Software: Spezialisten-Mangel bremst Höhenflug

17. Mai 2011, 13:54
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Die Schweizer Software-Industrie nahm im zweiten Halbjahr 2010 weiter Fahrt auf. Doch es könnte noch mehr sein - wenn nur genügend Leute verfügbar wären.

Der Umsatz der Schweizer Software-Firmen wuchs im zweiten Halbjahr 2010 um über 11 Prozent. Die Gewinne konnten nicht ganz mithalten. Vor allem Individual-Software-Hersteller (ISH) haben offenbar investiert, während Standard-Software-Hersteller (SSH) von ihrem Geschäftsmodell profitierten.
Wenige Mausklicks machen die Sache klar: Die Schweizer Software-Industrie sucht verzweifelt nach Leuten. So sind bei Netcetera heute beispielsweise 13 Stellen frei, bei Abacus sind es vier und bei Opacc in Kriens sieben, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Dabei sind die lokalen Hersteller in der Software-Industrie, was der sichtbare Teil eines Eisbergs im Nordmeer ist: Nur die Spitze. Der grösste Teil der Software-Entwicklung in der Schweiz passiert ausserhalb der Branche, so in der Finanzindustrie oder in der Industrie. Auch dort fehlen die Leute: So sucht der Banken-Koloss Credit Suisse alleine in der Schweiz aktuell ungefähr 100 IT-Spezialisten.
Warum die Schweizer Software-Branche so verzweifelt nach Fachleuten sucht, zeigen die neuesten Zahlen des "Swiss Software Industry Index" (SSII). Nachdem der Umsatz der Schweizer Software-Hersteller im ersten Halbjahr 2010 um acht Prozent gewachsen ist, so beschleunigte die Branche das Wachstum im zweiten Halbjahr 2010 auf sagenhafte 11,3 Prozent. Diese Zahl bezieht sich wohlgemerkt nicht auf Software-Importeure wie etwa Oracle, IBM oder CA, sondern auf die lokalen Hersteller von Computerpgrogrammen.
Angespannter Fachkräfte-Markt
Das Wachstum der Schweizer Software-Branche könnte noch rasanter sein, wenn es nur genügend Fachleute gäbe. So sagt ein Fünftel (21 Prozent) der Umfrageteilnehmer, es gebe einen "grossen Mangel" an qualifizierten Entwicklern.
Dramatisch ist, dass sich die Situation nicht entspannen, sondern wohl noch verschärfen wird. Weit über ein Drittel (38 Prozent) der Befragten glaubt, dass in 10 Jahren ein "grosser Mangel" an qualifizierten Entwicklern herrschen wird.
Gewinn hält nicht ganz mit
Dass die Herstellung von Software eine lukrative Sache ist, zeigt sich bei der Berechnung des Umsatzes pro Kopf: Standard-Software-Hersteller (meistens Business-Lösungen wie etwa Abacus oder Avaloq) setzten pro Vollzeitstelle 178'000 Franken um. Firmen, die individuelle Lösungen bauen, kamen sogar auf einen Umsatz von 190'000 Franken pro 100-Prozent-Stelle.
Die Gewinnentwicklung der Schweizer Software-Industrie konnte allerdings nicht ganz mit dem rasant steigenden Umsatz mithalten. Im Schnitt stieg der Gewinn der Branche um 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Typisch für die Branche ist, dass Standard-Software-Hersteller den Gewinn im Gleichtakt mit dem Umsatz (+ 11,1 Prozent) steigern konnten, während Firmen, die kundenspezifische Lösungen herstellen, bei wachsenden Umsätzen erst mal investieren müssen. Ihr Gewinn auf EBIT-Stufe stieg im Schnitt "nur" um 6,9 Prozent (siehe Grafik).
"Business only"
Offensichtlich ist, dass die Schweizer Software-Hersteller im Markt für Privatanwender nichts zu husten haben. 95 Prozent der 149 an der Umfrage teilnehmenden Software-Firmen peilen Firmenkunden an - die Mehrheit davon entwickelt Business-Lösungen, Programme also, mit denen Firmen ihre Geschäftsabläufe abbilden.
149 Teilnehmer - zwei Milliarden Franken Umsatz
Der "Swiss Software Industry Index" wird halbjährlich vom Berner Beratungshaus Sieber & Partners - in Zusammenarbeit mit inside-it.ch - erhoben und veröffentlicht und von IBM finanziell unterstützt. An der letzten Befragung nahmen 149 Software-Hersteller teil, die zusammen etwa einen Umsatz von zwei Milliarden Franken erreichen.
Teilnehmer an der Umfrage erhalten die detaillierte Auswertung mit vielen zusätzlichen interessanten Daten kostenlos. So enthält sie etwa Angaben zur Entwicklung von Auftragsbestands und Offertvolumen der Software-Firmen. Andere Firmen können die Studie für 297 Franken online beziehen. (Christoph Hugenschmidt)
(Grafik: (c) by sieber&partners)

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