Schlaflose IT-Profis

29. November 2010, 13:02
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Stressbedingte Schlafstörungen, morgens zerschlagen, abends verbraucht.

Stressbedingte Schlafstörungen, morgens zerschlagen, abends verbraucht.
Noch in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts galten IT-Jobs oft als "Schoggijobs", vielleicht etwas monoton aber gut bezahlt und wenig belastend. Spätestens seit der Jahrtausendwende hat sich vor allem letzteres aber geändert, und seither gibt es auch immer wieder Untersuchungen, welche negative körperliche und psychische Folgen der gestiegenen Stressbelastung aufzeigen. Neuere Studien zeigen, dass das Problem aktuell bleibt. Laut Forschern der indischen Universität Mysore weisen beispielsweise insgesamt mehr als die Hälfte der 91 IT- Techniker eines von ihnen untersuchten Unternehmens chronische Schlafprobleme auf, 21 Prozent haben sogar schwere Schlafprobleme. Die körperliche und psychische Verfassung der Untersuchten und ihre subjektiv wahrgenommene Lebensqualität stimmte oft mit der Schlafqualität überein.
In Deutschland: Jeder Vierte erwacht müde
Anja Gerlmaier vom Institut für Arbeit und Qualifikation IAQ der Universität Duisburg betont, dass sich das Problem nicht nur auf Indiens IT-Spezialisten beschränkt. Gerlmaier hat erst kürzlich mit Kollegen eine Studie zum Gesundheitszustand in der IT-Branche präsentiert. "Die Schlafstörungen schienen auch in unserem Sample auf, wobei ein starker Zusammenhang zu Stress und zum Burnout-Syndrom besteht", so die Expertin im Interview mit 'pressetext'.
Besonders hochbeanspruchte Berufsleute in der IT schlafen laut der deutschen Studie bei 331 Untersuchten schlecht - und zwar 54 Prozent von ihnen, womit dieses Problem häufiger ist als Rückenschmerz (46 Prozent), Konzentrationsstörungen (45 Prozent), Magenleiden (35 Prozent) und Tinnitus (30 Prozent). Auch bei weniger beanspruchten IT-Leuten hat immer noch jeder fünfte Schlafstörungen, wobei Rücken- und Konzentrationsprobleme gleich oft vorkommen. Insgesamt gab jeder Vierte der deutschen Studienteilnehmer an, sich jeden Morgen müde und zerschlagen zu fühlen, jeder Dritte denkt ständig, er werde die Arbeit auf Dauer nicht durchhalten und 40 Prozent fühlen sich jeden Tag bei Arbeitsende "verbraucht".
Gefahr der "virtuellen Arbeit"
Dahinter stecke die enorme Stressbelastung, so Gerlmaier. "IT-Techniker sind mit ungeplanten Arbeiten, nicht realistisch kalkulierten und parallelen Projekten und teils kritischen Kundensituationen konfrontiert. Zudem macht ihnen auch die "Virtualisierung der Arbeit" zu schaffen. Sitzen die direkten Vorgesetzten in Texas, können sie diesen gegenüber eine zu hohe Belastung viel schlechter signalisieren." Wie sich Dauerstress auswirken kann, ist seit längerem bekannt: Die dauernde Anspannung sorgt für einen ständig hohen Adrenalinspiegel, der Körper kommt mit dem Abbau des Hormons, das den Körper eigentlich für kurzfristige Höchstleistungen präparieren sollte, nicht nach. "Die Folgen sind Unruhe, Unfähigkeit zum Abschalten und zur Erholung sowie erschwertes Einschlafen und Durchschlafen."
Die indischen Studienautoren schlagen vor, dass das richtige Schlafverhalten stärker in Lebensstil-Empfehlungen für die IT-Branche eingehen soll. Gerlmaier ist skeptisch. "Das Gesundheitsverhalten der IT-Leute ist viel besser als beim Rest der Erwerbsbevölkerung. Sie rauchen selten, betreiben Sport und achten ohnehin mehr auf ihren Schlaf als andere." Kritik übt die Expertin jedoch auch an gängigen Präventionsangeboten. "Massagen, Yoga oder Stressprävention sind zwar gut, doch häufig sollen sie dem Mitarbeiter nur weismachen, er solle Belastungen als Herausforderungen sehen. Oft ist das eine Bagatellisierung."
Das beste Mittel gegen Stress: Weniger Stress
Eher werde man dem Problem durch konkrete Schritte einer Belastungsminderung gerecht. "Dazu gehört die Arbeitsgestaltung, jedoch auch eine Beschränkung des Multitaskings. Günstig wäre, an höchstens zwei Projekten gleichzeitig tätig zu sein. In stressigen Übergangsphasen sollte man eigene Zielsetzungen überdenken und delegieren, da gerade Nebentätigkeiten viel Zeit fressen", so Gerlmaier. Entscheidend sei jedoch auch eine gute Pausenkultur, sowie positive Freizeiterlebnisse. "Gerade bei Dauerstress verzichten viele auf Pausen. Das verschlimmert die Situation jedoch nur."
Seien die Probleme auch ähnlich, könne man laut Gerlmaier die Arbeitssituation indischer IT-Entwickler dennoch nicht auf europäische Verhältnisse übertragen. "In Indien sind Grossraumbüros mit fabriksmässigen, unflexiblen Arbeitszeiten die Regel. Bei uns dominiert dafür die Orientierung am Projekt und Arbeitstage dauern schon mal von 8 bis 22 Uhr, wenn es drängt." Viele Entwickler sind unter der Woche beim Kunden tätig. "Die oft vermutete Autonomie und Freiheit in der Arbeitszeit gibt es nicht, da Entwickler die anfallende Arbeitsmenge kaum beeinflussen können", so Gerlmaier. (hjm/pte)

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