Startups: Geld verdienen Nebensache

27. November 2012, 14:42
  • channel
  • innovation
  • startup
image

Matthias Aebi (Foto), Gründer und CEO der Winterthurer Software- und Innovationsschmiede Futurelab, über Startup-Ökosysteme, innovative Ideen und übers Reichwerden. Das Gespräch führte Thomas Brenzikofer von swiss made software.

Matthias Aebi (Foto), Gründer und CEO der Winterthurer Software- und Innovationsschmiede Futurelab, über Startup-Ökosysteme, innovative Ideen und übers Reichwerden. Das Gespräch führte Thomas Brenzikofer von swiss made software.
Damit findet Matthias Aebi Eingang in die - noch ungeschriebenen Annalen - der Schweizer ICT-Geschichte: Zusammen mit seiner damaligen Frau und einem Bürokollegen eröffnete er anno 1995 den ersten kommerziellen Internetprovider. Im Nu nahm das Geschäft Zimmer für Zimmer des gemeinsamen Zürcher Stadthauses im Kreis 5 in Beschlag. Kurz vor der Besetzung des Schlafzimmers wurde der Sache dann Einhalt geboten und die Internet Access AG bezog neue Büroräume in einer renovierten Fabrikhalle in Zürich.
Für einen nie genannten Betrag ging die Internet Access AG später an die gerade erst im liberalisierten Telekommunikationsmarkt gestartete diAx (heute Sunrise). Matthias Aebi blieb als CTO Internet an Bord, musste aber bald erfahren, was er eigentlich schon immer wusste: Grossunternehmen sind nicht dazu da, Innovationen zu schaffen. Nachdem seine Idee, ein "Futurelab", ein Zukunfts- und Innovationslabor, innerhalb der diAx einzurichten, von der Geschäftsleitung abgelehnt wurde, trennten sich Aebi und seine Crew nach der Jahrtausendwende von ihrem Arbeitgeber - um genau dies zu tun: ein Futurelab zu gründen.
Ziel war es, Innovationen auszuhecken und auf den Markt zu bringen. Meist tat man dies für Auftraggeber. Aber nicht nur: So sah Aebi schon 2003 voraus, dass der Siegeszug der digitalen Fotografie kombiniert mit der raschen Entwicklung der Bandbreiten einen völlig neuen Umgang mit dem Bild möglich machen würde. Entstanden ist ein erstes Tool, welches es den Benutzern erlaubte, online Fotos zu verwalten und anderen zugänglich zu machen. Daraus hätte eigentlich ein Schweizer Flickr werden können. Genauso wie schon sieben Jahre zuvor, als Aebi und sein Team eine Webmail- Lösung entwickelten, um zuzusehen, wie einige Jahre später Yahoo, Hotmail und Gmail das Rennen machten.
Dies zeigt, dass zündende Ideen letztlich nicht genügen, um einen Flächenbrand auszulösen. Dazu muss auch das Umfeld Feuer fangen. Ein solches Start-up-Ökosystem fehlte aber zur Jahrtausendwende in der Schweiz, und genau dies will Aebi nun mit Futurelab in einer neuen Ausrichtung schaffen.
Herr Aebi, sehen Sie in der Schweiz eine neue Gründerwelle anrollen?
Bis vor fünf Jahren war es tatsächlich noch fast unmöglich, Venture Capital für ein Schweizer Internet- oder Software-Start-up zu begeistern. Dies mussten auch wir mit unserer Fotoplattform erfahren. Als Schweizer Anbieter war man da einfach nicht auf dem Radar. Google hat zur gleichen Zeit mit Picasa eine Offline-Software fürs Fotomanagement gekauft, die eigentlich sehr viel weniger konnte als unsere Online-Lösung.
Gleichzeitig kaufte Google mit Endoxon auch Schweizer Know-how ein.
Das stimmt. Aber für ein US-Unternehmen war diese Akquisition auch ziemlich exotisch. Heute ist das anders. Es gibt in der Schweiz eine sehr lebendige Szene und sehr interessante Projekte. Wir haben hier zwar zu wenig Ingenieure, dafür aber sehr gute. Die Schweiz hat ja auch eine lange Erfolgsgeschichte als Innovationswerkplatz und gehört zu den attraktivsten Wirtschaftsstandorten der Welt.
Auch genügend Geld wäre vorhanden. Floss dieses bislang zu wenig in ICT-Start-ups?
Dies ändert sich. Zum einen zwingt die anhaltend schwierige Situation an den Finanzmärkten dazu, nach Alternativen Ausschau zu halten. Andererseits kommt eine neue Generation von Unternehmern und Erben ans Ruder, die ganz andere Strategien verfolgen. Es gibt immer mehr vermögende Leute, die als Kapitalgeber gerne etwas bewegen möchten. Dabei geht es durchaus auch um eine gewisse Abenteuerlust. Es ist ja auch überaus spannend, sich aktiv am Puls der Zeit mit Innovationen zu beschäftigen.
Das gilt wohl auch für einen Matthias Aebi - mit dem Unterschied allerdings, dass Sie Ihr Vermögen selbst verdient haben?
Studenten fragen mich immer mal wieder: "Wie wird man reich?" Meine Antwort lautet immer: "Man soll einfach das tun, was man gerne und gut macht. Das mit dem Reichwerden kommt dann von allein." Uns hatte damals einfach das Internet fasziniert. Dass wir dann auch noch Geld damit verdient haben, war Nebensache. Und weil Innovation das ist, was mich antreibt, investiere ich heute wieder in neue Ideen.
Aber gerade in der ICT fehlt doch der Schweiz das Ökosystem. Welche Exitmöglichkeiten hat man denn als Risikokapitalgeber - es fehlen die Microsofts, Googles und Oracles, die mit ihrer Akquisitionsstrategie den Start-up-Markt erst anheizen?
Das stimmt. Doch Schweizer Grossunternehmen werden sich mehr und mehr überlegen müssen, wie sie Innovationen vorantreiben können. Der ehemalige Chefökonom der UBS, Klaus Wellerhoff, hat einmal gesagt, dies sei primär die Aufgabe von kleinen Unternehmen. Grossunternehmen dagegen seien dazu da, Innovationen produktfähig zu machen und in guter Qualität und preisgünstig auf den Markt zu bringen. Im Silicon Valley funktioniert dieses Prinzip hervorragend und auch in den Lifesciences sowie in anderen Sektoren wird Innovation mehrheitlich auf diese Weise betrieben.
Und wie wollen Sie nun konkret die Schweizer Start-up-Szene voranbringen?
Seit Beginn dieses Jahres verfolgen wir ein neues Konzept. Wir nennen es Shuttle-Booster. Der Shuttle-Booster soll Projekte soweit zum Fliegen bringen, dass sie dann im Orbit allein bestehen und funktionieren können.
Eine Art Inkubator also?
Ja, aber der etwas anderen Art. Wir wollen in erster Linie Leute mit einer innovativen Idee ansprechen, denen die Mittel und das Wissen für die technische Umsetzung fehlen. Denn das können wir bieten und nehmen dafür einen Anteil am Venture. Damit gelingt es schon mal, eine erste Version der Idee in einem Produkt zu konkretisieren und einen Businessplan zu entwerfen, um dann das Start-up für eine erste Investitionsrunde interessant zu machen.
Statt die Daniel Düsentriebs mit dem Kapital zusammenzubringen, gehen sie also den umgekehrten Weg und liefern die Technologie zum Business?
Genau daran fehlt es ja gerade. Die HSG und andere Institutionen bringen jedes Jahr zig Absolventen mit sehr guten Geschäftsideen hervor. Meist ist der Anteil der ICT an neuen Businessmodellen, egal in welcher Branche, sehr hoch. Und jeder weiss, wie schwierig es ist, einen guten Entwickler als CTO zu gewinnen, ganz zu schweigen von den Lohnkosten. Und so müssen dann viele Ideen letztlich auf der Strecke bleiben, weil das Know-how für die technische Umsetzung nicht zu finden ist. Hier setzen wir mit unserem Konzept an.
Was bietet der Shuttle-Booster denn genau an?
Wir unterstützen das Start-up - wenn notwendig - bei der Gründung und bei der Entwicklung des Businessplans wie andere Inkubatoren auch. Zusätzlich übernehmen wir aber vor allem die technische Umsetzung des Projektes. Ist dieses dann ausgereift genug, helfen wir ausserdem bei der Suche nach geeigneten Investoren.
Hierzu haben wir, neben den bestehenden Kontakten auch ein entsprechendes Business-Angel-Netzwerk initiiert.
Wann verwandeln sich Ihre Anteile in Cash?
Sobald der Shuttle selber im Orbit fliegt, also etwa nach drei bis fünf Jahren, steigen wir wieder aus, und wenden uns neuen Projekten zu. Derzeit verfolgen wir rund acht solcher Projekte. Das könnten gerne auch mehr sein. Zudem denken wir auch über eine geografische Expansion dieses Konzeptes nach. Ich könnte mir zum Beispiel ein solches Futurelab auch in anderen grösseren Schweizer Städten vorstellen. (Interview: Thomas Brenzikofer)
Das Interview ist in "das buch, vol. 2" von swiss made software erschienen. Das Buch über die Schweizer Software-Industrie enthält weitere Gespräche mit wichtigen Exponenten aus der Software-Szene und gibt Insights in verschiedene Themenbereiche. Das 207-seitige, schön illustrierte Buch kann für 59 Franken (oder 19.50 Franken als E-Book) hier bestellt werden.

Loading

Mehr zum Thema

image

Das OIZ der Stadt Zürich hat seine SAP-Dienstleister bestimmt

Für 22 Millionen Franken hat sich der Stadtzürcher IT-Dienstleister SAP-Unterstützung in 4 Bereichen gesichert.

publiziert am 23.9.2022
image

100 Millionen Dollar für zwei Schweizer Krypto-Startups

Zwei Firmen mit offiziellem Sitz in Zug konnten je 50 Millionen sammeln. Eine verspricht "grüne" Blockchain-Infrastruktur, die andere umfassende Möglichkeiten für Krypto-Investments.

publiziert am 23.9.2022
image

Deutsche Telekom wird T-Systems nicht los

Die Verhandlungen zum Verkauf der IT-Dienstleistungssparte sind laut einem Medienbericht gescheitert.

publiziert am 22.9.2022
image

Drohnenschwarm erledigt Bauarbeiten und Reparaturen

In Zukunft sollen Drohnen wie Bienen zusammenarbeiten können, um Bauten zu errichten. Wie ihre tierischen Vorbilder würden sich die Fluggeräte die Arbeit teilen.

publiziert am 22.9.2022