Soll ein Digitalisierer Schneider-Ammann ersetzen?

27. September 2018, 14:56
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Muss Digitalisierungswissen eine Kernkompetenz sein? Was sagen FDP-Politiker und ICT-Verbände?

Was sagen FDP-Politiker und ICT-Verbände: Muss Digitalisierungswissen eine Kernkompetenz des nächsten FDP-Bundesrats sein? Oder reicht Parteibuch, Geschlecht, Herkunft etcetera?
Johann Niklaus Schneider-Ammann ist seit 2010 Wirtschafts- und damit auch Digitalisierungsminister der Schweiz. Mit 66 hat der frühere Unternehmer nun seinen Rücktritt angekündigt. 2010 begannen in den USA erste Regulierungsdebatten rund um selbstfahrende Autos und Cloud wurde weltweit als technologischer Durchbruch gewertet. Heute wird der "Digitalisierung" parteiübergreifend das Potential zu raschen, grossen Veränderungen – ökonomisch, gesellschaftlich, politisch – zugesprochen. "Die Digitalisierung bringt tiefgreifende Veränderungen für Gesellschaft und Wirtschaft", hält Schneider-Ammanns FDP selbst fest.
Wird also die Digitalisierung der Schweiz ein relevantes Kriterium bei der Wahl des neuen FDP-Bundesrats und möglichen neuen Digitalisierungsministers sein? "Nein", prognostiziert Jean-Marc Hensch, Geschäftsführer von Swico. Das gegenwärtige politische System lasse nicht zu, dass ein solches Kriterium im Zentrum stehe im Vergleich zu vielen anderen Kriterien, darunter das Geschlecht oder die Herkunft.
Wie sehen dies FDP-Politiker aus dem inneren Zirkel? Wie hoch gewichten diese einen Leistungsausweis in Sachen Digitalisierung für einen Kandidaten? Oder sind liberale Grundsätze plus "Frau" plus "Herkunft" genug Qualifikation in diesen Zeiten?
Marcel Dobler, FDP-Nationalrat und eine der Digitalisierungs-Gallionsfiguren, antwortet: "Das Parlament wählt den Bundesrat. Die Grundsätze Geschlecht und Herkunft werden von den Parlamentariern sicher stärker gewichtet als die Digitalisierungskompetenz, auch wenn letzteres aus meiner Sicht wünschenswert wäre".
Ruedi Noser, IT-Unternehmer und FDP-Ständerat, werden in der ICT-Branche Bundesrats-Ambitionen und die Fähigkeiten dazu nachgesagt: "Wichtig ist, dass wir einen Bundesrat haben, der die Weichen für die Zukunft richtig stellt. Da ist Knowhow im Bereich Digitalisierung wohl etwas vom wichtigsten. Leider schreibt die Verfassung keine Fähigkeiten fest, es genügt vollkommen, aus der richtigen Region zu sein", sagt Noser und äussert sich auch zur aktuellen Favoritin der Medien: "Karin Keller-Sutter ist eine Frau, die gut vernetzt ist und über Einstiegs-Wirtschafts-Knowhow verfügt, sie erfüllt darum mehr als nur die Kriterien Geschlecht und Region. Sie ist auch fachlich sehr gut."
Sollte die FDP nun wenigstens einen Digital Native ("Millenial") ans Ruder bringen? "Wünschenswert wäre es, diese Gruppe vertreten zu wissen", sagt der 38-jährige Dobler. "Die Kandidaten haben nun die Möglichkeit sich zu stellen. Aufgrund dieser Auswahl muss man dann die Diskussion führen." Noser, 57, sagt auf die Frage: "Ich habe junge Menschen kennengelernt, die alt denken. Und alte Menschen, die im Denken jung geblieben sind. Darum spielt für mich das Alter keine Rolle."
Was meint Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, der beklagt, Junge seien viel zu wenig in der Politik vertreten? Kommt eine entsprechende Forderung vom Partei-Nachwuchs? “Ein Millenial im Grundsatz ja, aber das darf im Einzelfall nicht entscheidend sein”, sagt der 24-Jährige im Gespräch mit inside-it.ch am Rande des SwissICT-Symposiums.
"Kriterien wie Alter oder digitaler Leistungsausweis sind nicht ausreichend"
Bleiben die Tech-Verbände, welche überall klagen in der Politik fehle es an Interesse und/oder Knowhow in Sachen Informatik und Digitalisierung. Asut-Geschäftsführer Christian Grasser sagt: "Wir erhoffen uns von einem neuen Mitglied der Landesregierung eine proaktive Unterstützung der Digitalisierung der Schweiz. Die digitale Transformation betrifft alle Lebensbereiche und Wirtschaftssektoren. Die Kriterien Alter oder digitaler Leistungsausweis sind daher für sich alleine nicht ausreichend. Wir vertrauen daher darauf, dass das Parlament eine zukunfts- und lösungsorientierte Persönlichkeit wählen wird."
Auch SwissICT-Präsident Thomas Flatt sieht Digitalisierungs-Wissen nicht im Zentrum: "Kenntnisse davon, was Technologie in Zukunft möglich macht, ist auf dieser Führungsstufe – unabhängig ob in Politik oder Wirtschaft – eine zwingende Voraussetzung. Daneben kommen aber viele weitere Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen dazu, die ich ebenso stark gewichten würde. Strategieverständnis, analytische Schärfe, finanzielle Führung, Kommunikationsfähigkeit und ein Gefühl für den Umgang mit Menschen als Beispiele. Eben das, was zum Profil eines Topmanagers oder Magistraten gehört."
Und wie sieht dies die Initiative Digitalswitzerland, welche personell sehr eng mit einem Digitalisierungsbeirat von Schneider-Ammann und Doris Leuthard verknüpft ist? Sie prägt schliesslich laut Aussagen von Digitalswitzerland-Vorstand, Ringier-CEO und Beiratsmitglied Marc Walder die Digitalisierungsstrategie der Schweiz mit.
Die Standortinitiative sieht sich als neutral und werde sich nicht einmischen. "Grundsätzlich begrüssen wir es aber, wenn die Kandidatin oder der Kandidat die Wichtigkeit des Themas Digitalisierung erkannt hat, sich mit neuen Technologien und den damit verbundenen Veränderungen auseinandersetzt und sich für optimale politische Rahmenbedingungen, welche ein starkes Innovations-Ökosystem begünstigen, einsetzt", lässt Managing Director Nicolas Bürer ausrichten.
Swico-Geschäftsführer Jean-Marc Hensch sagt kurz und knapp: "Die Digitalisierung wird trotz der Politik ein Erfolg, nicht wegen der Politik".
Hat Schneider-Ammann einen guten Job gemacht?
Wie sieht denn Schneider-Ammanns Bilanz aus Sicht der ICT- und Digitalisierungsbranche aus? Am Rande des SwissICT-Symposiums über "Digitalisierung" im Kontext von Gesellschaft, Menschen und Unternehmen stellte inside-it.ch die Frage im Plenum den teilnehmenden IT-Entscheidern. Hat er einen guten Job getan als Digitalisierungsminister? Das Resultat: Je etwa 45 Prozent votierten "Ja" und "weiss nicht", etwa zehn Prozent waren mit seiner Leistung unzufrieden.
Die FDP-Fraktion entscheidet am 16. November, wen sie als Nachfolger ins Rennen schickt. (Marcel Gamma)
Zum Bild: Die Künstlerin und Forscherin Maria Smigielska hat am SwissICT Symposium vor Ort Ihr tolles Projekt "1000 Portraits" vorgestellt. Dabei entstand das Roboter-Portrait von Johann Schneider-Ammann mit einem Foto als Ausgangsbasis, einem Algorithmus als Künstler und einem ABB-Roboter als Zeichner.

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