Schweizer Firmen entwickeln offshore - reden aber nicht gerne darüber

9. Januar 2007, 16:29
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Leitmotiv Kostensenkung: 60 Prozent der grossen und mittleren Firmen in der Schweiz haben Erfahrungen mit Offshore-Projekten. Erstaunlich viele Offshore-Projekte betreffen ERP-Lösungen.

Leitmotiv Kostensenkung: 60 Prozent der grossen und mittleren Firmen in der Schweiz haben Erfahrungen mit Offshore-Projekten. Erstaunlich viele Offshore-Projekte betreffen ERP-Lösungen.
Erstaunliche 60 Prozent aller mittleren und grossen Schweizer Firmen haben Erfahrungen mit Offshore (weit entfernt)-Projekten. Dies ist das Resultat einer Untersuchung des auf Open Source-Projekte spezialisierten Beraters und Systemintegrators Optaros, der übrigens selbst auch gewisse Entwicklungskapazitäten in Tieflohnländern anbietet.
Optaros kontaktierte per E-Mail 1'800 "Entscheidungsträger" aus 765 mittleren und grossen Schweizer Firmen. 176 machten dann bei einer Web-Umfrage mit, so dass das Resultat als relevant gewertet werden kann.
Kostenersparnis und Zugang zu hochqualifizierten Leuten als Hauptargumente
Nach der Motivation für die Vergabe von (Teil)Projekten befragt, nannten 63 % der Befragten tiefere Kosten und 60 % den Zugang zu Experten. Fast gleich viele (59 %) nannten "Staff right-sizing" (ein Euphemismus für Stellenabbau) als Grund. Weitere wichtige Faktoren sind "erhöhte Konkurrenzfähigkeit" (55 %), die "Notwendigkeit die Anforderungen formalisiert zu erfassen" (51 %), "Zeitgerechte Lieferung" (27 %), "neueste technische Möglichkeiten" (26 %). Die bessere Qualität von in Tieflohnländer ausgelagerte Entwicklungen nennen nur 16 %.
Dass über die Hälfte der Umfrageteilnehmer die Formalisierung der Anforderungen als Argument benützen, zeigt unserer Meinung nach, dass Offshoring auch als Disziplinierungsinstrument innerhalb der Firma benützt wird. In nach Osteuropa oder Indien (teil)ausgelagerten IT-Projekten müssen die Anforderungen sehr genau erfasst werden - die Haltung "Das schauen wir später an" kann sehr teuer werden…
Osteuropa wird wichtiger
Osteuropa hat gegenüber den oft genannten asiatischen Standorten (Indien, China, Vietnam im Fall von Elca) offenbar aufgeholt. Dies dürfte mit der Osterweiterung der EU zu tun zu haben, denn politische Stabilität und Stand des Rechtsstaats gehören zu den wichtigen Kriterien, wonach die Schweizer Firmen einen Offshore-Standort auswählen.
Surprise, surprise: ERP-Applikationen werden am meisten offshore entwickelt
Die Studie von Optaros enthüllt ein weiteres interessantes Detail: Auf die Frage, welche Art von Applikationen offshore entwickelt (oder wohl eher angepasst) worden sind, nannten 28 % der Befragten ERP-Anwendungen. Auf Platz 2 liegen Portale/Web-Anwendungen (24 %), gefolgt von CRM (15 %), Migration von Altsystemen (nur 10 %!), Spezialentwicklungen (9 %) und Finanzwesen (8 %).
Tu es und sag es keinem
Unsere Interpretation: Offenbar zählen in vielen Firmen ERP-Anwendungen heute nicht mehr zu den Differenzierungsmerkmalen, denn solche Entwicklungen werden in der Regel nicht ausgelagert. Dass nur 10 % die Migration von Altsystemen als "ge-offshorte" Projekte nennen, erstaunt ebenfalls, denn diese gelten als für Offshoring besonders geeignet. Unsere Interpretation: Reine Migrationen auf neue Technologien sind selten.
Und die erstaunliche Tatsache, dass bereits knappe zwei Drittel der Schweizer MU und Grossfirmen Erfahrungen mit Offshore-Projekten haben, zeigt, dass man "es" zwar macht, aber nicht gerne darüber spricht. Offenbar befürchtet man Image-Verluste oder Rekrutierungsprobleme unter lokalen IT-Fachleuten, wenn man zugibt, auch in Osteuropa oder Asien zu entwickeln. (Christoph Hugenschmidt)
Die lesenswerte Studie "IT Development Offshoring in Switzerland: Myth Versus Reality" kann kostenlos bei Optaros als PDF heruntergeladen werden (Registrierung nötig).

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