Siemens oder die Normalität der Korruption

13. Dezember 2006, 12:25
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Ein verhafteter Konzernvorstand, beinahe eine halbe Milliarde Euro an "dubiosen Zahlungen" und Business as Usual.

Ein verhafteter Konzernvorstand, beinahe eine halbe Milliarde Euro an "dubiosen Zahlungen" und Business as Usual.
Wie das 'Handelsblatt' meldet, haben sich Siemens Konzernchef Klaus Kleinfeld, Aufsichtsratchef von Pierer und Finanzchef Kaeser zur Sicherheit externe Strafverteidiger genommen. Klaus Volk und Sven Thomas, die nun Kleinfeld und von Pierer vertreten, waren auch führend in der Verteidigung von Deutsche-Bank-Chef Ackerman und Mannesmann-Chef Esser im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess gewesen. Ex-Siemens-Konzernvorstand Thomas Ganswindt bleibt derweil wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Ganswindt, der von mehreren Beteiligten an der Schmiergeldaffäre belastet wurde, schon früh von den Zahlungen gewusst zu haben, stellt eine direkte Verbindung zur damaligen Siemens-Führung dar.
Mittlerweile hat Siemens ausserdem in aller Stille die Bilanzen der letzten Jahre korrigiert und vorsorglich Steuern in Höhe von 168 Millionen Euro nachgezahlt. Diese wurde notwendig, nachdem Siemens-interne Untersuchungen "dubiose Zahlungen" von insgesamt rund 420 Millionen Euro in den letzten sieben Jahren ans Tageslicht brachten. Diese seien vor allem in Form von Beraterhonoraren geflossen, "wo zweifelhaft ist, ob sie steuerlich absetzbar sind." Zugleich geht Siemens in die Offensive. Der Stuttgarter Oberstaatsanwalt und Wirtschaftskriminalitäts-Spezialist Daniel Noa wird ab Januar Chef des Anti-Korruptions-Büros. In den USA wurde eine renommierte Kanzlei und Michael Hershman, der Gründer von Transparency International, mit der Suche nach eventuellen weiteren Fällen dieser Art beauftragt. Zudem wurde Klage auf Rückzahlung eines Millionenbetrags gegen einen griechischen Mitarbeiter eingereicht, der Gelder unterschlagen haben soll. Oder wie es der amtierende Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld beschrieb: "Bei solchen Projekten fällt immer mal wieder etwas vom Fahrzeug herunter, das man dann selbst behält". Immer mal wieder?
Auch wenn sich die Ermittlungen zu den Schwarzen Kassen bei Siemens noch ein wenig hinziehen werden, der Hype um die Schmiergeld-Affäre ist vorbei. Schaut man sich den Kursverlauf der Siemensaktie an, so hat sie die Hälfte der sieben Prozentpunkte, die sie auf der Höhe des Skandals verloren hatte, schon wieder gut gemacht. Das ist die eigentlich erschreckende Nachricht dieser Tage. Die Besen sind ausgeteilt, der Teppich schon mal zurück geklappt und die Spin-Doctors haben ihre Arbeit aufgenommen. So langsam wandelt sich der Täter zum Opfer. Nicht Siemens ist schuld an den Vorkommnissen, sondern eine je nach Lesart eine kriminelle oder auch nur übereifrige Truppe innerhalb des Unternehmens. Siemens hat alles richtig, nur nicht gut genug gemacht, um solche Vorkommnisse zu vermeiden. Warum sollte daher irgendjemand, womöglich gar Heinrich von Pierer, derzeit Aufsichtsratschef und zur Zeit der Vorfälle Vorstandschef von Siemens, die Verantwortung übernehmen. 'Spiegel online' zitiert ihn heute mit den Worten "Mich ärgerst zutiefst, was da passiert ist" und das eine Gruppe von Mitarbeitern sich zusammengetan habe, um alle Sicherungen außer Kraft zu setzen. Es ärgert ihn? Was muss passieren um den Mann richtig wütend zumachen? Und worüber ärgert er sich? Das es geschah oder das es aufflog?
Die Lebenswirklichkeit von global operierenden Konzernen hat mit dem Gutmenschentum westeuropäischer Prägung nicht viel zu tun. Wer glaubt, dass man in Saudi-Arabien, um einen respektablen Geschäftspartner zu nennen, Geschäfte an den diversen Prinzen des Königshauses vorbei machen könnte, hat in einer Vorstandsetage nichts zu suchen. Man mag es bei einer solchen Sichtweise den beschuldigten Managern bei Siemens beinahe zu Gute halten, dass die meisten, anders als zuletzt die Beteiligten der Volkswagen-Affäre, im "Besten" des Unternehmens zu handeln glaubten.
Bleibt zuletzt die Frage nach dem Schaden am Image. Das Gedächtnis der Öffentlichkeit ist kurz und schon bald werden weder Kleinaktionäre noch Endkunden die Ereignisse bei ihren Kaufentscheidungen weiter berücksichtigen. Die Mitbewerber haben es jetzt allerdings schriftlich, dass man bei Siemens bereit ist, sich zur Not auch mal die Finger schmutzig zu machen. Das sichert dem Unternehmen endgültig einen Platz in der Champions-League der Weltkonzerne. Wie gesagt, das wirklich erschreckende ist die Normalität der Dinge. (Thomas Mironiuk)

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