SATW-Insights: Digitale Selbst­bestimmung und vertrauens­würdige Daten­räume

15. Februar 2021, 14:20
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Der Präsident der Swiss Data Alliance und Mitglied der SATW erklärt, welche Lehren aus der Pandemie für datenbasierte Entscheide zu ziehen sind.

Die Corona-Pandemie ist eine unerbittliche Lehrmeisterin für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Eine der wichtigsten Lektionen hat sie uns in Bezug auf die Bedeutung der Daten in der Krise erteilt. Ohne umfassende und korrekte Daten zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist der Kampf gegen das Virus aussichtslos und gleicht einem Blindflug durch den Nebel ohne Kompass und Navigation.
Damit wir in Zukunft gegen ähnliche Krisen besser gewappnet sind und grosse Herausforderungen wie die Klimaerwärmung, die Migration oder soziale Ungleicheit besser bewältigen können, müssen wir unseren Umgang mit Daten grundsätzlich überdenken und die nötigen Veränderungsprozesse auf allen Ebenen in Gang setzen. Dabei sind Selbstbestimmung und Vertrauen die Leitplanken, an denen wir uns als freiheitliche und rechtsstaatlich verfasste Gesellschaft zu orientieren haben.
Daten helfen uns, bestimmte Situationen zu analysieren, Prognosen zu erstellen, mögliche Entwicklungen zu simulieren und schliesslich informierte Entscheidungen darüber zu fällen, welche Massnahmen wir zur Erreichung unserer Ziele ergreifen wollen. Die Daten, welche bei der Ausführung der Massnahmen anfallen, erlauben uns einen nächsten Zyklus von Analyse, Prognose, Simulation und Entscheidung einzuleiten und dadurch die Massnahmen entsprechend unseren Zielen anzupassen – wir entscheiden, handeln und lernen auf der Basis von Daten.
Die Pandemie hat uns aber gezeigt, dass dieser Zyklus datenbasierten Entscheidens, Handelns und Lernens bei uns nur sehr eingeschränkt oder gar nicht funktioniert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen bei der Erhebung und Bereitstellung der Daten durch die Datenverantwortlichen, bei der Nutzung der Daten durch die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie beim Einbezug der betroffenen Personen, auf welche sich diese Daten beziehen. Wir beleuchten im Folgenden diese drei Bereiche und versuchen Stossrichtungen für eine Verbesserung zu skizzieren.

Die Datenerhebung und -bereitstellung fördern

Augenfällig war zu Beginn der Krise der Mangel an aktuellen, vollständigen und zuverlässigen Daten zu den elementaren gesundheitlichen Aspekten der Pandemie. Dabei war die medial viel beachtete Übertragung der Infektionsmeldungen via Faxgeräte bloss die Spitze des Eisberges. In der Zwischenzeit hat sich die Situation zwar leicht verbessert, aber wir befinden uns gemäss dem Urteil massgebender Epidemiologen nach wie vor im Blindflug.
Es fehlen Daten zum Contact-Tracing, zur Sequenzierung der Virusmutationen und zu vielen weiteren relevanten gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren der Pandemie.Die mangelnde Verfügbarkeit an Daten zeigt ein strukturelles Defizit unserer Institutionen im Gesundheitswesen und darüber hinaus. Entweder werden die krisenrelevanten Daten gar nicht erhoben oder sie befinden sich in den institutionellen Silos und sind für andere Akteure und die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
Oftmals wird der Datenschutz als bequemes Generalargument geltend gemacht, welcher einer Publikation der Daten durch die Datenverantwortlichen angeblich im Wege steht. Es fehlt aber auch oft an den nötigen personellen, finanziellen und technischen Ressourcen, um eine zeitnahe Datenpublikation zu bewerkstelligen. Fehlende Standardisierung der Datenformate und Beschreibung der Daten vervollständigen das negative Bild auf der Seite der Datenlieferanten.
Eine bessere Datenbereitstellung erfordert die systematische Erschliessung der Daten in den vorhandenen IT-Systemen in allen Institutionen. Datenbestände müssen inventarisiert und einer Weiternutzung zugänglich gemacht werden. Wo es sich um personenbezogene oder sonstwie vertrauliche Daten handelt, müssen über Anonymisierung, Pseudonymisierung und Aggregation sowie den aktiven Einbezug der betroffenen Personen (siehe unten) Wege gefunden werden, um die Nutzung dieser Daten dennoch zu ermöglichen. Neue technologische Ansätze des "confidential computing" eröffnen hier weitere Möglichkeiten, vertrauliche Daten zu nutzen, ohne auf diese selbst zugreifen zu müssen. Alle übrigen Daten sollten nach dem Prinzip "open by default" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Eine Datennutzungskultur entwickeln

Daten helfen nur dann, wenn sie auch benutzt werden. Auch hier hat die Pandemie gravierende Lücken sichtbar gemacht. Dies beginnt bei der mangelhaften Fähigkeit politischer und administrativer Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, ihre Datenbedürfnisse zu artikulieren und ihre Entscheidungen in einen nachvollziehbaren Zyklus von Zielsetzung, Analyse, Prognose und Simulation zu stellen. Darüber hinaus fehlt es aber auch am Verständnis für datenbasierte Entscheidungen in der breiten Bevölkerung ("data literacy") und es fehlen kompetente Vermittler datenbasierter Erkenntnisse ("Datenjournalisten").
Fehlendes Personal für die Datenanlyse und Aufbereitung der Ergebnisse ("Data Scientists") komplettieren das problematische Bild. Weit verbreitete Skepsis, Misstrauen bis hin zur Verleugnung der Pandemie und abstrusen Verschwörungstheorien sind die fatalen gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Umstände.
Dagegen tut die Entwicklung einer Datennutzungskultur auf allen Ebenen und in allen Bereichen unserer Gesellschaft Not. Wir müssen gemeinsam lernen, die richtigen Fragen zu stellen, die vorhandenen Daten zur Beantwortung dieser Fragen zu nutzen, auf dieser Basis faktenbasierte Entscheidungsoptionen zu bewerten, zu demokratischen Entscheidungen zu gelangen und anschliessend deren Ergebnisse wiederum anhand von Daten zu bewerten. Bildung, Dialog und transparente demokratische Entscheidungsprozesse sind die Voraussetzungen für eine solche Datennutzungskultur.

Die beteiligten Personen einbeziehen

Die heftigen Diskussionen rund um die Covid-App haben gezeigt, wie heikel der Umgang mit personenbezogenen Daten im Gesundheitsbereich ist. Trotz eines wasserdichten Schutzes der Privatsphäre, hat nur eine Minderheit der Schweizer Bevölkerung die App heruntergeladen und in Betrieb gesetzt. Es ist offensichtlich, dass hier andere Massstäbe gelten, als im zuweilen äusserst lockeren Umgang mit persönlichen Daten in den sozialen Medien. Dieser Mangel an personenbezogenen Daten ist aber fatal. Viele krisenrelevante Informationen fallen auf persönlicher Ebene an, z.Bsp. der Gesundheitszustand, medizinische Massnahmen, das Mobilitätsverhalten oder die Arbeitssituation. Diese Daten sind für die Beurteilung der Lage, die Planung effektiver Massnahmen sowie die Messung der Wirkung dieser Massnahmen äusserst relevant.
Als Konsequenz aus dieser schwierigen Situation bietet sich nicht etwa ein Aufweichung des Datenschutzes an, sondern die aktive Partizipation der betroffenen Personen im Sinne der digitalen Selbstbestimmung. Diese sollen die Möglichkeit haben, ihre Daten für die Bewältigung der Krise unter vertrauenswürdigen Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen ("Datenspende"). Dabei reicht es vorderhand aus, wenn nur ein repräsentativer Bruchteil der Bevölkerung dazu bereit ist, die eigenen Daten anonymisiert zu "spenden". Bereits die Daten eingeschränkter Personen-Panels erlauben äusserst aussagekräftige Analysen und damit eine Beendigung des Blindfluges durch den Pandemie-Nebel.

Fazit: vertrauenswürdige Datenräume aufbauen

Datenbereitstellung, Datennutzung und Partizipation der betroffenen Personen sind die drei Bereiche, in welchen das datenbasierte Entscheiden, Handeln und Lernen im Hinblick auf die aktuelle und kommenden Krisen und Herausforderungen substantiell verbessert werden müssen. Für das Zusammenwirken von Datenverantwortlichen, Datennutzern und betroffenen Personen sind Regeln und Normen zu definieren und in Kraft zu setzen sowie technische Infrastrukturen bereitzustellen, welche die Publikation, Nutzung und Kontrolle der Daten durch alle Beteiligten erlauben. Mit anderen Worten: wir müssen vertrauenswürdige Datenräume aufbauen.
Über den Autor:
André Golliez hat nach mehreren Jahren Berufstätigkeit als Programmierer Anfang der 1980er Jahre an der ETH Zürich Informatik studiert und anschliessend über zehn Jahre im IT-Management der UBS gearbeitet. Seit 1998 ist er als selbstständiger IT-Berater tätig. 2010 begann André Golliez sich der Datenpolitik in der Schweiz zu widmen – zunächst als Initiator, Co-Gründer und Präsident der Schweizer Open Data Bewegung und des Vereins opendata.ch und seit März 2017 als Co-Gründer und Präsident der Swiss Data Alliance. Im Januar 2019 gründete er zusammen mit Partnern die Firma Zetamind, welche Unternehmen und Verwaltungen bei der Wertschöpfung aus Daten als strategische Ressource unterstützt. André Golliez ist zudem Dozent am Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern und betreut dort Projekte rund die Datennutzung im Schweizer Tourismus. Seit Januar 2020 ist André Golliez gewähltes Einzelmitglied der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften.
Zur SATW:
Die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften SATW ist das bedeutendste Expertennetzwerk im Bereich Technikwissenschaften in der Schweiz und steht im Kontakt mit den höchsten Schweizer Gremien für Wissenschaft, Politik und Industrie. Das Netzwerk besteht aus 350 gewählten Einzelmitgliedern, 55 Mitgliedsgesellschaften sowie Expertinnen und Experten.
Zu dieser Kolumne:
SATW insights: Unter diesem Titel berichten Mitglieder der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW regelmässig für unsere Leser über relevante, aktuelle Schweizer Technologie-Fragen. Die Meinung der Autoren muss sich nicht mit derjenigen von inside-it.ch/inside-channels.ch decken.

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