Schweizer KI-Startup: "Wir können tausende Leben retten"

16. September 2021, 11:41
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Im Gespräch erklärt ETH-Doktor Danny Chatziprodromou wie sein "physics informed" neuronales Netzwerk Hochwasserbedrohten im Zeitalter der Klimaerwärmung helfen soll.

Extremwetter und Hochwasser dürften sich diesen Sommer als riesige Gefahr ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt haben. So dramatisch wie in Deutschland war die Situation hierzulande zum Glück nicht, aber auch die Schweiz hatte grosse Schäden zu verzeichnen.
In der Stadt Luzern kämpfte man im Juli 2020 das letzte Mal mit verheerenden Überschwemmungen. Am Vierwaldstättersee versucht man sich auf die nächsten Fluten vorzubereiten und die Infrastruktur auszubauen. Bloss: Man muss dazu wissen, wie sich das Wasser verhält, wo es sich seinen Weg bahnt, wie hoch der Pegel steigen kann. Das ist mit dem vielen Beton und den Kanalisationssystemen in der Stadt rasch eine grosse Herausforderung.
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Reor20-Gründer Danny Chatziprodromou

Dieser Schwierigkeit hat sich Reor20 angenommen. Das Startup hat ein Modell entwickelt, das besonders die Wechselwirkung zwischen den Wasserströmungen an der Oberfläche und den städtischen Entwässerungssystemen verstehen soll. Gemeinsam mit der Stadt Luzern hat es kürzlich ein Projekt durchgeführt, das von den städtischen Verantwortlichen als grosser Erfolg bilanziert wird.Einen passenderen Zeitpunkt, um an die Öffentlichkeit zu gehen, hätte Reor20 kaum wählen können. "Wir sind der Konkurrenz mit unserem Modell zwei bis vier Jahre voraus", sagt Danny Chatziprodromou im Gespräch mit inside-it.ch. Der ETH-Doktor hat Reor20 im Herbst 2019 mit 4 Mitstreitern von der ETH und dem MIT gegründet. Dies, nachdem das Projekt einen mit 200'000 Euro dotierten Schweizer Preis der European Space Agency (ESA) gewonnen hatte.

Das Modell soll 5000-mal schneller sein als bisherige Tools

Chatziprodromou hatte zuvor 15 Jahre beim Rückversicherer Swiss Re gearbeitet und sich nun von dort mit dem langjährigen Manager Axel Brohm Rückendeckung in den Verwaltungsrat geholt. Seit Anfang an dabei ist José Achache, der mehrere Firmen im Bereich Raumfahrt gegründet hat. Er ist Mitglied des ESA Business Incubation Centers, das mit der ETH Startups fördert.
In den Konzernen würde die Innovation viel zu wenig vorangetrieben, sagt Reor20-CEO Chatziprodromou, deshalb habe er das Jungunternehmen ins Leben gerufen. Die heutigen Prognose-Tools seien entweder wenig akkurat oder benötigten sehr lange Zeit und viel Rechenpower. Das hauseigene auf einem neuronalen Netzwerk basierende Modell sei 5000-mal schneller, wie der Startup-Chef sagt.
Dahinter stehe ein Paradigmenwechsel, sagt Chatziprodromou: "Wir speisen die Erkenntnisse unserer Engine in ein neuronales Netzwerk, was bei Prognosen Geschwindigkeit, Kosten und Genauigkeit massiv verbessert". Der ETH-Doktor zeigt eine Präsentation. Darauf zu sehen: Deepwater, das System von Reor20, hat in 0,1 Sekunden auf demselben Laptpop ausgerechnet, wofür ShalloWater HPC ganze 9 Minuten brauchte. Letzteres war die hauseigene Engine von Reor20, die laut dem CEO bereits State of the Art ist.
Ob das tatsächlich stimmt, ist für einen Laien kaum zu überprüfen. Der Versuch in Luzern habe dies validiert, sagt Chatziprodromou. In der Stadt zeigt man sich zumindest überzeugt von Reor20: "Die Arbeit lieferte eine robuste Aussage darüber, dass die neu entwickelten Infrastrukturelemente wie erwartet funktionieren werden und dass das Design effizient gegen das nächste Starkniederschlagsereignis wirken wird", heisst es in einem Dokument aus Luzern. "Die Auswirkungen einer solchen Technologie auf die durch den Klimawandel bedingten Unsicherheiten sind bemerkenswert".

Meteo-Daten, Sensoren und ein Alarmierungssystem

Reor20 sieht grosses Geschäftspotential. Die Startup-Gründer rechnen damit, dass sich der Markt für Versicherungen gegen Überschwemmungen bis 2027 verdreifacht und auf 28 Milliarden Dollar steigt. Dank Deepwater sollen Versicherungen das Risiko genauer und rascher abschätzen können. Berechnungen würden damit bis zu 150-mal günstiger als mit bereits bestehenden Alternativen, verspricht Chatziprodromou. In einem Jahr soll das Produkt marktreif sein, die Hydrodynamik-Engine steht bereits, das "physics informed" neuronale Netzwerk liegt als Prototyp vor.
Beim Unternehmen hofft man auf die ersten wiederkehrenden Einnahmen im Jahr 2023. Mehr wolle er noch nicht prognostizieren: "Vorhersagen über Einnahmen sind ein Rezept zur Zerstörung der Firma", sagt Chatziprodromou lachend. Derzeit rede man mit einem Telco über ein Alarmierungssystem und mit einem Techkonzern über Sensoren, um Daten ins System einzuspeisen. "Wenn wir dazu noch die Meteo-Daten live mit den Entwicklungen am Boden kombinieren können, könnten wir tausende von Leben retten", hofft der Reor20-Gründer.
Das Startup will seine Software als Service zur Verfügung stellen und damit besonders Versicherungen adressieren. "Wir wollen uns aber auch mit den Kommunen und smart Citys befassen. Die jüngsten Überschwemmungen, die New York City in diesem Sommer verwüstet haben, zeigen, dass die Stadtverwaltungen diese Art von Ereignissen besser vorhersehen müssen", sagt der Reor20-Gründer. Bislang haben er und seine Mitstreiter zusätzlich zum Preisgeld der ESA rund 1 Million Franken gesammelt. Für nächstes Jahr plant das Jungunternehmen eine Serie-A-Finanzierungsrunde.
Auch Regierungen und Privaten soll das Modell zur Verfügung stehen. Etwas Idealismus lässt sich beim ETH-Doktor heraushören: Für private Anwender soll das System kostenlos sein, wenn dies wirtschaftlich möglich ist. So sollen sie nicht nur in ein Warnsystem eingebunden werden, sondern etwa auch vor einem Hauskauf abschätzen können, wie hoch das Risiko einer Überschwemmung ist.

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