Schweizer KMUs zwischen Terror, Trump und Technologie

2. Juni 2017, 08:00
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Das Swiss Economic Forum in Interlaken will zeigen, was unsere Zeiten so wild macht und wie das mit der Digitalisierung geht.

Das Swiss Economic Forum in Interlaken will zeigen, was unsere Zeiten so wild macht und wie das mit der Digitalisierung geht.
"Live The Wild", so das Motto des Swiss Economic Forums 2017, musikalisch untermalt vom "Dut, di-dut, di-dut, dut-di-dut..." von Lou Reeds Klassiker "Take a Walk on the Wild Side". Offenbar geschäften die teilnehmenden 1350 Entscheidungsträger in ihren frisch gebügelten Businesskleidern also in einer Wildnis. In dieser sind Terror, Trump und Technologie, um in dieser Metapher zu bleiben, Giftschlangen, Kannibalen und Lianen gleichzusetzen, mit denen man als Schweizer KMU im globalen Dschungel umgehen muss. Und dies im rasenden Tempo, das die Technologie vorgibt.
Was gab es also zu hören am Tag eins des Forums, der dazu gedacht war, diese Wildnis besser zu verstehen?
Die ganz, ganz grossen Linien zog Timothy Garton Ash, Oxford-Professor und Historiker mit Forschungsschwerpunkt Geschichte seit 1945. Der Mensch sei erstmals eine Bedrohung für die Erde ingesamt, sagte er. Gleichzeitig würden die digitale Revolution ("Smartphone", "KI"), die technologische und ökonomische (aber weder gesetzliche noch moralische) Globalisierung und die wachsende Zahl von Demokratien den Lauf der Geschichte prägen. Wären da nicht die "antiliberale Gegenrevolution" (Putin, Le Pen, Trump), die Krise des Westens (Brexit) und der unaufhaltsame Aufstieg Chinas zur Weltmacht.
Historisch seien Phasen von grossen Machtwechseln immer mit Krieg verbunden gewesen, resümierte Garton Ash und rief dazu auf, nicht nur in betriebswirtschaftlichen Kategorien zu denken, sondern auch über die künftige Arbeitswelt nachzudenken. Und jeder müsse nun persönlich für liberale Werte kämpfen. Nur verbal natürlich, aber auch am Stammtisch.
Erik Brynjolfsson, Direktor der Initiative "Digitale Wirtschaft" am MIT, Wirtschaftswissenschaftler und Autor des einflussreichen Buchs "The Second Machine Age", fasste einige Jahre Forschung an der Schnittstelle zwischen Technologie und Ökonomie zusammen. Machine Learning sei die zentrale Herausforderung der nächsten Dekade, prognostiziert er anhand bekannter Beispiele wie Google, selbstfahrende Autos und ein Roboter-Panther des MIT (Dschungel 2.0!). Der Technologie-Interessierte blieb bei bekannten Aussagen: Technologien ersetzen immer mehr Arbeit, neue Jobs gibt es vor allem für unqualifizierte und für hochqualifizierte Arbeitskräfte, die Mittelklasse werde in jeder Hinsicht ausgehöhlt. Es gebe kein Gesetz, wonach alle Menschen von Fortschritt und Wirtschaftswachstum profitieren würden wie bislang. "Wir müssen uns schneller an technologische Entwicklungen adaptieren und die Menschen bei Innovationen miteinschliessen."
Profaner und praxisnäher schritt Doris Leuthard, Bundesrätin für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) und Bundespräsidentin durch die Wildnis. "Wir sind noch nicht wirklich im Zeitalter der Digitalisierung angekommen", sagte sie mit Bezug auf eine aktuelle Studie. Nur achter Rang weltweit für die Schweiz, weit hinter Schweden oder Hongkong sei nicht genug. Es gebe zuviel Skepsis gegenüber Technologien bei KMUs und in der Gesellschaft. Es müsse nun ein "Sprung" erfolgen. Ein guter Absprungpunkt ist für Leuthard offenbar die E-ID. "Es braucht endlich eine Lösung und einen Entscheid", sagte die Bundespräsidentin. "Wir haben viel Zeit mit Diskutieren verloren." Und es brauche Druck aus der Wirtschaft sagte sie passend zum Ende der Vernehmlassungsfrist zum E-ID-Gesetz. Szenenapplaus erhielt sie für ihre Lobeshymne an den Kampfgeist der Schweizer KMUs. Alles gar nicht so wild, vermutet man.
Dann zeigt sich doch einer zickig, ja wild: Ein Vorzeigeunternehmer aus der Farbenbranche geisselte, was er "Regulierungswahnsinn" und "schmerzhaften Formalismus" nannte. Ja, er bekannte, er übe zivilen Ungehorsam: "Ich verstosse regelmässig gegen Gesetze“, sagt der Patron.
Über dem malerischen Interlaken zogen passenderweise mächtige Gewitterwolken auf und aus den Boxen tönte erneut "Walk on the wild side". Seit dieser Sekunde müssen wir wohl Lou Reeds Ode an Transsexualität, Drogen und die Geschöpfe der Nacht als Soundtrack der Digitalisierung der Schweiz verstehen ..."Dut, di-dut, di-dut, dut-di-dut...". (Marcel Gamma)

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