Schweizer Firmen setzen auf polnische IT-Zentren

7. März 2013, 08:04
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Der aktuelle CeBit-Partner Polen will sich immer mehr als Outsourcing-Standort für internationale Konzerne in Szene setzen. Unter den Unternehmen, die schon seit Jahren auf den spürbaren Kostenvorteil des östlichen EU-Markt setzen, befindet sich auch der Schweizer Riese Roche.

Der aktuelle CeBit-Partner Polen will sich immer mehr als Outsourcing-Standort für internationale Konzerne in Szene setzen. Unter den Unternehmen, die schon seit Jahren auf den spürbaren Kostenvorteil des östlichen EU-Markt setzen, befindet sich auch der Schweizer Riese Roche.
Polen, das derzeitige Partnerland der CeBit, rückt immer mehr in das Interesse multinationaler Unternehmen. Dazu gehört der Basler Pharmakonzern Roche. "Wir entwickeln Lösungen und unterstützen damit den Konzern in der ganzen Welt", erklärt Marcin Mazurowski (Foto) im Gespräch mit inside-it.ch. Der Pole arbeitet als Head of Shared Service Center bei Roche Polska. Diese Applikationen helfen seinen Aussagen zufolge unter anderem bei den klinischen Untersuchungen für neue Medikamente. Der IT-Fachmann ist einer von vier Leitern des Rechenzentrums, das Roche in Warschau sowie in Poznan (Posen) betreibt.
Kleine, aber spürbare Rolle im Konzern
Die Schweizer beschäftigen in diesem polnischen Rechenzentrum insgesamt 400 Programmierer und IT-Ingenieure. Die meisten von ihnen stammen aus dem Land selbst, doch auch aus Ungarn sowie der Ukraine. Das Unternehmen hat 2004 erstmals in der polnischen Hauptstadt eine Sektion in Betrieb genommen, fünf Jahren später wurde dann eine Aussensektion im westpolnischen Poznan ins Leben gerufen. Es gibt noch andere Schweizer Grossunternehmen, die hier ihre Zelte aufgeschlagen haben. Die UBS hat in Krakau ein Service-Center eröffnet.
"Wir sind ein innovativer Konzern, der sich um das Wohl des Patienten kümmert", nimmt Mazurowski den Faden wieder auf. Er hat an der Warschauer Polytechnischen Universität studiert und ist somit ein klassisches polnisches Eigengewächs. Der IT-Fachmann ist bei Roche in Polen von Anfang mit dabei, hat bereits während seines Studiums gearbeitet und verfügt auch über Zertifikate als Trainer für IBM- und Sun-Server.
"Wir konzentrieren uns auf die Herstellung von Medikamenten, und unserer Zentrum ist eine wichtige Abteilung innerhalb des Konzerns, das dabei hilft, dieses Ziel zu erreichen", fügt der IT-Leiter nicht ohne Stolz hinzu. "Am Pharmamarkt herrschen strenge Regularien, weshalb auch die Entwicklung von Lösungen hohen Qualitätsnormen unterliegt", erklärt der Fachmann.
In Zahlen: Roche investiert pro Jahr etwa acht Milliarden Franken in die Forschung und Entwicklung. Der Konzern erreicht pro Jahr Erlöse von mehr als 40 Milliarden Franken und beschäftigt weltweit 80'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der polnische Standort ist zwar nicht strategisch entscheidend, spielt aber innerhalb des Konzerns eine spürbare Rolle.
Milliardenschwerer Outsourcing-Markt
Das östliche EU-Land versucht sich derzeit immer mehr als potenzieller Outsourcing-Standort für internationale Firmen zu profilieren. Neben IT-Zentren sollen Unternehmen auch ihre Buchhaltung oder andere Backoffice-Dienstleistungen dorthin verlagern. Nach einem aktuellen Bericht der ABSL - der Interessenvertretung der polnischen Anbieter dieser Dienstleistungen - hat sich die Zahl der Zentren für internationale Unternehmen seit dem EU-Betritt im Jahr 2004 bis 2011 erheblich gesteigert.
Zunächst waren es noch etwa 90 Standorte, in die die Firmen ihre Buchhaltung oder IT-Aktivitäten hin verlagern konnten. Sieben Jahre später gab es bereits fast 340, von denen sich 70 Prozent in ausländischer Hand befinden. Dazu gehören solche Welt-Konzerne wie HP und Google. Schätzungen zufolge liegt der Wert des gesamten Outsourcing-Marktes in Polen bei mehr 13 Milliarden Zloty oder vier Milliarden Franken.
Tiefe Löhne und…
Darüber hinaus machen derzeit Gerüchte am Markt die Runde, dass ein Schweizer Kunde den indischen Konzern Birlasoft beauftragt habe, in Polen zu entwickeln. Wie die kleine polnische Wirtschaftszeitung 'Puls Biznesu' berichtet, wollen die Inder in Wroclaw in einem neuen IT-Zentrum 60 Angestellte beschäftigen.
Auch wenn diese Informationen nicht bestätigt worden sind, zeigen diese Spekulationen, dass Polen als Markt im Kommen ist. Aufgrund der wesentlich geringeren Kosten könnte das Land für Schweizer Unternehmen noch attraktiver werden. Zum Vergleich: Während ein Software-Entwickler aus Zürich oder Bern laut Kienbaum Management Consultants rund 10'000 Franken brutto im Monat verdient, erhält sein polnischer Kollege lediglich 5'500 Zloty – das sind etwa 1'600 Franken.
Nach den Statistiken der deutschen Beratungsgesellschaft Kienbaum und des polnischen Fachportals Mojapensja sind auch auf der Führungsebene die Unterschiede ähnlich gross: Ein IT-Ableitungsleiter aus der Schweiz findet pro Monat zwischen 14'000 und 15'000 Franken auf seinem Konto. In Polen sind dies nur 8'600 Zloty oder mehr als 2'500 Franken. Diese Gehälter liegen aber immer noch weit über dem Durchschnittslohn in Polen von 3'700 Zloty oder 1'100 Franken. Folglich ist eine Beschäftigung zu diesen Konditionen auch für die polnischen IT-Fachleute lukrativ.
...viele Fachkräfte
Doch das ist noch nicht alles: Das Land verfügt über Universitäten und Hochschulen, die IT-Fachfachkräfte aus dem gleichen Niveau ausbilden, wie dies im Westen der Fall ist. Das Land ist politisch solide und hat mit 38 Millionen Konsumenten einen relativ grossen Markt. Während der Finanzkrise zeigte es eine ordentliche Entwicklung und ist deswegen für internationale Investoren eigentlich immer eine Option.
Roche ist mit den bisherigen Ergebnissen in Polen jedenfalls zufrieden. "Unsere Beschäftigungszahlen haben sich seit dem vergangenen Jahr stabilisiert", macht Mazurowski klar. "Wir planen keine Erweiterung unserer Zentren." (Sebastian Becker, Warschau)

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