Riesige Fehlinvestitionen in Netzwerke?

17. Oktober 2006, 16:44
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Gartner gegen die Netzwerker, Runde 3.

Gartner gegen die Netzwerker, Runde 3.
Das einflussreiche Marktforschungsinstitut Gartner scheint momentan etwas an den Umsätzen der armen Netzwerkbauer- und -Anbieter dieser Welt kratzen zu wollen. An einem Symposium erzählten die Gartner-Analysten Bob Hafner und Mark Fabbi den anwesenden CIOs, Unternehmen weltweit würden ihrer Schätzung nach in den nächsten fünf Jahren happige 100 Milliarden Dollar mehr für Netzwerk-Produkte und -Services ausgeben, als eigentlich notwendig wäre.
Damit weiteten sie bereits früher geäusserte Thesen noch einmal ein gutes Stück aus. Im August hatte Hafner erklärt, Unternehmen würden bis 2010 20 Milliarden Dollar für VoIP-Hardware verschwenden, und bereits im Mai hatte Fabbi erklärt, dass sie bis 2008 rund 10 Milliarden Dollar für überflüssige Gigabit-Ethernet-Ausrüstung in den Sand setzen würden.
Damit läppert sich in den nächsten fünf Jahren schon einiges zusammen. Aber noch mehr Fehlinvestitionen – beziehungsweise Einsparungspotential – gibt es in der Sicht Hafners im Bereich der grundlegenden Netzwerk-Investitionstrategie sowie des Umgangs mit Herstellern und Anbietern.
WAN optimieren statt immer nur Bandbreite kaufen
Bei den Investitionen für Netzwerkinfrastruktur und Bandbreiten für Unternehmensnetzwerke, so Hafner, sollten IT-Entscheider von der bisher weit verbreiteten Praxis abrücken, "auf Vorrat" einzukaufen, für den Fall eines Falles, dass die Bedürfnisse plötzlich wachsen. Stattdessen sollte man nur ungefähr soviel investieren, dass es für die absehbaren Bedürfnisse der jeweils nächsten zwei Jahre reiche. In den meisten Fällen, so Hafner, trete nämlich der "Fall eines Falles" gar nie ein.
Im Bereich der Bandbreiten für standortverbindende Wide Area Networks riet Fabbi zusätzlich dazu, das Wachstum der Bandbreitenbedürfnisse durch den Einsatz von WAN-Optimierungslösungen abzufedern. Der Bedarf würde zwar immer noch um schätzungsweise 35 Prozent pro Jahr wachsen, aber durch WAN-Optimierung liesse sich der Verkehr um etwa 60 bis 80 Prozent reduzieren. Dadurch, so Fabbi, könnte man die Anschaffung neuer Bandbreite um rund dreieinhalb Jahre hinauszögern.
Auch mal zur Konkurrenz schauen
Ausserdem sollten Unternehmen anfangen, ihren Lieferanten ernsthafter die Daumenschrauben anzusetzen, führte Fabbi weiter aus. Die meisten Unternehmen blieben Jahr um Jahr treu bei einem Anbieter und schauten sich gar nie ernsthaft bei der Konkurrenz nach Alternativen um. Anbieter, so Fabbi, sollten aber gezwungen werden, "ihr Business zu verdienen"
Gigabit nicht unbedingt bis zu Desktop
Wie bereits erwähnt, glaubt Fabbi auch an ein grosses Einsparungspotential im Bereich der Gigabit-LAN-Infrastruktur. Dies liege vor allem daran, dass man sich noch an alte Vorstellungen zum Netzwerk-Design halte, welche in übertrieben ausgestatteten Infrastrukturen resultieren. Man sozusagen reflexartig in immer grössere und schnellere Netzwerke in den Hauptniederlassungen, zum Beispiel mit Gigabit-Ethernet bis zu jedem Desktop, Gigabit-Telefonen usw. Dies zieht wiederum Folgekosten für bessere Stromversorgungen, höheren Verbrauch usw. nach sich. Dabei gehe vergessen, dass bei vielen Unternehmen die Belegschaft zunehmend anderswo arbeite – in Zweigstellen, unterwegs, zu Hause – und darum diese Infrastruktur gar nicht ausnütze.
Alternativen
Immerhin Fabbi und Hafner den Netzwerk-Anbietern diese 100 Milliarden Dollar nicht einfach wegnehmen. Wenigstens ein Teil davon würde trotzdem bei ihnen landen, wenn sich Unternehmen an ihre Vorschläge für ihrer Meinung nach sinnvollere Investitionen halten. Dazu gehören die oben erwähnten WAN-Optimierungslösungen sowie weitere Lösungen zur Beschleunigung von Applikationen, Unified Communications- und Videoconferencing-Lösungen, Mobility sowie Voice over WLAN. (Hans Jörg Maron)

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