"Tickende Zeitbombe" wegen falscher IT-Recruiting-Strategie?

2. Dezember 2008, 15:23
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Zu viel trendige "Web 2.0"-Skills, zu wenig traditionelles IT-Know-how bei Grossunternehmen, findet eine INSEAD-Studie.

Zu viel trendige "Web 2.0"-Skills, zu wenig traditionelles IT-Know-how bei Grossunternehmen, findet eine INSEAD-Studie.
In den Informatik-Abteilungen von Grossunternehmen gibt es eine "tickende Zeitbombe". Das finden die Autoren einer Studie der renommierten Wirtschaftsschule INSEAD sowie ihr Auftraggeber Micro Focus. Eine Mehrheit dieser Unternehmen achte bei der Einstellung von neuen IT-Leuten zu sehr auf trendige Skills wie Kenntnisse von neuen Technologien, insbesondere "Web 2.0"-Technologien, und würde dabei die Aufrechterhaltung des Know-hows für die Weiterpflege von etwas angestaubten aber businesskritischen Kernsystemen vernachlässigen.
Die Kernaussage scheint etwas zugespitzt, und der Auftraggeber ist Partei: Mico Focus ist ein Anbieter von Lösungen für das Management und die Modernisierung von Legacy-Systemen, und damit daran interessiert, dass Unternehmen diese weiterhin wichtig nehmen. Trotzdem geben einige der Ergebnisse der Umfrage zu denken. Diese wurde unter CIOs, CFOs und Personalverantwortlichen von 450 Unternehmen mit Jahresumsätzen ab 100 Millionen Dollar in Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und den USA durchgeführt.
Gegen besseres Wissen
Gemäss Micro Focus zeigt die Umfrage, dass bei der Rekrutierung von IT-Personal zu wenig Wert auf Kenntnisse in Technologien wie COBOL, PL1 oder CICS, auf denen weiterhin ein grosser Teil der Kernsysteme von Unternehmen basieren, gelegt wird. Nur 29 Prozent der befragten CIOs glauben, dass ihr Unternehmen gegenwärtig genügend Experten für solche Technologien einstellt. Und nur gerade 16 Prozent der CIOs und 13 Prozent der CFOs sind sehr zuversichtlich, dass ihr Unternehmen die richtige Rekrutierungsstrategie verfolgt, um den Unterhalt aller Kernsysteme auch in Zukunft sicherzustellen.
Dabei wird die Bedeutung dieser Systeme eigentlich bejaht: 60 Prozent aller Befragten erklärten, dass solche Systeme business-kritisch seien, während nur 38 Prozent auch Anwendungen, die auf neueren Technologien basieren, als business-kritisch taxieren. 60 Prozent der CFOs meinten zudem, dass in einer Rezession Kenntnisse, um Core-Systeme zu modernisieren, wertvoller seien, als Know-how, um neue Technologien einzusetzen. Trotzdem: 56 Prozent aller Befragten erklärten, dass bei Einstellungen heute hauptsächlich nach Kenntnissen in Webtechnologien gesucht werde.
"ROI-Junkies"
Dies ist keine gute Strategie, glaubt Professor Soumitra Dutta vom INSEAD: "Das Versäumnis, auf die Aufrechterhaltung der Skills zu achten, die es braucht, um die Systeme zu managen und zu warten, die den 'Test der Zeit' bestanden haben und immer noch wertvolle Dienste leisten, könnte sich als verhängnisvoller Fehler erweisen." Und Micro-Focus-CEO Mike Kelly vergleicht das Verhalten der Unternehmen in einem Gespräch mit 'Computer Business Reviews' sogar mit dem von Drogenabhängigen: "Nun, da wir in eine Rezession kommen, suchen die Unternehmen nur noch nach dem 'schnellen Fix' und schnellen Gewinnen. Alle IT-Investitionen müssen sich heutzutage schon nach sechs bis zwölf Monaten auszahlen, sonst werden sie ignoriert."
Eine Frage, die in der uns vorliegenden Studienzusammenfassung nicht angesprochen wird, ist allerdings, wo in der bemängelten Rekrutierungspraxis genau Ursache und Wirkung liegt. Viele Unternehmen beklagen ja gleichzeitig, dass es schwierig sei, überhaupt Leute mit Kenntnissen in älteren IT-Technologien zu finden, und in diesen Technologiebereichen, zum Beispiel im Mainframe-Umfeld, sind auch die Nachwuchssorgen noch wesentlich grösser als anderswo. (Hans Jörg Maron)

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