Stallman versucht sich zu entschuldigen

13. April 2021, 11:49
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Der FOSS-Patriarch ortet bei sich Defizite und Verletzungen, während ihn die Free Software Foundation unterstützt. Genügt das für den Frieden?

Der umstrittene Free- and Open-Software-Guru Richard Stallman versucht mit einer Art Entschuldigung die Kritikerinnen und Kritiker zu besänftigen, die wegen seines Comebacks als Vorstand der Free Software Foundation (FSF) seine Absetzung fordern.
In einer Botschaft, die auf der FSF-Website publiziert wurde, schreibt er, er habe seit seinen Teenager-Jahren Mühe gehabt, das Denken und Handeln anderer Menschen zu verstehen. "Ich verstand die Worte ihrer Unterhaltungen, aber ich konnte nicht begreifen, warum sie sagten, was sie taten."
"Subtile Hinweise" seien an ihm vorbeigegangen, so Stallman. Seine Direktheit und Ehrlichkeit habe dazu geführt, dass er andere beleidigt habe – "besonders Frauen. Das war keine Wahl: Ich verstand das Problem nicht genug, um zu wissen, welche Wahlmöglichkeiten es gab." Er entschuldige sich bei allen, die er verletzt habe, schreibt er.
Neben seinen zugegebenen sozialen Defiziten und dem Mangel an Empathie hat Stallman – laut Aussagen von Bekannten ein "Nerd wie aus dem Lehrbuch" – aber auch ein weiteres Problem in der FOSS-Community.
Stallman gründete die FSF 1985 als Not-for-Profit-Organisation "für die Entwicklung freier Software". Er wurde im September 2019 als Präsident zum Rücktritt gezwungen.
Auslöser des Rücktritts waren sehr umstrittene Bemerkungen, die Stallman in Bezug auf den MIT-Informatiker Marvin Minsky und dessen Verbindung mit Jeffrey Epstein gemacht hatte. Eines von Epsteins Menschenhandel-Opfern sagte, ihr sei im Alter von 17 befohlen worden, Sex mit Minsky haben. Stallman versuchte, Minsky zu verteidigen, indem er sagte, wenn die Vorwürfe wahr wären, sei diesem nicht bewusst gewesen, dass man das Mädchen zum Sex gezwungen habe.
Er habe mit der Aussage nicht Epstein verteidigt, schreibt Stallman. "Ich kannte Minsky nur flüchtig, aber als ich sah, dass er zu Unrecht beschuldigt wurde, habe ich ihn verteidigt. Ich hätte es für jeden getan." Diese Kritik an seiner Person verärgere und verletze ihn, so der FOSS-Patriarch.

Viele Unterstützer und viele Gegner

Derweil muss auch die FSF ihren Entscheid für Stallman verteidigen, denn Red Hat hat der Stiftung die Unterstützung gestrichen, auch Suse und andere grosse OSS-Organisationen stellen sich gegen Stallman und den Entscheid. Es sind sogar Vorstände zurückgetreten.
"Wir haben uns entschieden, [Stallman] zurückzubringen, weil wir seine Weisheit vermisst haben. Sein historischer, rechtlicher und technischer Scharfsinn in Bezug auf freie Software ist unübertroffen. Er hat eine tiefe Sensibilität für die Art und Weise, wie Technologien sowohl zur Verbesserung als auch zur Verminderung grundlegender Menschenrechte beitragen können. Sein globales Netzwerk von Verbindungen ist von unschätzbarem Wert", heisst es bei der FSF.
Ausserdem habe er sich nun entschuldigt und sein Verhalten sei "moderater" geworden. Man habe schlecht kommuniziert und habe die Governance bei der FSF verändert.
Was vorderhand bleibt, sind zwei offene Briefe mit unterschiedlich prominenten Unterstützern. Die Stallman-Gegner können auf bekannte Namen setzen, darunter CH Open. Auch die Free Software Foundation Europe (FSFE), eine unabhängige Schwesterorganisation der FSF, will Stallman abtreten sehen. Um ihre Aussage, Stallman sei untragbar, zu untermauern, haben die Gegner eine Liste mit Stallman-Aussagen der letzten Jahre angehängt.
Die Stallman-Unterstützer sind dafür rein numerisch überlegen mit aktuell über 6000 Unterzeichnenden.
Noch unklar ist die Position der Debian-Community, die Abstimmung unter den Mitgliedern dauert bis 17. April. Derweil ist nicht anzunehmen, dass sich die Wogen rasch glätten werden.

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