SAP: "No News" gleich "Good News"?

28. Mai 2008, 09:30
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Versuch einer Einschätzung der 'Sapphire 2008'

Versuch einer Einschätzung der 'Sapphire 2008'
Wer sich die Zeit nimmt, anstatt an die Eröffnung der Zürcher IT-Messe Orbit-iEX für zwei Tage nach Berlin an die Veranstaltung eines einzelnen Anbieters, nämlich des deutschen ERP-Riesen SAP, zu fliegen, der möchte etwas geboten bekommen. Man möchte "Stories", grossartige Ankündigungen, Strategieänderungen und neue Produkte, die, zumindest in den Behauptungen des Anbieters, die Welt verändern werden.
All das hat SAP den 9000 Gästen, darunter hunderte von Analysten, Journalisten und Bloggern, die davon leben, "News" in die Welt zu setzen, nicht geboten. Was wollten uns die beiden SAP-Bosse Henning Kagermann und Léo Apotheker in ihren Keynotes sagen? Dass die Welt "flacher" (globalisierter) wird, davon haben wir schon gehört. Dass Unternehmer schneller auf veränderte Konkurrenzsituationen und Vertriebsmodelle reagieren müssen und deshalb ihre Wertschöpfungsketten rasch verändern müssen, ist auch nicht neu. Und das Versprechen, "flexible Software" zu machen, schon gar nicht.
Was also war die Story an der diesjährigen Monsterveranstaltung des weltweit grössten Anbieters von betriebswirtschaftlicher Software? Wohl von spitzen Journalistenbemerkungen bereits leicht gereizt, schnappte eine Pressesprecherin von SAP zum Schreibenden: "Keine Stories, ist die Story. Alles ist genau so, wie wir vor drei Jahren gesagt haben." In zwei von drei Punkten dürfte die Dame recht behalten.
1. "Le SOA existe" (Aber welche?)
Seit Jahren hört man von SAP unablässig die Botschaft, dass die Zukunft der Informationstechnologie in 'Service Orientierten Architekturen' (SOA) läge. Und ebenfalls seit Jahren trommeln die Walldorfer, dass ihr "NetWeaver" die Plattform sei, mit der SOA möglich gemacht werde. Tatsächlich zeigte SAP in unseren Augen die Mächtigkeit von SOA auf. Produkte der übernommenen Software-Firmen Business Objects und OutlookSoft wurden - mindestens soweit demonstriert - rasch und tief integriert und SAP soll clientseitig völlig Technologie-agnostisch werden. Und immerhin 38'700 Kunden haben gemäss SAP-Chef Henning Kagermann die SOA-Plattform NetWeaver gekauft.
Kritiker haben gegenüber SAP immer schon moniert, dass die Flut von Geschäftsprozessen, die als "Services" zu definieren sind, damit SOA wirklich funktioniert, nicht zu bewältigen sei. Zudem gebe es keine Instanzen, die die Definitionen von Webservices standardisieren, so dass eben doch wieder individuelle Schnittstellen nötig würden. Kagermann antwortete auf entsprechende Fragen klipp und klar. SAP werde zusammen mit Partnern Webservices definieren und darauf vertrauen, dass sich diese aufgrund der Macht der installierten Basis als de-fakto-Standards durchsetzen würden. "Mit der Zeit", hofft Kagermann, würde man sich dann weltweit bezüglich der wichtigsten Services einigen.
2. Business byDesign wird ein Hit
Die Online-Software 'Business byDesign' hat den Walldorfern bisher kein Glück gebracht. Nach dem Launch mit Pilotkunden in den sechs wichtigsten Märkten Deutschland, Frankreich, USA, Indien, China und Grossbritannien tauchten offenbar Performance-Probleme auf, obwohl das Online-ERP-Produkt gar nicht wirklich ein "SaaS"-System ist. Unter "Saas" (Software-as-a-Service) versteht man nämlich Software, bei der die gleiche Plattform (physische Server und Speicher, Datenbank, Application-Sever) von vielen Kunden genutzt wird. Gleich Kagermann und Apotheker bemühten sich um eine gescheite Antwort auf unsere Frage, wie denn die "Total Cost of Ownership" der Kunden auf 10 Prozent einer vergleichbaren All-in-One-Lösung von SAP gedrückt werden solle, wenn SAP für jeden Kunden einen eigenen Server und eine eigene DB betreibt.
Kagermanns Antwort: "Wir arbeiten daran," lässt tief blicken. Er betonte, 'Business byDesign' sei eben weitaus komplexer als einfach ein "Online-CRM" wie Salesforce.com. Entsprechend komplexer sei die Technologie in einer Online End-to-End-Lösung, wie es 'Business byDesign' eben sei. Kagermann: "Wir sind die einzigen, die das können." Offenbar hat man bei SAP beträchtliche Schwierigkeiten, die Kosten für Kunden und SAP so tief zu bringen, dass man tatsächlich auch die angepeilte sehr grosse Kundenbasis erschliessen kann.
Eine kurze Demo von 'Business byDesign' und ein anschliessendes Roundtable mit "real existierenden" Kunden war dann aber eindrücklich. Die Lösung wird, wenn sie dann mal fertig ist, Anwendern ganz neue Möglichkeiten bieten, vom Prozesswissen aus abertausenden von SAP-Projekten zu profitieren und sich mit verhältnismässig wenig Aufwand eine richtig "grosse" ERP-Lösung samt Anbindung an Kunden und Lieferanten zu leisten. Kunden, die ihre 'Business byDesign'-Implementation abgeschlossen haben, konnte SAP zwar nicht präsentieren, wohl aber solche, die glaubwürdig aufzeigen konnten, dass ihnen das neue "Online-ERP"-Paket von SAP ganz neue Möglichkeiten bietet.
3. SAPs KMU-Strategie ist kein Hit
Kein Hit ist allerdings der Leistungsausweis von SAP im KMU-Segment, obwohl man den anwesenden Analysten und Journalisten laufend das Gegenteil weiss machen wollte. SAP hat heute nach eigenem Bekunden weltweit 18'900 Kundeninstallationen für das KMU-Paket 'Business One'. Verglichen mit dem Weltmarkt, wo buchstäblich Millionen von KMUs mit anderen Lösungen, seien es lokale oder solche von Sage, Microsoft & Co kutschieren, ein Klacks. Auch die "Hockeystick"-Wachstumskurve, die uns SAP-KMU-Boss Hans-Peter Klaey präsentierte, war wohl eher Wunsch als Realität, denn nach unserer Zählung setzte SAP in den letzten zwei Jahren jeweils ungefähr 4000 'Business One' ab.
Im Segment der komplexeren, mittelgrossen Firmen, steht SAP mit den branchenspezifischen 'All-in-One'-Paketen besser da. Hier gibt es zur Zeit gemäss SAP ungefähr 11'700 Kunden.
Während Klaey in Berlin noch öffentlich bekundete, der deutsche ERP-Riese wolle am Ziel, 2010 100'000 Kunden gewonnen haben, festhalten, sandten andere Manager andere Signale. Man werde das Ziel überprüfen, zitierte beispielsweise die 'Financial Times Deutschland' SAPs designiertes Geschäftsleitungsmitglied Ernie Gunst. Die schöne Zahl von 100'000 sei zwar als Ziel noch gültig, doch "nicht in Stein gemeisselt." Tatsächlich ist es nicht vorstellbar, dass SAP mit 'Business One' im Kampf gegen Tausende von 'Local Heros' wie Abacus oder Sage Sesam Geld verdient.
Wer weiss, vielleicht haben die Gerüchte, 'Business One' werde in der Schweiz zu unglaublich günstigen Preisen angeboten, ja mit der ominösen Zahl zu tun... (Christoph Hugenschmidt)

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