Rückzieher: Kanton Zug will IBM-Software doch nicht

31. Januar 2013, 13:56
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Der Zuger Regierungsrat stoppt die Einführung der neuen Version der IBM-Software für die Einwohnerkontrolle. IBM: "Die Software ist voll funktionstüchtig." Wieviel Geld schreibt der Kanton in den Kamin?

Der Zuger Regierungsrat stoppt die Einführung der neuen Version der IBM-Software für die Einwohnerkontrolle. IBM: "Die Software ist voll funktionstüchtig." Wieviel Geld schreibt der Kanton in den Kamin?
Das wird teuer: Der Kanton Zug stoppt das Projekt zur Einführung einer neuen Software für die Einwohnerkontrolle beim Kanton und den Gemeinden. Dies teilte der Zuger Regierungsrat am Dienstag in einem erstaunlich dürren Communiqué mit. Der Lieferant der Software wird nicht genannt, ebenso verzichtet der Kanton auf Schuldzuweisungen. Das Projekt sei abgebrochen worden, weil ein "Enwicklungs- und Vertriebspartner der beauftragten Software-Firma aus dem Projekt ausgestiegen" sei.
Der Lieferant der Software ist IBM, konkret geht es um das Projekt ISOV EK V5 (Einwohnerkontrolle, Version 5). Der Partner, der da ausgestiegen ist, ist das St. Galler Verwaltungsrechenzentrum VRSG. Das VRSG hat die ISOV EK V5 bei IBM zwar bestellt, doch kurz nach der Abnahme der Software die Einführung gestoppt und beschlossen, die Lösung neu zu entwickeln.
Nun will also auch der Kanton Zug nicht mehr: ISOV EK V5 sei "keine Standardlösung mehr" und ein "individualisiertes System" für den Kanton nicht "tragbar", schreibt der Kanton ohne das Produkt zu nennen.
Software fertig oder doch nicht fertig?
Unklar ist, ob ISOV EK V5 nun wirklich "fertig" und einsatzbereit wäre. Gemäss dem Kanton Zug wären mit weiteren Aufwänden für die "Fertigstellung des Gesamtprojekts" von immerhin etwa 850'000 Franken zu rechnen. Fragt man IBM, so tönt es ganz anders. Am Schweizer Hauptsitz von IBM in Zürich Altstetten verstehe man den Entscheid nicht, schreibt uns Sprecherin Susan Orozco. Weiter: "... die vorliegende Lösung ist vom Kanton Zug bereits vor mehreren Monaten funktional wie auch formell vorbehaltlos abgenommen worden und ist voll funktionstüchtig."
Ist die Software also fertig und bräuchte "nur" noch eingeführt werden? Beziehen sich die 850'000 Franken Zusatzkosten also nur auf die Migration der bestehenden Daten und die Schulung der Gemeindeangestellten?
Scheitern mit Ansage
Der Abbruch des Projekts ISOV EK V5 kommt nicht überraschend. Denn schon im Juli 2011 schrieb der Zuger Regierungsrat in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, die Fristen seien nicht eingehalten worden und das Projekt werde sich "um bis zu einem Jahr" verzögern. Ein Jahr später schrieb uns die zuständige Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard dann, man wolle die Software "noch vor Ende Jahr in Betrieb nehmen".
Millionen in den Kamin geschrieben
Der Versuch, eine neue Software für die Einwohnerkontrolle zu entwickeln, kostet(e) die Beteiligten viel Geld. Das Projekt habe bisher Kosten von 2,8 Millionen Franken verursacht, schreibt der Regierungsrat. Vor eineinhalb Jahren tönte das noch ganz anders. ISOV EK werde als Lizenz vom VRSG für 538'000 Franken erworben, wozu noch 453'000 Franken für Dienstleistungen dazukämen, so der Regierungsrat am 12. Juli 2011.
Wer für die Kosten des eingestellten Projekts grade stehen muss, werden wohl Anwälte untereinander ausfechten. Bereits im Juli 2011 schrieb die Zuger Regierung, der Kanton habe eine Konventionalstrafe wegen der Nichteinhaltung der Fristen geltend gemacht.
Ob der Kanton Zug nun gegen IBM vorgehen und Schadenersatz verlangen wird, ist unklar. Regierungsrätin Weichelt-Picard beantwortete die Fragen von inside-it.ch nicht. Begründung: Eine "Expertengruppe" kläre nun ab, "wie es weiter gehen soll."
Man darf auf die Ergebenisse dieser Expertengruppe gespannt sein. Eine Standardlösung für die Einwohnerkontrolle für die etwa 100'000 EinwohnerInnen der 11 Zuger Gemeinden wäre normalerweise für etwa eineinhalb Millionen Franken zu haben, so die sehr grobe Schätzung eines Kenners der Szene.
IBM: "ISOV ist und bleibt wichtig"
EK V5 ist nicht das erste Software-Projekt von IBM im Kanton Zug, das scheitert. Im Juli 2011 kündigten verschiedene Kantone, darunter auch Zug, den Vertrag mit IBM zur Entwicklung einer neuen Grundbuchlösung.
Trotzdem will IBM nichts davon wissen, aus dem Business mit Gemeindesoftware auszusteigen: "IBM wird weiter in diesen Markt investieren", schreibt Orozco. Das ISOV-Lösungsportfolio sei und bleibe wichtig für IBM.
Ob ISOV eher für die Anwälte oder die Entwickler und Berater von IBM wichtig ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Glück hatte der Konzern in der Schweiz mit den ISOV-Software-Paketen in den letzten Jahren wahrlich nicht. Das Projekt für Grundbuch-Software scheiterte und nun sind mit Zug und dem VRSG die letzten uns bekannten Kunden für ISOV EK ausgestiegen. (Christoph Hugenschmidt)

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