"Sogar Griechenland hatte den eindrucks­volleren Stand"

23. April 2015, 08:47
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Ein Startup-Unternehmer wagt Kritik.

Ein Startup-Unternehmer wagt Kritik an der Schweizer Exportförderung für Software-Startups.
Ein bisschen war ich schon schockiert, als ich am diesjährigen Mobile World Congress den Gemeinschaftsstand von Schweizer Startups endlich gefunden hatte. Er war sehr klein, mit vielen Schweizer Kreuzen bemalt und mit zwei heidimässig verkleideten Katalaninnen geschmückt. Für jeden Startup gab es eine winzige Fläche, Besucher hatte es ausgesprochen wenig.
Gut schweizerisch zeigten sich die Startup-Vertreter, mit denen ich sprach, begeistert. Man lobte den Stand und fand alles ganz toll. Nur Ronni Guggenheim, Mitbegründer des hoffnungsvollen Startups OneVisage wagt anlässlich eines Gesprächs in unserer Redaktion ganz unschweizerisch Kritik. "Sogar das fast bankrotte Griechenland hatte einen eindrucksvolleren Stand. Es war wirklich traurig." Der Schweizer Auftritt war nicht nur vergleichsweise winzig sondern vor allem auch unfokussiert und fantasielos. Guggenheim: "Wir verkaufen Technologie, nicht Schoggi oder Maschinen. Diese Story hätte gepusht werden müssen, denn wir haben aus der Schweiz viel zu bieten."
Der Startup-Manager kritisiert nicht primär, dass zu wenig Geld eingesetzt wird, sondern wie man es verwendet. "Ich bin frustriert aus der Schweizer Party davongelaufen. Man hat nur Schweizerdeutsch gesprochen und es waren ausschliesslich Teilnehmer aus der Schweiz da. Der Anlass war bestimmt nicht billig, hat uns aber nichts gebracht. Wir müssen uns doch nicht selber feiern sondern sind nach Barcelona gereist, um neue internationale Kontakte und Business zu schaffen", so Guggenheims Kritik.
Filmriss nach KTI-Projekt
OneVisage ist ein Fintech-Startup. Die noch winzige Firma hat eine Lösung für 3D-Gesichtserkennung auf Standard-Smartphones entwickelt. Das Potential ist riesig – man stelle sich vor, auch nur ein Zehntel aller Banken weltweit würden die Software für ihre Mobile-Apps einsetzen.
OneVisage stammt aus einem KTI-Projekt. Eingesetzt wird Technologie für 3D-Modelling aus der ETH-Küche und für Modell-Matching von der Uni Basel.
Nach dem Abschluss des KTI-Projektes gab es einen "Filmriss", erzählt Guggenheim, der bei OneVisage die kommerzielle Seite verantwortet. Guggenheim: "Es gab keinen begleiteten Übergang. Es sollte eine einfache, rasch reagierende Übergangsstelle geben. Kapital gibt es genug in der Schweiz, nur ist es für junge Tech-Startups schwer zugänglich."
Guggenheim kennt auch die vibrierende israelische Startup-Szene und kann vergleichen. Zum einen gibt es Mentalitätsunterschiede: In Israel hat man eher das Gefühl, man habe nichts zu verlieren. Zum andern agiert der Staat aber auch ganz anders. Er definiert strategisch wichtige Felder und unterstützt diese gezielt. So mobilisiert das Israel Export Institute Besuche auf internationale Messen wie den Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, macht Termine ab und bearbeitet die internationale Presse.
Chance Fintech
Während die Schweizer Software-Industrie immer noch darum kämpft, im eigenen Land überhaupt wahrgenommen zu werden, läuft sie Gefahr, eine riesige Chance zu verpassen: Fintech. Der Schweizer Staat fördere die Software-Industrie generell und Fintech im Speziellen nur halbherzig, konstatiert Guggenheim.
Der Staat sollte Industriechancen, wie eben Fintech, erkennen und diese Industrien gezielt fördern. Zum Beispiel, indem man an einem Anlass wie dem MWC gezielt mit einer "Fintech-Story" auftritt und versucht, eine kritische Masse anzulocken. (hc)

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