Sinn und Unsinn von ERP-Studien

15. März 2005, 15:02
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Die jüngst veröffentlichte IBM-Studie zur Bedeutung von ERP-Investitionen für Schweizer KMU sagt nur wenig aus, wenn sie nicht richtig interpretiert wird.

Die jüngst veröffentlichte IBM-Studie zur Bedeutung von ERP-Investitionen für Schweizer KMU sagt nur wenig aus, wenn sie nicht richtig interpretiert wird.
Zum Schweizer KMU-ERP-Markt gibt es eine Reihe von Untersuchungen - und alle sind Unsinn. Weder die von verschiedenen Software-Herstellern gesponsorte Studie der FHBB zeichnen ein exaktes ("wahres") Bild der in der Schweiz tatsächlich eingesetzten Business-Software.
Der Grund: In der veröffentlichten Version der Studien wird meistens auf eine Kritik der Datenbasis verzichtet. Man möchte unbedingt eine "Rangliste" der "besten" oder "grössten" Anbieter publizieren, um so die Aufmerksamkeit des breiten Publikums zu erringen. Ein an sich legitimes Unterfangen - auch wir Journalisten arbeiten oft genug nach denselben Prinzipien.
Absurd, wenn unhinterfragt
Nimmt man unhinterfragt die Grafiken in der IBM-Studie für bare Münze, so ergibt sich tatsächlich ein seltsames Bild. So weist die Studie den Einsatz von ERP-Systemen einzelner Hersteller wie folgt aus (in Klammer die Anzahl Nennungen in Prozent der Antworten):
  1. "Andere" (62 %)
  2. Polynorm (1 %)

Abgesehen davon, dass es weder ERP-Lösungen namens "IBM" oder "Microsoft" gibt, verschwinden alle jene KMU-Lösungen wie Sage Sesam, Europa3000, BusPro, Simultan etc, die mehrere Hundert, Tausende oder gar Zehntausende von KMU-Kunden nachweisen können, im grossen Posten "Andere". Das ist natürlich Unsinn.
Des Rätsels Lösung: Von den etwa 300'000 Schweizer Kleinstunternehmen unter 50 Mitarbeitenden haben nur gerade 43 an der Studie teilgenommen. Die Manager dieser 43 haben sich zudem fast alle unlängst mit dem Thema ERP befasst. Die riesige Mehrheit der Firmen, die seit Jahren zufrieden mit oder ohne KMU-Geschäftssoftware wie WinWare, BlueOffice, WinOffice, Banana oder Excel leben, kommen gar nicht vor.
Dies erklärt auch die angeblich gigantischen Beträge, die KMUs für ihre Geschäftssoftware ausgeben. Die Hälfte der Kleinstunternehmen (unter 50 MA) hätten letztes Jahren zwischen 100'000 und 250'000 Franken für Business-Software ausgegeben, wird in der IBM-Studie auf Seite 14 postuliert. Richtig interpretiert lautet die Aussage aber so: Kleinstbetriebe, die sich wegen ihres Business-Modells intensiv mit Geschäftssoftware auseinandersetzen, KÖNNEN sehr hohe Beträge ausgeben. Darüber, wieviel die grosse Masse der Schweiz KUs für Geschäftssoftware jährlich investieren (müssen), macht die Studie schlicht keine Aussage.
Wertvoll, wenn hinterfragt
Interpretiert man die Daten der IBM-Studie allerdings richtig, so kann sie einem wertvolle Hinweise geben.
Die Teilnehmer der Studie haben entweder sehr neue, oder sehr alte Software im Betrieb. Mitgemacht haben also IT-Leiter, die sich intensiv mit dem Thema ERP auseinandersetzen.
Hier einige der wichtigsten Aussagen:
- Wer eine neuere ERP-Lösung in Betrieb hat, macht sich grosse Gedanken über eine Erweiterung der Funktionalität. Gemäss Pascal Sieber, der die Studie redigierte, geht es vor allem um den Einbezug des Internets in Verkaufs- und Marketing-Bemühungen (Webshops, E-Marketing, CRM).
- Die Bedeutung von "Standards" nimmt zu. Nur 29 % der befragten IT-Manager gaben an, auch in Zukunft mit Sicherheit auf die grosse Masse der Lösungen in der Rubrik "Andere", sprich lokale, eher Marketing-schwache Anbieter zu setzen. Die Bedeutung von bekannten Marken wie "Abacus", "IBM" oder "Microsoft" nimmt zu.
- Dienstleistungsunternehmen geben pro Mitarbeitenden (4321 Franken pro Kopf) wesentlich mehr Geld für Geschäftssoftware aus, als Handels- oder Industriebetriebe mit knapp 2000 Franken pro Angestellten. Ähnlich sieht es bei den geplanten Investitionen für 2005 aus. Die Industrialisierung der Dienstleistungen ist Software-intensiv und damit eine grosse Chance für die Schweizer IT-Industrie.
- Die Faustregel, dass bei einem ERP-Projekt nur ein Zehntel bis ein Fünftel der Kosten für die Software-Lizenzen anfallen, wiederspiegelt sich nicht in der Praxis. Gemäss der IBM-Studie sieht die Verteilung der Investitionen in Business-Software-Projekten wie folgt aus: 48 % Software, 27 % Hardware und nur 25 % für Service und Schulung. Doch auch bei der Interpretation dieser Zahlen tauchen viele Fragen auf: Haben die Teilnehmer einen besonders hohen Dienstleistungsanteil (Beratung, Parametrisierung, Implementation, Tests) intern erbracht? Oder haben die Anbieter (Berater, Systemintegratoren, Software-Hersteller) ihre Dienstleistungen in Hard- und Software-Preisen "versteckt"?
Die IBM-Studie kann kostenlos hier gelesen und heruntergeladen werden. (Christoph Hugenschmidt)

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