S/4HANA: Datenmodell macht alte Software neu

4. Februar 2015, 16:31
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Ist es wirklich wahr? SAP-Software soll flexibel, schön und leicht einführbar sein.

Ist es wirklich wahr? SAP-Software soll flexibel, schön und leicht einführbar sein.
Gestern am späten Nachmittag stellte der deutsche Software-Riese SAP in New York S/4HANA vor. SAP-Boss Bill McDermott stellt S/4HANA in eine Reihe mit R/2, dem legendären R/3, SAP ERP und der SAP Business Suite. Wie SAP-Mitgründer und -Vordenker Hasso Plattner in einem wie immer Technik-lastigen Vortrag erklärte, hat der Konzern das Datenmodell seines riesigen Systems für die In-Memory-Datenbank HANA völlig neu geschrieben. Anstatt immer neue und mehr Funktionalitäten und Umsysteme hinzuzufügen, hat SAP nun also den Code seines Software-Pakets neu programmiert. Die Konsequenzen davon sind gemäss dem Anbieter dramatisch. SAP-Software sei nun flexibel, leicht einführbar und mit schönen, leicht verständlichen und auf jedem Gerät laufenden User-Interfaces versehen.
Ein System, Interface in HTML5, einfachere Einführung
Mit S/4HANA hat der Hersteller nun zum ersten Mal das Kernsystem samt Umsystemen (CRM, PLM, SCM, SRM) in einem System vereinigt. Dies reduziert die Komplexität des Systems massiv und damit auch die Betriebskosten.
Für Anwender noch wichtiger könnte sein, dass nun alle User-Interfaces "responsive" sind. Sie bauen auf den "Fiori"-Interfaces von SAP auf und sind in HTML5 programmiert. S/4HANA wird man also von allen möglichen Geräten aus bedienen können. SAP-Entwicklungschef Bernd Leukert zeigte an der Präsentation gestern, wie ein Service-Techniker Informationen aus SAP mit einer Smartwatch abruft.
Plattner sagte, was SAP-Anwender schon lange wissen: "Unsere User Interfaces waren unser schwacher Punkt". Das sei nun mit den "Fiori"-Interfaces vorbei.
Ausserdem soll die neue Generation von SAP-Software die Einführung wesentlich erleichtern. Standardmässig soll es "Guided Configurations" geben. Und weil SAP am Kern-Code nichts mehr ändern wird, sollen die mühseligen, aufwändigen und teuren Releasewechsel der SAP-Systeme wegfallen.
Sofort-Datenanalyse, Simulationen, Voraussagen
Die ungeheure Geschwindigkeit von optimierten In-Memory-Datenbanken erlaubt eine neue Art von Datenanalyse. Anstatt wie früher die Daten für Auswertungen in separaten Datenbanken zu speichern und Abfragen separat zu programmieren, kann man damit beliebige Datenabfragen in Echtzeit und innerhalb des ERP-Systems machen. Dies wird Geschäftsleitungen, Managern und Verwaltungsräten ganz neue Grundlagen für Entscheide geben.
Ausserdem seien nun auch Simulationen möglich, so Plattner. Und man könne auf Prognosen basierende Handlungsempfehlungen in das System einbauen.
Weniger Tabellen, weniger I/Os, weniger Daten: Das Internet der Dinge kann kommen
Plattner ist Sofware-Ingenieur, er glaubt an die Magie der Zahlen. Und so kamen in seiner Präsentation gestern denn auch ganz viele Zahlen vor. In den letzten 40 Jahren sei es bei 90 Prozent der Aktivitäten innerhalb von SAP immer um Performance gegangen, sagt Plattner. Mit der In-Memory-Technologie und der Neuprogrammierung der SAP ERP Suite seien die Performance-Probleme nun gelöst. So hat man die Anzahl der verwendeten Datenbank-Tabellen massiv reduziert, man brauche keine Indexe mehr und könne nun Datensätze parallel bearbeiten. Zudem speichert man nun historische, unveränderbare Daten anders als Transaktionsdaten. Das alles führt zu einer gewaltigen Reduktion der Schreib-Lese-Zyklen und der gespeicherten Datenmenge.
Plattner nannte ein Zahlenbeispiel: Das ganze ERP-System einer mittelgrossen Firma wie SAP sei vor HANA ungefähr 593 GB gross gewesen. Mit HANA sei es auf 118 GB geschrumpft, mit dem neuen Datenmodell von S/4HANA auf noch 42,4 GB. Wenn man nun historische Daten von Transaktionsdaten trennt, sei es noch 8,4 GB schwer - das ERP-System der ganzen SAP hätte also auf einem Smartphone Platz.
Damit wird es dann möglich, die riesige Datenflut, die Millionen und Milliarden von Sensoren und andere kleine Maschinen des Internets der Dinge produzieren, auch innerhalb einer klassichen Business-Lösung wie SAP zu verarbeiten.
Cloud, On-Premise, Private Cloud: Wie ihr wollt
Da SAP S/4HANA neu programmiert worden ist, ist das System, so der Hersteller gestern, beliebig auch als Cloud-Lösung verwendbar. Kunden könnten also frei wählen, ob sie ihre System ganz oder teilweise von Drittanbietern beziehen wollen, die sogar eine Datenbank für mehrere Kunden verwenden können. Kunden könnten die Betriebsformen auch mischen, hiess es gestern in New York.
SAP wolle übrigens die zugekauften Cloud-Lösungen wie Ariba (B2B-Marktplatz), FieldGlass (Vendor-Management) und SuccessFactors (HR) weiter ausbauen.
Das sagt DSAG
Die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) liess sich nicht lumpen und schickte der Ankündigung der SAP-Oberen sofort eine Einschätzung und eine Reihe von Forderungen hinterher.
Für einen Grossteil der SAP-Anwender sei S/4HANA noch Zukunft. Ihre Prioritäten lägen immer noch bei klassischen Projekten rund um das ERP-System, so DSAG-Sprecher Marco Lenck.
Man sei erfreut darüber, dass die neu geschriebene Lösung nun "grundsätzlich einen schrittweisen Übergang aus der bestehenden ERP-Welt" möglich mache. Allerdings erwartet DSAG von SAP, dass es weiterhin auch Alternativen zu HANA gibt und dass für den Wechsel zu S/4HANA keine zusätzlichen Lizenzkosten (ausser für die Datenbank) entstehen. Und natürlich, dass die bisherigen Lösungen weiterhin gepflegt und weiterentwickelt werden. (hc)

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