Schweizer IT-Infrastruktur ist top, aber...

6. November 2015, 16:29
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Das Uvek fragte am diesjährigen Infrastrukturtag nach dem Stand der Digitalisierung in der Schweiz. Das Fazit lautet, während wir in Sachen Technik und Infrastruktur auf höchstem Weltniveau unterwegs ist, happert es insbesondere bei der Umsetzung in konkretes Business.

Das Uvek fragte am diesjährigen Infrastrukturtag nach dem Stand der Digitalisierung in der Schweiz. Das Fazit lautet, während wir in Sachen Technik und Infrastruktur auf höchstem Weltniveau unterwegs ist, happert es insbesondere bei der Umsetzung in konkretes Business.
Wir brauchen ihre Hilfe, sagte Bundesrätin Doris Leuthard heute zur Eröffnung des vierten Infrastrukturtages ihres Departements für Umwelt, Verkehr und Kommunikation (Uvek). Sie fragte ins Auditorium, der diesmal an der ETH Zürich durchgeführten Veranstaltung, was getan werden und wo investiert werden müsse, um die Schweiz zum digitalsten Ort der Welt zu machen. Die Schweiz könne sich nicht mit einem Spitzenplatz bei der ICT-Infrastruktur begnügen, wenn gleichzeitig ein Nachholbedarf bei den Applikationen festzustellen sei, fügte sie an und gab damit dem Infrastrukturtag das zentrale Thema vor.
Günther Oettinger, EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, nahm den Ball auf. Er beklagte, dass derzeit die Wertschöpfung auf den mehr oder weniger guten Infrastrukturen der europäischen Ländern meist amerikanischen Konzernen überlassen bleibe. Es seien erhebliche technische und finanzielle Anstrengungen nötig, um die Oberhoheit über die mit der Digitalisierung sich abzeichnende wirtschaftliche Entwicklung nicht vollends aus der Hand zu geben. Gleichzeitig verwies Oettinger auf die mit Big Data und Industrie 4.0 immer drängender werdende Problematik der Normierung und Standardisierung der Infrastrukturen.
Umdenken in der Wirtschaft nötig
Das Thema Standardisierung ist denn auch im weiteren Verlauf der Tagung immer wieder aufgenommen worden. Dabei war man sich allerdings einig, dass physikalisch vorerst weder bei den Kapazitäten noch bei den Frequenzen Engpässe zu erwarten sind, wie Jürg Leuthold vom Departement Informationstechnologie und Elektrotechnik der ETH heraus ausführte. Selbst dem seit Jahren anhaltende exponentiellen Wachstum bei der Datenkommunikation würde in Glasfaser-basierten Netzen zumindest vorerst keine Leistungsgrenzen gesetzt.
Ein Umdenken und grundsätzlicher Wandel steht hingegen der Wirtschaft durch die Digitalisierung bevor, wie Samuel Rutz vom Think Tank Avenir Suisse erklärte. Er verwies im Sinne von Adam Smith auf die ständig "vollkommenere Konkurrenz" hin: Immer mehr Anbieter und Nachfrager werden den Markt im Internet-basierten Zeitalter bestimmen, während sich die Markttransparenz verstärken und die Marktzugangsschranken fallen werden, so Rutz. Die Auswirkungen der Digitalisierung werden nicht zuletzt das gesellschaftlich-wirtschaftliche Ökosystem der Schweiz als Staat verändern, sagte Philipp Metzger. Der Direktor des Bundesamtes für Kommunikation stellte klar, dass im Zeitalter der Digitalisierung das Arbeiten nach dem Command- und Controll-Modell nicht mehr funktioniere. Künftig habe der Staat angesichts der rasant zunehmenden Vernetzung vielmehr als "Koordinator, Moderator und Vermittler" zu agieren.
Der falsche Fokus
In der Diskussion der Vorträge brachte schliesslich Nationalrat Ruedi Noser die Situation auf den Punkt: "Wir haben geniale Technik, aber zu viel Regulierung und keine Geschäftsmodelle". Startups würden durch die Schweizer Regulierungswut regelrecht abgewürgt, behauptete er. So habe etwa die Finanzmarktregulierung zur Folge, dass Schweizer Unternehmer Firmen in London gründeten. Aber auch die hiesige Steuergesetzgebung behindere Jungunternehmer und würde Investoren abschrecken. Es herrsche eine Kultur der vorsorglichen Risikoabschätzung, die es schwierig mache, Innovationen überhaupt erst einmal auszuprobieren. Statt einseitig den Konsumentenschutz weiter auszubauen, sollten die Schweiz den Fokus ändern und sich von seiner Nulltoleranz-Kultur verabschieden. Zudem nahm Noser die Hinweise von Bundesrätin Leuthard und EU-Kommissar Oettinger auf und betonte, man solle hierzulande nicht ständig die Technik um Rat fragen, wenn es darum gehe, mit der Digitalisierung neue Wertschöpfungspotentiale zu erschliessen. (Volker Richert)

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