Reich werden ohne Gier

27. Juni 2008, 16:13
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Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar

Bill Gates arbeitet heute zum letzten Mal als 100-Prozent-Angestellter von Microsoft, bleibt aber Verwaltungsratspräsident.
Sie kennen das: Kartonschachteln auf dem Pult, eine leise Wehmut beim Betrachten von diesen und jenen Give-Ayways, die man zwar beileibe nicht zu Hause haben möchte, aber bis zum heutigen Tag auch nicht fortwerfen konnte. Ob es wohl dem ehemaligen Microsoft-Chef Bill Gates auch so geht? Der superreiche und viel gehasste Intelligenzbolzen (er schaffte bei den US-College-Zulassungsprüfungen 1590 von 1600 möglichen Punkten!) hat heute seinen letzten Arbeitstag als Vollzeitangestellter von Microsoft. Er wird zwar weiterhin für spezielle Projekte und als Präsident des Verwaltungsrats bei Microsoft arbeiten, sein Fokus wird künftig aber vermehrt auf die 'Bill & Melinda Gates-Stiftung' gerichtet sein, die er aus seinem märchenhaften Vermögen finanziert.
Warum haben alle Windows?
Der (ehemalige) Microsoft-Chef wird ausserhalb des Redmonder Konzerns, dem man früher zu Recht nachsagte, eine "Sekte" zu sein, nicht angebetet wie andere. Er geniesst weder die Verehrung von Apple-Chef Steve Jobs in seinem schwarzen Rollkragenpulli, ist nicht so aggressiv neurotisch wie der ebenfalls superreiche Larry Ellison und kein witziger Redner wie Sun-Gründer Scott McNealy.
Trotzdem ist heute auf fast jedem PC ein Betriebssystem von Microsoft installiert. Die Windows-Abteilung von Microsoft generiert gewaltige Margen und der Preis für ein Windows ist eher eine Steuer denn eine Entschädigung für die Produktion. Dabei gibt es mit den Linuxen gut funktionierende, kostenlose Alternativen. Und Unix-Derivate wie Solaris sind älter, stabiler und weitaus günstiger (ein Solaris 10 für einen 2 x 2-Kern Server kostet läppische 100 Franken und hat dabei Features wie Virtualisierung schon drin). Mit Apples OS X gibt es unterdessen sogar schon ein Unix-PC-Betriebssystem, das viel schöner aussieht als Windows und leichter zu lernen und bedienen ist.
Selbst ein Flop wie Windows Vista scheint Microsoft nicht zu schaden. Man kann es sich leisten, den Heimkunden das Betriebssystem beim Kauf eines neuen PCs regelrecht aufzuwingen. Bei Firmenkunden, für die die Linuxe eher eine Alternative sind, ist Microsoft zwar vorsichtiger und lässt mehr Wahl zu, doch werden auch die Firmenkunden früher oder später bei Microsoft Geld für ein neues PC-Betriebssystem abliefern, das anderenorts gratis zu haben wäre.
Was also machte Bill Gates besser als seine Konkurrenz? Lassen Sie sich überraschen: Gates ist nicht gierig. Oder wenigstens nicht zu sehr.
Reich werden mit Microsoft
Sie finden, wir seien nun ganz durchgedreht? Und Sie verweisen auf Gates' berühmten offenen Brief an die Community der Computer-Bastler vom Februar 1976, in dem Gates schreibt, dass jeder der Software kopiert ohne sie zu bezahlen, ein Dieb sei.
Trotzdem: Gates verkaufte 1980 das Betriebssystem 86-DOS, mit dem die PC-Industrie ihren Siegeszug bis ins letzte Wohnzimmer der industrialisierten Welt begann, für läppische 80'000 Dollar an IBM. Das Copyright am 86-DOS, das übrigens nicht von Microsoft selbst entwickelt worden war, blieb aber bei Microsoft - Gates verzichtete zum ersten Mal auf das schnelle Geld zu Gunsten des grossen Gelds.
Als einer von wenigen sah Gates das riesige Potential des Konzepts "persönlicher Computer". Andere Hersteller als IBM würden ebenfalls PCs bauen wollen und ein Betriebssystem brauchen. Eines übrigens, das nicht möglichst wenig, sondern möglichst viel Ressourcen verbraucht, um den Bedarf an neuen Computern hoch zu halten. Das freut die PC-Industrie und hält sie bei der Stange.
Ähnlich der Umgang mit Entwicklern. Niemand kann behaupten, dass Windows und die Microsoft-Entwicklungsumgebungen als Plattform für die Herstellung von Software die beste aller Lösungen seien. Doch das ist egal, denn wer für Windows entwickelt, der entwickelt für ein grosses Kundenpotential. Windows-Anwender sind sich gewohnt, dass Software manchmal Probleme macht, dass nicht immer alles stabil ist und vor allem: Dass Software etwas kostet.
Besser ist schlechter
Das schlagendste Beispiel für Gates' Genialität liefert immer noch das Schicksal von Atari, Commodore und nicht zuletzt Apple. Der erste Macintosh war zweifellos der bessere PC als all die IBM-Klone mit MS-DOS. Mit Atari konnte man Dinge tun, die die Windows-Computer erst viele Jahre später lernten. Und Commodore war billig und es gab viele gute Spiele dafür. Diskette rein und los gings - ganz ohne fummeln in der Autoexec.bat, wie dies bei DOS-Computern noch lange nötig war.
Trotzdem sind Atari und Commodore verschwunden und Apple ist unterdessen vor allem ein Musikhändler. Während Microsoft "nur" Software verkaufte und PC-Hersteller wie auch unabhängige Software-Hersteller dazu aufforderte, mit Hilfe von Microsoft selbst reich zu werden, wollten die Herren Jobs und Co. alles für sich. Sie wollten Geld am Betriebsystem, an der Bürosoftware, am Bildschirm, der Harddisk, der Maus und auch noch dem hinterletzten Steckerlein verdienen. Ganz anders Bill Gates: Er wollte "nur" Betriebssysteme und später noch Bürosoftware verkaufen. Davon aber viel und mit einer hohen Marge.
Und ganz ohne gierig zu sein, schaffte es Microsoft ans Traumziel der Gierigen: Zum de-fakto-Monopol. Nicht schlecht, für einen knabenhaften, scheuen Mann mit Brille und Strickjäckli. (Christoph Hugenschmidt)
(Foto: (c) by Microsoft. Die berühmte "Albaquerque Group": Die ersten elf Mitarbeitenden der Fima Microsoft am 7. Dezember 1978: obere Reihe: Steve Wood, Bob Wallace, Jim Lane; zweite Reihe: Bob O' Rear, Bob Greenberg, Marc McDonald, Gordon Letwin; vorne: Bill Gates, Andrea Lewis, Marla Wood, Paul Allen.)

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