Scheinkapitalismus

16. November 2007, 17:18
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
Wir leben im Kapitalismus, von den Kapitalisten (der Schreibende ist auch einer, kapitalmässig gesehen aber (leider?) ein kleiner) gerne auch Marktwirtschaft genannt. Damals als es noch Alternativ-Systeme (wääk!) gab, nannte man ihn mit Vorliebe "Soziale Marktwirtschaft", heute ist man nicht mehr sozial, sondern frei und deshalb heisst es "Freie Marktwirtschaft".
Wo Marktwirtschaft ist, da ist Markt, also Konkurrenz. Das ist super für die KonsumentInnen, denn die Kapitalisten bekämpfen sich bis auf's Blut, indem sie ihre Produkte immer besser immer billiger anbieten. So wird die Welt immer schöner, bunter, freier - sagen die Kapitalisten und alle, die an sie glauben, also eigentlich alle ausser ein paar Spinnern.
Also: wir haben freie Marktwirtschaft, beispielsweise auch in der Telekommunikation. Alles wird besser und billiger. Schliesslich finden wir fast jeden Morgen ein Prospektli im Briefkasten, in dem uns der eine oder andere Anbieter sein neuestens Wunder-Angebot schildert, Abends sehen wir am Fernseher, dass die Tarife von Swisscom schon wieder gesunken sind und dann ruft auch noch die nette Dame oder der nette Herr von Cablesunrisorangetele2 an, der mir beibringen will, dass ich viiiiel billiger und das erst noch stundenlang telefonieren könnte, wenn ich nur zu seiner Firma wechseln würde. Und Cablecom schickt mir netterweise auch Mahnungen und sonstige Drohbriefe für Dienstleistungen, die ich gar nicht beziehe. Wohl nur, um zu zeigen, wie billig und gut das Ganze ist.
Angesichts der vielen Werbung ist klar, dass Telefonieren und sich ins Internet verbinden sicher schon fast gratis geworden sind. Auf jeden Fall billiger und besser als letztes Jahr. Oder?
Weit gefehlt. Das Bakom sagt es klipp und klar: "Die Preise für Breitbandangebote sind in der Schweiz seit 2004 praktisch unverändert geblieben," schrieb das Bakom heute. Und das lügt nicht. Ausserdem: "Die Preise im Festnetz sind 2007 im Vergleich zum Vorjahr zwischen 2,1 % (geringe Nutzung) und 4,7 % (hohe Nutzung) gesunken." Die Mobiltelefonie wurde auch nicht wirklich billiger. Bakom: "In der Mobiltelefonie sind die Preise zwischen 1 % (hohe Nutzung) und 3,3 % (mittlere Nutzung) gesunken."
Und wo - sehr geehrte Shareholders von Swisscom, Sunrise, Orange und Tele2 - war dieses und letztes Jahr die Marktwirtschaft? Wo war euer erbitterter Preiskampf? Wo gab es mehr Service für weniger Franken? Nicht in der Schweiz.
Oder haben wir etwa gar keine Marktwirtschaft? Ist es etwa so, dass Swisscom seine Preise als Ex-Monopolist auf Biegen und Brechen verteidigt, die deshalb gar keine Preise, sondern eine Art Steuer sind? Und dass die angeblichen Konkurrenten das eigentlich noch ganz gäbig finden, mit viel Werbung auch ein paar Kunden absaugen, um sich dann an deren Gebühren zu laben?
Vielleicht verstehe ich aber auch einfach nichts von der Marktwirtschaft, der freien. (Christoph Hugenschmidt)

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