Schrödingers Katze, Google und das Copyright

28. November 2006, 13:47
  • google
image

Google wird derzeit von allen Seiten mit Copyright-Klagen überzogen. Ob Film, Bild oder Text, weltweit gehen Rechteinhaber vor allem auf die führende Suchmaschine Google los. Aber gibt es eine Information bevor sie gefunden wurde?

Google wird derzeit von allen Seiten mit Copyright-Klagen überzogen. Ob Film, Bild oder Text, weltweit gehen Rechteinhaber vor allem auf die führende Suchmaschine Google los. Aber gibt es eine Information bevor sie gefunden wurde?
In der Physik hat Schrödingers Katze und die Frage ob sie gleichzeitig lebt und tot ist, bevor ein Betrachter einen dieser Zustände wahrnimmt, 1935 für reichlich Wirbel und interessante neue Theorien gesorgt. In den ausufernden Rechtsstreitigkeiten nicht nur, aber vor allem gegen Google um Copyrights an Online-Publikationen wird es Zeit, dass Gedankenspiel einmal in einen neuen Kontext zu setzen. Gibt es eine Nachricht, bevor sie jemand wahrgenommen hat?
Man gebe eine aktuelle Information (Katze) in eine Kiste. Es bedarf in diesem Fall keiner externen Isotopen-Quelle, denn die Nachricht hat ihre ganz eigene Halbwertzeit oder wie es so schön heisst: Nichts ist älter als die Schlagzeile von gestern. Nach einer Weile befindet sich auch diese Information in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod, oder genauer zwischen Nachricht und kaltem Kaffee, der erst durch das Öffnen der Kiste und das Einschreiten des Betrachters definiert wird. Nun verändert man aber die äusseren Parameter. Nicht derjenige, der den Versuchsaufbau erstellt, öffnet die Kiste nach einer vorbestimmten Zeitspanne, sondern ein irgendwann rein zufällig vorbeikommender Besucher. Spielt die Frage des Schwebezustands da noch eine Rolle, oder ist die Katze nicht auf jeden Fall tot und die Information war nie eine Nachricht?
Keine Zeitungsinhalte bei Google und MSN Belgien
Deutsch- und französischsprachige Zeitungsinhalte werden derzeit weder von Google noch von MSN in Belgien angezeigt. Während erstere im September erstinstanzlich einen Prozess verloren, reichte eine von der belgischen Copiepress zugestellte Unterlassungserklärung, um Microsoft zur Vorsicht zu bewegen. In Dänemark wurde der Start von Google-News kurzfristig verschoben und in Norwegen hätte man gerne eine Opt-in-Möglichkeit, um selber zu entscheiden, was Suchmaschinen finden dürfen und was nicht. In allen Fällen wird mit dem moralischen Zaunpfahl der Rechte am geistigen Eigentum gewunken, einem Gut, dass europäische Verlage seit Erfindung der Buchdruckerkunst mit Zähnen und Klauen verteidigen. Wer seine Informationen bewusst von einer Online-Site bezieht, wird spätestens ab dem zweiten Mal direkt dort hingehen. Wer Informationen zu einem Thema sucht, wird sich nie die Mühe machen belgische, dänische und oder finnische Webpages nach relevante Inhalten zu durchstöbern, selbst wenn er allen Sprachen mächtig wäre. Googles Anwalt in Belgien, Erik Valgaeren, gab am Freitag daher auch allein finanzielle Interessen der Kläger als Grund für das laufende Verfahren an.
Im globalen Medium Internet wollen die Verlage mitverdienen ohne ihre geistige Kleinstaaterei aufzugeben. Es reicht nicht, dass sie dank der Suchmaschinen mehr Besuch auf ihren Seiten registrieren, als das ohne diese Hilfe je möglich wäre. Der Gewinn den Google ausweist ist einfach zu gross, um nicht Neider auf den Plan zu rufen. Dabei verweist Google darauf, dass es für jede Publikation ein leichtes wäre, mittels des robots.txt-Standards nicht mehr indiziert zu werden. Nur, gleichzeitig Suchmaschinenoptimierung zu betreiben und die Indizierung zu unterbinden schafft nicht einmal der beste Sysadmin.
Die 'Computerwoche' zitierte Danny Sullivan, Chefredakteur von SearchEngineWatch.com mit der Aussage: "Die derzeitige Rechtslage bedeutet, dass Suchmaschinen in Belgien nicht operieren können. Sie haben nicht die Erlaubnis, Copyright-geschütze Seiten ohne ausdrückliche Erlaubnis zu indexieren." Gilt dann auch der Umkehrschluss, dass User in Belgien, die eine Suchmaschine verwenden um im Rest der Welt Informationen zu suchen, den Suchmaschinenbetreiber damit auffordern eine Straftat zu begehen? Es wird dringend Zeit, mittelalterliche Ständeordnungen mit dem realen Leben des Informationszeitalters in Einklang zu bringen, bevor die Weltkarten der Suchmaschinenbetreiber anfangen weisse Flecken aufzuweisen. (Thomas Mironiuk)

Loading

Mehr zum Thema

image

Googles Suchfunktion erhält neue Features

Die visuelle Suche wurde verbessert und es gibt neu einen Suchoperator, mit dem sich Ergebnisse aus der unmittelbaren Umgebung anzeigen lassen.

publiziert am 29.9.2022
image

Vor 14 Jahren: Erstes Android-Smartphone kommt auf den Markt

"HTC Dream" respektive "G1" setzte als erstes kommerzielles Gerät auf das Betriebssystem Android. Bei den damaligen Testern rief es "Entzücken" hervor.

publiziert am 23.9.2022
image

UK-Behörde untersucht Cloud-Dienste von Microsoft, Amazon und Google

Die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom will die Marktposition der US-Hyperscaler untersuchen und herausfinden, ob es wettbewerbsrechtliche Bedenken gibt.

publiziert am 22.9.2022
image

Datenschutzkonformes googeln kostet 2 Rappen

Die Suchmaschine Trooia bietet datenschutzkonformes googeln. Userinnen und User zahlen mit Franken, statt mit Daten. Wie das funktioniert, erklärt Gründer Christoph Cronimund im Interview.

publiziert am 14.9.2022 6