Showdown auf dem Markt für Unified Communications: Microsoft vs. IBM

5. September 2007, 10:12
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Was unterscheidet die Strategien der beiden Erzrivalen? Eine Spotlight-Analyse von Berlecon Research.

Was unterscheidet die Strategien der beiden Erzrivalen? Eine Spotlight-Analyse von Berlecon Research.
Derzeit vergeht kaum eine Woche ohne die Ankündigung neuer Übernahmen und Kooperationsvereinbarungen im Bereich Unified Communications. Vor allem Microsoft und IBM scheinen mit ihren Office- und Lotus-Suiten an fast jedem Abkommen beteiligt zu sein. Zunächst wirkt die Fülle der Partnerschaften recht willkürlich – schliesslich kooperiert hier jeder mit jedem. Die Details der Kooperationen und ihr Potenzial sind jedoch von den unterschiedlichen Rollen bestimmt, die IBM und Microsoft auf dem Markt für Kommunikationslösungen anstreben.
Zunächst ergänzen beide ihre Software-Suiten Lotus Notes und Office kontinuierlich um zusätzliche Funktionen der Echtzeitkommunikation. Dies geschieht entweder durch eigene Entwicklungsarbeit oder durch taktische Übernahmen spezialisierter Technologieanbieter. So kaufte Microsoft Parlano bekannt gegeben, deren Web-Conferencing-Technologie nun in Lotus Sametime integriert wird.
Die funktionsreichen Kollaborations- und Kommunikationsinstrumente der beiden Anbieter können ihren vollen Nutzen jedoch erst dann entfalten, wenn sie in die Telekommunikaitons-Infrastruktur der Unternehmen eingebunden werden. Sowohl IBM als auch Microsoft waren bei der Partnersuche unter den traditionellen Kommunikationsanbietern entsprechend aktiv und erfolgreich. So traten Microsoft und Cisco kürzlich vor die Presse ein entsprechendes Abkommen bekannt. Ähnliche Vereinbarungen existieren bereits mit fast allen übrigen TK-Anbietern wie Alcatel-Lucent, Nortel oder 3Com.
Beim öffentlich bekundeten Kooperationswillen hören jedoch die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Denn schaut man genauer hin, wird ein unterschiedliches Verständnis der Rolle der IT-Anbieter auf dem Unified-Communications-Markt deutlich. So will Microsoft vom erwarteten Marktwachstum direkt profitieren, indem eigene Technologien, wie der Office Communications Server, schrittweise zu einer vollwertigen IP-basierten Nebenstellenanlage (IP PBX) weiterentwickelt werden. Damit begeben sich die Redmonder zunehmend in einen Verdrängungswettbewerb mit ihren Partnern im TK-Bereich.
IBM hingegen möchte in erster Linie die eigene Software wie Lotus Sametime in Unified-Communications-Architekturen möglichst vieler TK-Anbieter integrieren. Der Verzicht auf die Entwicklung einer eigenen IP PBX steht für ein gemeinsames Wachstum mit den TK-Anbietern. Dies zeigt sich auch bei der Partnerschaft mit Siemens. Im Rahmen des Entwicklungsabkommens wird die OpenScape Software Teil von Lotus Sametime, um dessen Integrationsfähigkeit in heterogene Kommunikationsinfrastrukturen besser gewährleisten zu können.
Die unterschiedlichen Strategien zeigen sich auch in der Offenheit der Produktentwicklung. IBM baut hier eher auf Standards und teilweise auch auf offene Quellcodes. So basiert etwa Lotus Sametime auf dem Open Source Framework Eclipse. Microsoft bietet natürlich auch Schnittstellen an, verfolgt aber eine eher proprietäre Entwicklung, um eine eigene integrierte Lösung anbieten zu können.
Diese unterschiedlichen strategischen Ziele bezüglich angestrebter Marktposition und Offenheit beeinflussen allerdings auch das Potenzial der strategischen Partnerschaften mit den TK-Anbietern. Denn auch die Kommunikationsausrüster wollen sich mit ihren Unified-Communications-Lösungen positionieren. Mit einem potenziellen Konkurrenten können sie daher nicht zu viel Technologie und Know-how teilen. Schliesslich trägt jeder Wissenstransfer zur Stärkung des Partners und einer möglichen Schwächung der eigenen Position bei.
Bei IBMs offenem Ansatz lassen sich solche Interessenskonflikte eher vermeiden. Sicherlich kann Microsoft von der hohen Verbreitung von Office und Exchange profitieren. Diese Position der Stärke und ein entsprechendes Marketing können sogar dazu beitragen, dass sich immer mehr Unternehmen mit dem Thema Unified Communcations auseinandersetzen.
Doch trotz aller Hoheit über den Schreibtisch: Um den hohen Anforderungen vor allem grosser Unternehmenskunden an Verfügbarkeit, Sicherheit und Quality of Service von Sprachdiensten gerecht werden zu können, sind beide IT-Anbieter auf die Erfahrung ihrer Partner aus der TK-Welt angewiesen. Der Anspruch auf alleinige Marktführerschaft darf daher mit dem Kooperationswillen der Kommunikationsanbieter nicht allzu deutlich im Konflikt stehen. Denn sonst könnte das sensible Verhältnis von Partnerschaft und Konkurrenz aus dem Gleichgewicht geraten. (Philipp Bohn)
(Diese Spotlight-Analyse wurde von Berlecon Research erstellt. Publikation auf inside-it.ch/inside-channels.ch mit freundlicher Genehmigung von Berlecon Research. Copyright © 2007, Berlecon Research GmbH)

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