Schweizer ERP-Software: "Another One Bites the Dust"

23. November 2020, 11:04
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Sage will drei einst führende Schweizer KMU-Lösungen loswerden. Mir geht ein Song von Queen durch den Kopf.

"Speziell", sagt der Deutschschweizer, wenn er eine Person oder eine Handlung ziemlich mies findet, es aber nicht so direkt sagen möchte. Dass der britische KMU-Software-Konzern Sage in einem Schreiben an Kunden und Partner verkündet, dass gleich drei Software-Familien zum Verkauf stünden, ist "speziell". "Speziell" ist, dass der börsenkotierte Konzern öffentlich bekannt gibt, dass seine seit Jahrzehnten immer wieder verkündete Strategie grandios gescheitert ist. Noch "spezieller" ist, dass Sage geradezu ein Todesurteil über drei Schweizer Lösungen fällt, die man vor Jahren für viel Geld gekauft hat. Auf dem Software-Wühltisch zu haben sind Sage 50 (das gute alte Sesam – einst Marktführer), Sage 200 (einst Simultan – die Software, die Peter Pfister so viel Geld eingebracht hat, dass er schon vor dem Verkauf eine Airline gründen konnte) sowie Sage Start (achja – Winway gab es ja auch noch). Ein Todesurteil ist das Vorgehen von Sage, weil niemand sich für eine Software entscheidet, deren Zukunft ungewiss ist. Und, weil jeder Sage-Partner sich spätestens jetzt nach einer Alternative umschauen wird. "Speziell", oder?
Der düstere Song von Queen geht mir durch den Kopf: Schon wieder beisst einer in den Staub. So wie vorher schon ProConcept / Solvaxis. ProConcept war einst eine erfolgreiche ERP-Lösung aus dem Jura. Der heutige Berner Regierungsrat Pierre-Alain Schnegg verkaufte die Software an Sage, kaufte sie wenig später zurück, taufte sie um, holte Risikokapital und verkaufte sie erneut. Seither wechselte die Lösung mehrmals den Besitzer und heisst sei 2019 wieder ProConcept. Ausser, dass hie und da ein neuer Chef für ProConcept verkündet wird, hört man nichts mehr aus Sonceboz.
Apropos Staub: Was ist eigentlich aus der einst erfolgreichen HR-Lösung von Soreco geworden? Sie wurde 2015 an die deutsche P&I verkauft. Haben Sie mal wieder was von Europa 3000 gehört? Der Laden wurde bekanntlich auch ein paar Mal verkauft. Und was ist mit Informing los? Die einst preisgekrönte Lösung gehört unterdessen zur Step Ahead Gruppe. Und jetzt also Sesam, Simultan und Winway. Der ehemalige Sage-Chef Marc Ziegler kommentierte unseren Artikel so: "Hoffentlich ist der Investitionsstau in die tollen Produkte Sage 50, Sage Start und Sage 200 noch nicht zu gross." Und hoffentlich finden sich rasch neue Besitzer, die Geld mit der Herstellung von Software statt mit dem Handel von Software-Firmen machen wolle, denke ich. Und habe den Beat des Songs von Queen im Ohr.

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