Software als Wille und Wahn (dänische Version)

17. Dezember 2008, 14:13
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Der dänische Unternehmer des Jahres bekennt sich des Betrugs und der Fälschung schuldig – Schadenssumme rund 200 Millionen Franken.

Der dänische Unternehmer des Jahres bekennt sich des Betrugs und der Fälschung schuldig – Schadenssumme rund 200 Millionen Franken.
Ende November, so berichtet das 'Wall Street Journal', feierte Ernst & Young an einem rauschenden Bankett mit tausend Gästen, darunter ein dänischer Minister, die Softwarefirma IT Factory für ihre explodierenden Gewinne und Umsätze. Deren "genialer" CEO Stein Bagger sollte eigentlich an diesem Bankett als dänischer Unternehmer des Jahres geehrt werden sowie weitere Auszeichnungen entgegennehmen. Bagger allerdings glänzte durch Abwesenheit, denn der war kurz zuvor aus einem Hotel in Dubai, wo er mit seiner Familie Ferien machte, verschwunden, worauf seine Frau aus Sorge um ihren Mann die Polizei alarmierte.
Auch Bjarne Riis schaut in die Röhre
Seither hält die Affäre um Stein Bagger Dänemark in Atem. Denn die Umsätze und Gewinne seiner Firma, aufgrund derer sie viele Kredite erhielt, waren zu 95 Prozent fiktiv. Die Schadenssumme beläuft sich gemäss der Schätzung der Untersuchungsbehörde auf rund 200 Millionen Franken. Zu den Geprellten gehören neben diversen Finanzistituten auch der grösste Businesspartner IBM sowie Bjarne Riis und sein Fahrradteam (bei dem unser Sportler des Jahres Fabian Cancellara mitfährt). Noch im September hatte IT Factory nämlich einen Co-Sponsor-Vertrag mit dem früheren CSC-Team abgeschlossen. Und ähnlich, wie sich die Welt fragt, wie Madoff seinen Milliarden-Betrug durchziehen konnte, fragt sich nun ganz Dänemark, wie Bagger jahrelang mit seiner "virtuellen Firma" durchkommen konnte, obwohl es eigentlich viele Hinweise gab, dass etwas nicht stimmen konnte.
Bagger war in Dubai nichts schlimmes geschehen. Anscheinend spürte er aber, dass das von ihm geschaffene Kartenhaus bald zusammenstürzen würde. Er fuhr aus dem Hotel still und heimlich zum Flugplatz, flog nach New York und irrte danach einige Tage lang im Auto quer durch die USA, bevor er sich schliesslich am 6. Dezember mit Armani-Anzug und Rolex gerüstet in Los Angeles der Polizei stellte. Heute nun hat er sich vor einem Gericht in Dänemark des schweren Betrugs und der schweren Urkundefälschung für schuldig bekannt. Dafür drohen ihm bis zu acht Jahre Gefängnis.
Self Made Man
IT Factory war 2003 von einer Investorengruppe übernommen worden, die den ehemaligen Bodybuilder Bagger als CEO einsetzte. Dem Mann werden nicht nur Verbindungen zu den Hells Angels sondern auch grosses persönliches Charisma und Überzeugungskraft nachgesagt. Unter seiner Führung stieg der angebliche Umsatz des Anbieters von CRM-Software-as-a-Service und Consulters um das 69-fache (!) auf knapp 200 Millionen Dollar und der Gewinn um das 288-fache (!!) auf zuletzt 22 Millionen Dollar. Und diesen Monat wollte Bagger gemäss 'LA Times' sogar einen Gewinn von 54 Millionen Dollar ausweisen. All dies obwohl anscheinend niemand konkrete Kunden des Unternehmens kannte und IT Factory gemäss 'Politiken' nur gerade 45 – allerdings hochbezahlte – Leute beschäftigte.
Dies hatte schon viele Leute aus der dänischen IT-Branche stutzig gemacht. Mindestens einer, der Chef einer anderen Softwarefirma, verschickte auch Warnbriefe an Finanzinstitute und IBM. Zudem hatte seit rund einem Jahr die Bloggerin Dorte Toft in den Geschäften von Bagger gewühlt und unter anderem aufgedeckt, dass sich dieser mit dem Diplom einer nicht existierenden US-Universität schmückte. (Um die Fiktion aufrecht zu erhalten, hatte Bagger sogar eine Schauspielerin angestellt, die sich gegenüber Toft als Vertreterin dieser Uni hätte ausgeben sollen.)
Niemand hat's gemerkt
Die Buchprüfer Deloitte und KPMG sowie IBM und alle anderen Geprellten schöpften aber nie Verdacht. Und auch der Verwaltungsrat sowie weitere Mitarbeitende erklären nun, nie etwas geahnt zu haben. Bagger seinerseits begründete seinen Erfolg damit, dass er halt sehr hart arbeite. „Ich schlafe höchstens drei bis vier Stunden pro Nacht. Manchmal arbeite ich 100 Stunden die Woche.“
Um die Umsätze seiner Firma herbeizuzaubern, hatte Bagger in Wirklichkeit eine ganze Reihe von fiktiven Firmen geschaffen, die IT Factory einerseits "belieferten" und andererseits Services bestellten. Endgültig aufgedeckt wurde der Betrug, als der Verwaltungsratsvorsitzende des Unternehmens nach Baggers Verschwinden in einem kleinen Büro Unterlagen zu den Vorgängen fand.
Gemäss diesem englischsprachigen Blog eines dänischen Consulters hatte Bagger beispielsweise von diesen fiktiven Firmen Server an IT Factory liefern lassen. Mit den Unterlagen bewaffnet ging er dann zu Leasing-Firmen, um sich die Server abkaufen zu lassen und sie sofort im Namen von IT Factory zurück zu leasen. Diese Finanzierungspraxis ist im IT-Geschäft weit verbreitet. In diesem Fall hatte sie aber den kleinen Schönheitsfehler, dass die Server gar nie existierten. Wiederum andere fiktive Firmen "mieteten" dann fiktive Software-Services, die auf den ebenso fiktiven Servern liefen.
"Es tut mir so leid"
Und was sagt Bagger nun zu seiner Verteidigung? Er habe dies alles nur gemacht, weil er und seine Familie über die ganzen Jahre ihrerseits von Schwerverbrechern erpresst worden sei (Was ihn aber nicht daran hinderte, einem den angeblichen Gewinnen seines Unternehmens entsprechenden luxuriösen Lebensstil zu frönen). Nun tue ihm das alles sehr leid und er fühle sich schuldig, gleichzeitig aber auch "erleichtert, dass endlich alles herausgekommen ist."
Ob ihm das Gericht das abnimmt? Schliesslich scheint Bagger ja ein wirklich guter "Überzeuger" zu sein. Um seine Verteidigung beim kommenden Prozess zu perfektionieren, empfehlen wir Bagger jedenfalls das Studium dieses genialen Sketchs von Monty Python. (Hans Jörg Maron)

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