähigkeiten vor. Ursache der Kollegenschelte waren wohl (auch) die erbitterten Preiskämpfe, die Hewlett-Packard im Frühjahr unter den helvetischen Distis ausgelöst hatte.
Rechenkünste sind auch bei uns Journis gefragt - zum Beispiel wenn es um die Interpration einer kleinen Umfrage unter den "Big 4" der Schweizer Distribution geht. Wir fragten bei Actebis, Also, Ingram Micro und Tech Data nach, ob der brutale Einbruch im Schweizer PC-Geschäft zu Stellenabbau geführt habe. Meistens bekamen wir (sehr) interpretationsbedürftige Antworten.
Hans Peter Weiss von Actebis zum Beispiel sagte uns: "In jedem gut geführten Unternehmen überprüft man laufend die Strukturen und passt sie neuen Anforderungen an. Man muss Entscheide treffen und manchmal können diese Entscheide auch die Schaffung von neuen Stellen bedeuten. Und manchmal gibt es Bereiche, auf die man weniger fokussiert. Konkretere Angaben wollte sich Weiss nicht entlocken lassen, ausser: "Fakt ist, dass man laufend die Kosten optimieren muss. Und in der Distribution sind das nun mal zu 60 bis 70 Prozent Personalkosten."
Wie sollen wir diese Aussage nun interpretieren? Wir sagen: Actebis hat signifikant Stellen abgebaut. Der Gerechtigkeit halber muss man aber auch sagen, dass Actebis den Verkauf in der Deutschschweiz ausgebaut hat und dort unterdessen mehr Leute beschäftigt, als noch vor ein paar Monaten.
Auch bei der Antwort von Also-Chef Marc Schnyder muss man genau hinhören. Der Schweizer Über-Disti beschäftigte nämlich Ende Juni in der Schweiz mehr Mitarbeitende als noch Anfang Jahr. Eingestellt hat man Leute für die Verbrauchsmaterialdistribution (ACS) und im VAD-Bereich (EMC, HDS, Cisco). Hat Also also keine Stellen abgebaut? Schnyder: "Wir sind kein amerikanischer Konzern und wir entlassen wegen einem schlechten Quartal sicher keine Leute. Aber wenn ein Hersteller Marktanteile verliert, ist es klar, dass wir Kapazitäten umschichten und auch mal eine Stelle nicht neu besetzen.
Unsere Interpretation: Also beschäftigt heute in gewissen Geschäftsfeldern (PC Distribution - Acer) weniger Leute, hat aber insgesamt heute mehr Angestellte als Anfang Jahr. Mit ein Grund ist, dass Also einige Mitarbeitende aus der Dicom-Logistik übernommen hat.
Abbau im Frühling, Aufbau im Herbst
Manfred Steinhardt von Tech Data ist der einzige Schweizer Disti-Boss, der uns eine konkrete Zahl nennt: "Wir haben wegen schlechtem Geschäftsgang etwa fünf Stellen in Verkauf und Marketing abgebaut," so Steinhardt. Bis zum Juni seien die Umsätze von Tech Data drei Prozent im Plus gewesen, das Wachstum habe sich im Juni dann aber "in Luft aufgelöst". Aber der Preiszerfall und die anhaltenden Preiskämpfe (Ingram!) führten gemäss Steinhardt zu wesentlich geringeren Gewinnen.
Steinhardt erwartet, dass die schlechte PC-Konjunktur auch im zweiten Halbjahr aus den bekannten Gründen (Vista-Verschiebung, neue Chipgenerationen) anhalten wird. Trotzdem wird Tech Data gemäss Steinhardt "im Herbst" die Verkaufsabteilung wieder ausbauen.
Bei Ingram Micro scheinen hingegen gleich viele Leute wesentlich mehr arbeiten zu müssen. Oder wie sonst sollen wir Joe Feierabends Antwort interpretieren? "Wir haben im 1. Halbjahr rund 16 % (gegen Vorjahr) beim Umsatz zulegen können und das bei weniger rasch steigenden Personal-Kosten. Das heisst im Klartext, der Mitarbeiterbestand im 1. Halbjahr blieb ziemlich konstant." Ingram hatte mit der Einführung der "XXL-Distribution" (Belieferung mit Produkten von 160 Herstellern aus dem Zentrallager in München) ab letztem Herbst "einige wenige" Stellen in Einkauf, Produktmarketing, Warenein- und Ausgang abgebaut.
Ab Herbst dann will aber auch Joe Feierabend wieder neue Leute einstellen: "Im 4. Quartal werden wir den Personalbestand noch aufstocken (ca 10%)," sagt Feierabend.
Wer verlor die Byte-Line-Million?
Fazit unserer kleinen Umfrage: Das miese PC-Geschäft in diesem Jahr dürfte in der Schweizer Distribution einige Stellen gekostet haben. Unsere Schätzung: Mindestens 20, denn auch kleinere Distis (COS!) dürften Stellen abgebaut haben.
Ein weiteres Opfer des miesen PC-Markts war der Assemblierer Byte-Line, der im August gewaltsam (Konkurs) aus dem Geschäft stieg.
Die Branche rätselt über die Frage, welcher Disti sich wieviel Geld beim Byte-Line-Konkurs ans Bein streichen musste. Immerhin spricht die Branche von verlorenen Ausständen "von einer Million". Auch bei der Lösung dieser Frage sind Interpretationskünste gefragt. "Also und Tech Data waren es nicht", heisst es aus gut informierten Quellen. Bleiben noch Ingram und Actebis. Wir tippen nach der "educated guess"-Methode auf Actebis. Ob das Pech in Littau seinen Stammsitz hat? (Christoph Hugenschmidt)

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