Schafft Ergon den Sprung in die Standard-SW-Gilde?

24. Juni 2008, 07:45
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Der Zürcher Informatik-Dienstleister will sich mit einer Standard-Lösung für Telefonieanbieter europaweit etablieren. Dafür muss sich die Firma aber verändern.

Der Zürcher Informatik-Dienstleister will sich mit einer Standard-Lösung für Telefonieanbieter europaweit etablieren. Dafür muss sich die Firma aber verändern.
Der Zürcher Softwarehersteller Ergon ist ein Spezialfall. Die Angestellten von Ergon, fast alles ETH-IngenieurInnen, wissen über den Geschäftsgang und den Gewinn Bescheid und viele von ihnen sind an der Firma beteiligt. Nach dem "New Economy"-Crash 2002, als Ergon auf einen Schlag Aufträge von Grosskunden wie Credit Suisse verlor, diskutierte man gemeinsam über Löhne und Arbeitszeiten, anstatt Leute auf die Strasse zu stellen.
Nicht aussergewöhnlich ist allerdings das Interesse daran, nicht "nur" Individualsoftware herzustellen, sondern ein vielfach verkaufbares "Produkt". Mit 'Taifun' einer betriebswirtschaftlichen Lösung für Telekommunikationsanbieter macht Ergon heute bereits ungefähr einen Drittel des Umsatzes und der Geschäftsbereich wächst schneller als die anderen, wie Ergon-Chef Pat Burkhalter bei einem Redaktionsbesuch bei inside-it.ch erzählt.
Fortunas Schubs
Dass sich Ergon, ein klassischer Software-Dienstleister, auf das Abenteuer Standard-Software, wo in Sachen Vertrieb ganz andere Qualitäten gefordert sind als im reinen Projektgeschäft, einlässt, hat viel mit Zufall zu tun. Ergon entwickelte nämlich für die ehemalige Multilink ein Abrechnungssystem ("Service Fullfillment & Billing"). Multilink wurde von T-Systems übernommen, als Solpa wieder ausgegliedert und schliesslich von Cablecom geschluckt. Cablecom seinerseits wurde von UPC Broadband gekauft. 'Taifun' stand damit bei der Tochter eines multinationalen Grosskonzerns als zentrale Software im B2B-Carrierbusiness im Einsatz. UPC Broadband wollte sich auch in anderen Ländern, wo der Kabel-TV-Anbieter präsent ist, im B2B-Geschäft verankern und suchte eine Software-Lösung dafür. UPC wurde bei der eigenen Tochterfirma fündig, womit Ergon etwas geschafft hat, woran andere trotz grossen Anstrengungen gescheitert waren: Den Eintritt in den europäischen Markt. Burkhalters Kommentar: "Das Glück fliegt manchmal einfach vorbei."
Heute hat Ergon eine ganze Reihe von Kunden, die 'Taifun' einsetzen. Es gibt eine Version für "Switchless Carrier", Telefonieanbieter wie Mobilezone, die keine eigene Infrastruktur betreiben und die Zürcher bauen die Lösung heute für kleine "Quadruple-Player" (Festnetz, Internet-Anschluss, Kabel-TV), lokale Kabel-TV-Anbieter also, aus. Ergon kann 'Taifun' auch selbst betreiben und den Kunden über Internet "als Service" anbieten. Dazu kommen die Business-Anbieter von grossen Playern wie Cablecom und andere UPC-Gesellschaften.
Ein relevanter Anbieter in Europa werden
In Deutschland konnte Ergon mit dem reinen IP-Telefonie-Anbieter Deutsche Telefon Standard und mit M-net, dem Telekom-Anbieter verschiedener Stadtwerke, weitere Kunden an Land ziehen. Nun wagt der Zürcher Software-Hersteller das Abenteuer Standard-Software. Burkhalter: "Wir hatten immer schon Telco-Kunden. Doch nun wollen wir versuchen, unsere Software als ein Produkt anzubieten. Wir wollen das Abenteuer nun wagen und eine relevanter Anbieter in Europa werden."
Dass sich eine Firma, die ein releasefähiges Produkt verkauft statt Custom-Software zu bauen, anders funktionieren muss, ist Burkhalter klar. Die grösste Herausforderung ist es, die laufenden Projekte gut über die Bühne zu bringen und gleichzeitig 'Taifun' zu "produktisieren".
Dazu kommt die schwierige Expansion über die Grenzen hinaus. Burkhalter: "Wir versuchen nun langsam, eine Struktur im Ausland aufzubauen. Das Ziel ist nicht, möglichst schnell möglichst viel Umsatz zu machen, sondern aus eigener Kraft zu wachsen. Wir müssen im Geschäft mit Standard-Software viel lernen und das braucht einfach Zeit."
Standbein Custom-Software
'Taifun' ist für Ergon zwar wichtig, aber beileibe nicht das einzige Standbein. Die Zürcher stellen weiterhin kundenspezifische Systeme her. Systeme, die dem Kunden einen Wettbewerbsvorteil bringen soll und die deshalb einzigartig sein sollen. Über die interessantesten Projekte dürfe er gar nichts sagen, sagt Burkhalter und zeigt dann doch einen martialisch geratenen Werbefilm von Ruag Electronics. Für den staatlichen Schweizer Rüstungsbetrieb baute Ergon die Basistechnologie für ein Polizeileitsystem, das beispielsweise in Zürich eingesetzt wird.
Fluch und Segen Entwickler-Mangel
Wie alle Firmen, die in der Schweiz Software herstellen, leidet auch Ergon unter der Schwierigkeit, Software-Ingenieure anzustellen. Ergon, wo heute 95 SpezialistInnen Systeme bauen, versucht deshalb möglichst effizient zu bleiben. Gegen den Trend entwickelt Ergon nicht ausserhalb der Schweiz, um die Kommunikaton einfach zu halten. Ausserdem bildet Ergon Informatik-Lehrlinge aus, die vielleicht irgendeinmal als Fachhochschul-Absolventen zurückkehren.
Doch die Schwierigkeit, Software-Ingenieure zu finden, hat auch Vorteile für die lokalen Player, findet Burkhalter: "Die Kunden können ihre Projekte nicht mehr stemmen und kommen deshalb zu uns." (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Ergon ist als Technologiepartner ein sehr guter Kunde unseres Verlags und ein wichtiger Partner. Wir hätten die 'Taifun'-Story aber auch sonst interessant gefunden.)

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