"Tablets werden Logitech nicht töten"

28. April 2011 um 15:17
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Die Logitech-Manager Guerrino De Luca und Junien Labrousse nehmen Stellung zum Einbruch der Umsatzzahlen in Europa.

Die Logitech-Manager Guerrino De Luca und Junien Labrousse nehmen Stellung zum Einbruch in Europa.
Ausgerechnet in der Herkunfts-Region Europa des schweizerisch-amerikanischen Herstellers von Computerzubehör Logitech brach im letzten Vierteljahr der Umsatz des global tätigen Konzerns ein. In einem Gespräch mit inside-it.ch gingen Verwaltungsratspräsident Guerrino De Luca und Junien Labrousse, Executive Vice President Products & President Europa, mit unverblümter Offenheit auf den für sie in erster Linie mit dem eingebrochenen Marktumfeld und auch mit falscher Channel-Strategie erklärlichen Rückschlag ein.
Desktop-Computer nicht tot
"Der Rückschlag hat die ganze ICT-Industrie in Westeuropa erfasst, er war keineswegs auf Logitech beschränkt", erklärt Labrousse, "In anderen Regionen, wie Amerika und Asien, hatten wir gleichzeitig zweistellige Zuwachsraten. Wir haben versucht, den Markt mit Massnahmen zu stimulieren, die hier und in anderen geographischen Regionen in der Vergangenheit wirkungsvoll waren - es hat nichts, überhaupt nichts bewirkt", so Labrousse, "Was unsere Fehler in Bezug auf Incentives für Channel-Partner betrifft, insbesondere die Rabattpolitik, sind wir dabei, dies zu korrigieren."
"Der Desktop-Computer ist weder tot, noch werden die Tablets Logitech töten"
Auf die Frage, ob der Markteintritt des iPad von Apple eine Rolle gespielt habe, meinte Guerrino De Luca: "Das wird in den Medien kolportiert, doch es trifft keineswegs zu. Es wird behauptet der Desktop-Computer sei tot und Tablet-Computer würden Logitech killen. Die Realität sieht anders aus: Wir haben letztes Jahr nahezu 100 Millionen Mäuse verkauft, und wir werden dieses Rekordergebnis nächstes Jahr übertreffen. Ähnliches gilt übrigens für Tastaturen."
"Tablet-Computer sind keineswegs der Todesstoss für Logitech, sondern eine enorme Chance", führte De Luca weiter aus und zog zum Beweis ein iPad sowie ein Accessoire in ähnlichem Design und gleicher Grösse aus der Aktentasche. Das iPad-Zubehör enthielt in der oberen Hälfte einen Bildschirm und in der unteren eine reguläre Tastatur; das iPad kann damit als vertikaler Bildschirm zusammengesteckt werden. "Dieses Gerät ist in den USA bereits auf dem Markt und erwies sich als ein Renner; das iPad kann auch als Deckel eingesetzt und sein Bildschirm so geschützt werden. Dieses Zubehör wird im Sommer auch in Europa eingeführt werden", erklärt De Luca. "Wir planen einen ganze Anzahl weiterer Tablet-Accessoires", ergänzt Labrousse, "das öffnet für uns ein neues Marktsegment."
Türkei wird unterschätzt
De Luca weiter: "Unser Geschäft teilt sich, geographisch gesehen, grob in drei Regionen: Nord- und Südamerika, Europa mit dem Mittleren Osten und Afrika (EMEA) sowie Asien. EMEA und die Americas machen je etwa 40 Prozent des Umsatzes aus, 20 Prozent kommt aus Asien. Dies ist auch unsere wichtigste Wachstumsregion."
Insbesondere China sei für Logitech wichtig. "Wir waren das erste westliche Industrieunternehmen, das schon Anfang der Neunzigerjahre in China produzierte. Unsere Erfahrung mit diesem riesigen Land verschaffte uns wichtige Kenntnisse der Mentalität und des Marktes. Wie andere Firmen nach uns machten wir anfänglich den Fehler, Produkte für westliche Länder in China zu vermarkten. Heute produzieren wird Produkte für China in Asien und vermarkten sie für asiatische Kunden. Wir betrachten China, Indien, Brasilien, Russland und die Türkei als wichtigste Emerging Markets, wobei wir wissen, dass wir in China nicht gleich wie in Indien oder in der Türkei agieren können. Doch gewisse geschäftliche Erfahrungen aus China können auch in anderen Schwellenländern, etwa der Türkei, erfolgreich angewandt werden. Die Türkei wird im Westen unterschätzt, sie hat in islamisch geprägten Ländern eine Vorreiterrolle, insbesondere was die Verbreitung der Technologie betrifft", so De Luca.
Produktstrategie
Angesprochen auf die Produkt- und Preisstrategie von Logitech führte De Luca aus: "Die Emerging Markets sind sehr wichtig für unser traditionelles Kerngeschäft des PC-Zubehörs. Reife Märkte, wie Nordamerika und Europa, stehen für unsere neuen Produkte im Vordergrund, beispielsweise für das Digital Home, Tablet-Accessoires oder Video Conferencing. Unsere traditionellen Produkte, etwa Tastaturen und sogenannte Pointing Devices, wie Mäuse und Trackballs sowie Audioausrüstung, bringen uns in der nahen Zukunft Umsätze in Schwellenländern, wo Menschen ihren ersten PC kaufen, sei es fürs Geschäft oder für zuhause." Allgemein gesprochen, stehen die Schwellenländer etwa dort, wo wir uns vor etwa fünf oder zehn Jahren befanden. Diese Lücke schliesst sich jedoch mit der Verbreiterung der mittleren Einkommensschichten rasch.
"Das bringt mich zu unserer Preisstrategie. Wir sehen Video Conferencing für KMUs als attraktiven neuen Markt. Er öffnet sich, weil dank dem technologischen Fortschritt der Preis für eine technisch hochstehende Video Conferencing Ausrüstung - bisher kapitalkräftigen Grosskonzernen vorbehalten - in den Bereich von rund 1'000 Dollar gefallen ist und weiter fallen wird. Dabei ist es keineswegs so, dass uns neue Produkte die höchsten Margen bringen. Wir bewegen uns in einer Grauzone, einerseits im Massengeschäft und anderseits in der spezialisierten Hochtechnologie."
"Aber Märkte reagieren oft sprunghaft. Wir glaubten, die Makroökonomie von Europa gut zu kennen. Trotzdem traf uns der Einbruch im letzten Vierteljahr unvorbereitet, und wir mussten nach 2003 in diesem April zum zweiten Mal in unserer Firmengeschichte eine Gewinnwarnung ausgeben. Dank unserer geographischen Diversifikation hatten wir trotzdem ein solides Jahr mit rund 20 Prozent Umsatzwachstum." Man werde jedoch etwa zwei Jahre brauchen, um den Rückschlag in Westeuropa wieder aufzuholen, so der Logitech-Manager. (Gregor Henger)
(Bild: Logitech Keyboard Case for iPad 2. Dieses Produkt ist erst in den USA auf dem Markt. Über mögliche Einführungspläne für Europa gibt es noch keine Angaben.)

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