Sun / MySQL: Lauter Applaus, stille Bedenken

23. Januar 2008, 16:34
  • linux
  • übernahme
image

Wir reagiert die Open-Source-Szene auf die Übernahme von MySQL durch Sun? inside-it.ch befragte zwei Protagonisten aus der Schweiz und sammelte internationale Reaktionen.

Wir reagiert die Open-Source-Szene auf die Übernahme von MySQL durch Sun? inside-it.ch befragte zwei Protagonisten aus der Schweiz und sammelte internationale Reaktionen.
Big Business und Open-Source-Software sind schon seit längerer Zeit kein Widerspruch mehr. Schon seit Jahren engagieren sich neben der Open Source-Community und Start-Ups auch gestandene IT-Grössen wie IBM, Oracle oder Novell auf dem Gebiet. Und ein Teil der einstigen Start-Ups, wie Red Hat oder die schwedische MySQL AG, die nun von Sun übernommen werden wird, sind auch nicht mehr gerade klein.
So ist es denn kein Wunder, dass viele prominente Vertreter der Open-Source-Szene keine "Berührungsangst" mehr zeigen und den Deal zwischen Sun und MySQL lauthals begrüssen. Dies gilt anscheinend besonders für Chefs von Firmen, die selbst hinter relativ bekannten Open-Source-Applikationen stehen (und deren Chancen, durch eine Übernahme der eigenen Firma einmal viel Geld zu verdienen, gerade wieder ein gutes Stück gestiegen sind.) Dazu gehört zum Beispiel der CEO von SpringSource, Ron Johnson: "Die Übernahme von MySQL durch Sun ist eine der bisher klarsten Anerkennungen für die Wichtigkeit und die Kraft von Open Source, die Technologieszene zu verändern." Ganz ähnlich äusserten sich der CEO von SugarCRM ("Ein unglaublich geschickter Schachzug von Sun"), der Chef von Zend ("Ein grossartiger Tag für Open Source") und viele andere.
Aber auch nahmhafte Open-Source-Aktivisten wie Jon "Maddog" Hall, oder Eben Moglen, der bekannte GPL-Jurist und Chefanwalt im New Yorker Free Software Law Center begrüssten die Übernahme.
Schweizer Stimmen
Ähnlich positiv äussert sich Matthias Stürmer, Mitglied des Verwaltungsrats von /ch/open und Initiator von Schweizer Open-Source-Veranstaltungen wie der OpenExpo auf Anfrage von inside-it.ch: "Ich begrüsse Suns Akquisition von MySQL sehr, da sie einerseits aus der Sicht der beiden Firmen und deren Kunden zahlreiche Vorteile bringt und andererseits für die Open-Source-Bewegung als gesamtes ein positives Signal bezüglich der steigenden Business Acceptance von Open-Source-Software sendet."
Ein lauter Aufschrei der Empörung rauscht also keineswegs durch die Open-Source-Szene. Trotzdem werden auch Vorbehalte geäussert. Bruno von Rotz, Chef des Open Source-Consulters Optaros Schweiz: "Grundsätzlich bin ich nicht erfreut über diese Übernahme, vor allem wenn ich sie in einen Gesamtzusammenhang stelle. Ich glaube zwar, dass die Übernahme von MySQL durch Sun für die Kunden gut ist und ihnen langfristige Stabilität bringt. Aber der Kauf von immer mehr Open Source-Playern durch traditionelle IT-Firmen bringen auch jedesmal eine weitere Erosion der 'reinen' Open Source-Szene mit sich." Dass Sun der Käufer ist, ist für von Rotz aber ein positiver Punkt: "Sun ist sicher nicht der 'worst case'. Sun hat sich als guter Aqkuisiteur bewiesen und hat in der Open Source-Szene einen guten Ruf. Sun ist mir daher lieber als mögliche andere Alternativen."
Auch Matthias Stürmer sieht übrigens nicht nur Positives: "Interessant - wenn auch ein bisschen ein Wermutstropfen für die von der Community geführten Open Source Projekte - ist, dass sowohl bei diesem als auch beim letztjährigen 350 Millionen-Dollar-Deal zwischen Yahoo und Zimbra die übernommene Open-Source-Firma mit dem Hybrid-Modell von Dual-Lizenzen arbeitete. Es scheint somit, dass sich Unternehmenswert immer noch am einfachsten mit Software-Eigentum generieren lässt, obwohl dies bei den Firmenkäufen bestimmt nicht der einzige Faktor gewesen sein wird."
Bedenken an der Basis
Wie eine Umschau im Web zeigt, ist die Wahrnehmung, dass der Kauf von Open Source-Firmen durch klassische IT-Firmen den ursprünglichen Zielen der Bewegung wiederspreche, an der "Basis" der Szene am verbreitetsten. In Blogeiträgen fragt man sich, ob Open Source "von hinten aufgerollt" stehe.
Am konkretesten sind aber die Befürchtungen, dass Sun den macchiavellistischen Plan hege, den "LAMP"-Software-Stapel (Linux, Apache, mySQL und PHP/Perl) längerfristig zu torpedieren und in einen "SGMJ"-Stack (Solaris, der Application Server Glassfish, MySQL und Java) verwandeln wolle.
Der LAMP-Stack, beziehungsweise dessen grosse Verbreitung auf Webservern in aller Welt, ist aber einer der Hauptgründe für die Übernahme von MySQL. Sun kommt dadurch in Kontakt zu vielen potentiellen Neukunden – diese zu verärgern ist kaum im Sinne Suns. Das Dementi von Sun-CEO Jonathan Schwartz tönt daher ebenso glaubhaft wie energisch: "Das L in LAMP steht für Linux und nicht für 'Löli' [ "Looney" im englischen Original] . Die Wahl der Kunden bestimmt, welche Plattformen für MySQL prioritär sind. Und übrigens: Genau wie bei Glassfish wird auch bei MySQL die Windows-Version am häufigsten heruntergeladen. Wir unterstützen liebend gerne auch diese Entwickler."
Aber was ist, wenn der Einstieg von Sun das Leben von MySQL-Administratoren schwerer macht? Ein Chatausschnitt, den wir im Blog von 'Xwolf' gefunden haben:
~~xx: prima, d.h. in zukunft werden datenbanken bei jedem minor update mit defaults ueberbuegelt, und es gibt 500 seiten anleitung "so schreiben sie eine sql anfrage" aber nichts zum thema installation, administration oder wartung?
yy: genau
yy: und man muss immer GB-grosse Patchfiles irgendwo gespeichert halten und weiss nie, ob man irgendwelche davon löschen kann
xx: ohja, und um die patchfiles ueberhaupt zu kriegen braucht man ominoese 'sun genuine advantage' tools die "irgendwas" machen.~~
Und wer kümmert sich um Sun?
Nach alledem fragen wir uns allerdings: Wer denkt eigentlich an Sun? Wir von inside-it.ch tun das. Nein, es geht uns nicht um die lockere Milliarde Dollar, die Sun riskiert. Vielmehr hegen wir schwere Bedenken, wie sich der nahe Kontakt mit den trinkfesten Schweden auf die Lebern und Trommelfelle der armen Sun-Leute auswirken wird. (Hans Jörg Maron)

Loading

Mehr zum Thema

image

Inventx übernimmt DTI-Gruppe

Der Spezialist für Datentransformation und Informationsmanagement hat einen neuen Besitzer, bleibt aber eigenständig.

publiziert am 27.1.2023
image

W&W Immo Informatik übernimmt Fairwalter

Das Portfolio des Anbieters von Immobiliensoftware soll durch die Applikation von Fairwalter komplettiert werden.

publiziert am 26.1.2023
image

Mitel will Unify-Business von Atos kaufen

Der Kommunikationsspezialist will den Bereich Unified Communications & Collaboration von Atos übernehmen. 3000 Mitarbeitende könnten ihren Arbeitgeber wechseln.

publiziert am 25.1.2023
image

Glaux übernimmt Ultrasoft

Die Glaux-Gruppe übernimmt den Berner Justiz-Software-Hersteller Ultrasoft.

publiziert am 20.1.2023