Software-Industrie mit dem Polizeiknüppel in der Hand

4. Februar 2005, 18:28
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Gier statt Stärke: Das Kopieren und Verbreiten von digitalen "Inhalten" aller Art wird zum Schwerverbrechen hochstilisiert.

Gier statt Stärke: Das Kopieren und Verbreiten von digitalen "Inhalten" aller Art wird zum Schwerverbrechen hochstilisiert.
Und hier noch unserer Freitagabend-Kommentar
Die Business Software Alliance (BSA von BSA Deutschland: "Die Zahl der Rechner, die Ziel von BSA-Ermittlungsaktivitäten waren, stieg von 2.900 auf über 11.000 an. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist weiterhin dynamisch: in rund 400 Fällen wandten sich die Strafverfolgungsbehörden an die BSA."
Konsequent bezeichnet die BSA das Verbreiten von kopierten Inhalten, wie beispielsweise Musikstücken, als "Piraterie" und "Raub" und rückt diese Vergehen damit sprachlich in die Nähe von Gewaltverbrechen. Dabei ist es nun wirklich etwas anderes, ob ein Jugendlicher den Kopierschutz einer Video-DVD knackt oder jemanden mit vorgehaltener Knarre um seine Kreditkarte erleichtert.
Die Absicht hinter dem martialischen (und falschen) Sprachgebrauch ist klar. Das Nicht-Bezahlen von urheberrechtlich geschützten Inhalten soll zu einem Schwerverbrechen hochstilisiert werden. Früher oder später haben solche Kampagnen Auswirkungen: Parlamente verschärfen die Strafandrohungen, Richter verurteilen schneller und zu höheren Strafen.
Bestrafen statt überzeugen
Auch die lokale Software-Industrie singt im Chor der Strafverschärfer mit. So schlägt die simsa (swiss interactive media and software association) in der Vernehmlassung zur Revision des Urheberrechtsgesetzes vor, das Herstellen von Kopien digitaler Werkexemplare schlicht zu verbieten.
Ein Verbot ohne Strafandrohung macht wenig Sinn. Der Vorschlag der simsa läuft deshalb auf die Erweiterung des Katalogs strafbarer Handlungen in der Schweiz heraus. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich die simsa-Leute diesen gesellschaftlichen Aspekt ihrer Forderung wirklich genau überlegt haben.
Erhalt der Marge um jeden Preis
Hinter der Verschärfung der Tonlage von Software- und Medienproduzenten steckt ein relativ leicht durchschaubarer Mechanismus. Die meisten grossen Software-Hersteller sind an der Börse zu sehr, sehr hohen Preisen bewertet. Um diesen gerecht zu werden, müssen sie ihren Gewinn laufend steigern. Für Microsoft, Adobe oder Macromedia ist dies allerdings ein schwieriges Unterfangen, denn ihr Marktanteil und ihre Gewinnmargen sind bereits hoch und lassen sich kaum noch steigern.
Also versuchen die erwähnten Hersteller, aus jedem Markt auch noch das letzte Quentchen herauszupressen, zum Beispiel in dem sie auch finanziell schwache Kunden oder Gelegenheitsuser zur Kasse bitten.
Sympathischer und langfristig auch für die Entwicklung der vielbeschworenen "offenen Gesellschaft" besser wäre es wohl, wenn die Softwareproduzenten ihre Kunden mit einem geschickten Mix von guten Produkten und überzeugenden Dienstleistungen zu vernünftigen Preisen verführen würden, statt sie mit dem Polizeiknüppel in der Hand zur Kasse zu prügeln.
Mit der Reifung der ICT-Industrie werden irgend einmal auch die Microsoft-Aktionäre einsehen müssen, dass sich Netto-Gewinnmargen von 80 %, wie sie Microsoft mit Windows einstreicht, durch nichts rechtfertigen lassen. (Christoph Hugenschmidt)
Ihr Kommentar ist uns willkommen.

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