"Top-Down-Führung wird nun schwer"

26. März 2020, 14:06
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Der Ex-Informatiker und heutige Management-Coach Fernando S. Christian im Interview über Schönwetterkapitäne in der IT, Sehnsüchte, Angst und Agilität.

Aufgewachsen als Bergbauernsohn mit Berufswunsch Mönch, wurde er zuerst Software-Entwickler und danach Coach für Management und Organisationsentwicklung: Fernando S. Christians Laufbahn und Leben widerspiegelt sich in seinem Konzept des "LifeDesign". Christian glaubt nicht an Schicksal und Vorherbestimmung, sondern an eine "Lebensphilosophie, bei der Sie sich nicht passiv in die gegebenen Umstände fügen".
Christian hat unter anderem mehrere Generationen von Bluewin-Kadern ausgebildet und unterstützt Führungskräfte und Teams als Coach und Mentor. Er habe zu Beginn seines Berufslebens 15 Jahre in der IT-Branche gearbeitet, diese Phase sei wichtig für sein Denken und er sei bis heute "Informatik-affin", so Christian im Skype-Interview. Dabei äussert er sich zur Führung von Informatikern im Homeoffice, Schönwetterkapitänen im IT-Middle-Management, zu Gefühlen und er hat einen Buch-Tipp.
Es sind Fragen, die sich seit dem Ausbruch des Coronavirus ganz neu stellen könnten. Auch CIOs, Projektleiter oder Software-Entwickler sind isoliert von Mitarbeitenden, Freunden, der Familie und im Homeoffice oder alleine im Büro. Ökonomen prognostizieren eine Rezession, andere das Ende der Globalisierung, es gibt existentielle Ängste und jeder findet sich in einer komplett neuen Lage wieder.
Sind Informatiker – gewohnt an Veränderungen, neue Technologien und Projekte – besser gerüstet als andere, mit der Situation umzugehen?Fernando Christian: Ich habe Mühe, Informatiker in eine Schublade zu stecken. Es gibt sehr unterschiedliche Berufsbilder. Wer ein Netzwerk unterhält, hat ein anderes Mindset und eine andere Ausrichtung der Arbeit als beispielsweise ein Software-Entwickler im Umfeld von Scrum-Teams und agilen Methodiken. Es gibt Aufgabengebiete und Rollen, bei denen die Dynamik und die Veränderungsbereitschaft hoch ist. Diese Informatiker können sich in der heutigen Zeit leichter bewegen. Aber andere können sich nicht so leicht neuen Situationen aussetzen. Es fällt mir an meinen Kunden auf, dass Informatiker, pauschal gesagt, etwas technikverliebt sind. Sie lieben ihr Handwerk masslos. Hingegen haben sie oft Hemmschwellen, sich mit Selbstmanagement oder dem Umgang mit Ängsten auseinanderzusetzen. Genau dies wird heute aber eingefordert. Ängste kommen dann auf, wenn man nicht auf solche Situationen eingestellt ist.
Wenn sie zu technikverliebt sind, heisst das umgekehrt, dass Menschen aus dem "People-Business" jetzt besser reagieren können?Ich kann generell bestätigen, dass das Menschenbusiness besser auf die heutige Situation vorbereitet. Wenn mein Leben eine Kurve macht, und ich nicht sehe, was hinter der Kurve kommt, dann hat es viel mit Eichung und Persönlichkeit zu tun, ob ich mich freue oder beunruhigt bin. Es gibt Dinge, die nicht kontrollierbar sind; viele Parameter, die nicht berechenbar sind. Es gibt Menschen, die solche Situationen lieben, aber andere bekommen eher Angst oder sind am Hypern. Dies sind zwei total unterschiedliche Situationen. Informatiker haben dies oft noch nicht gelernt, denn es herrschte in der Branche über Jahrzehnte Goldgräberstimmung.
Das führt mich zu den Führungskräften in der IT: Ich habe den Verdacht, dass in Firmen und ICT-Abteilungen viele Schönwetterkapitäne am Werk sind. Wie ist Ihre Einschätzung?Das stimmt. Naheliegend ist, dass eine solche Führungskraft sich in neue Projekte und Ideen vergräbt und nicht realisiert, dass der Geist seiner Mitarbeiter von der heutigen Situation gefangen ist. Wenn ein Mensch gefangen ist von Angst und Unsicherheit, dann schränkt dies seinen Blickwinkel ein und lähmt ihn. Es wird schwer für einen Chef mit gelähmten Mitarbeitern in die Zukunft zu gehen. Er muss nun gezielt mit den Mitarbeitern arbeiten und Ängste auf den Tisch legen. Auch in der Informatik gibt es Homeoffice und diese Mitarbeiter sind allein zuhause mit ihrer Befindlichkeit. Es wäre die Aufgabe der Führungskraft, sich regelmässig mit ihnen online zu verbinden und ihnen auf den Puls zu fühlen: Wie geht es dir? Wie kommst du zurecht? Wo drückt es dich? Nur so kann ich Mitarbeitern ihr Befinden entlocken. Es gibt keine Brausetablette dafür!
Sollte man als CIO oder Firmenchef jetzt Schönwetterkapitäne im mittleren Kader identifizieren und auf die Kündigungsliste setzen?Dafür ist es zu früh. Die Lage kann anders aussehen, je nachdem ob die heutige Situation vier Wochen dauert oder ein halbes Jahr. Ich bin aber überzeugt, dass es künftig viel häufiger solche Verwerfungen geben wird. Als CIO würde ich stark darauf achten, dass Führungskräfte in der Lage sind, ihren Mitarbeitern auch in solchen Situationen einen Handlauf und Sicherheit zu bieten.
Wie kann man das?(denkt nach) Das ist eine Frage von Persönlichkeit und Lebenserfahrung. Es muss ein Mensch mit einem hohen Anteil an Empathie sein. Ich habe dafür eine Ausbildung kreiert, die ich "Inspirational Leadership" nenne. Dabei geht es darum, Menschen in die Kraft zu bringen und anderen zu helfen, auf andere Weise mit Verwerfungen umzugehen. Das ist aber keine Technik. Es gibt auch in der IT noch viele Führungskräfte, die Top-down führen und damit Menschen von sich abhängig machen. Diese Führung wird nun schwer. Als Chef ist es sicher hilfreich, bei seinen Führungskräften herauszufinden, wer Schönwetterkapitän ist, und wer in solchen Situationen richtig führen kann. Das sind Kriterien, die man in der Personalselektion bis anhin nicht sehr hoch bewertet hat.
Was meinen Sie konkreter?Es ist wichtiger, ein inspirierendes Menschenbild zu haben. Ein Beispiel: viele Firmen wollen in Richtung Agilität gehen. Das setzt Kompetenzen und Eigenverantwortung für Mitarbeiter voraus, und dass das Top-Management dies unterstützt. Ich sehe sehr viele Fälle, in denen man Agilität nicht zustande bringt, weil das Topmanagement diese Agilität nicht führen kann. Das ist ein grosses Problem und sehr wahrscheinlich ein Generationenproblem.
Das heisst, dass Ältere Mühe haben?Ich beobachte, dass auch junge Führungskräfte zwar gut ausgebildet sind, aber keine Ahnung haben, wie man mit Menschen umgeht. Offensichtlich wird dies nicht gelehrt und es braucht Lebenserfahrung. Mit dem "Management Development Programm" bei Bluewin konnten wir in dieser Hinsicht über Jahre Pionierarbeit leisten. Wir konnten berufsbegleitend und über einen längeren Zeitraum an solchen Fragen arbeiten.
Haben Sie eine konkrete Hilfestellung für die aktuelle Situation?George Kohlrieser, der früher als Psychologe für die US-Polizei mit Geiselnehmern verhandelt hat, schrieb das Buch "Hostage at the Table" (dt. "Gefangen am runden Tisch"). Seine These lautet, dass es im Arbeitsalltag immer wieder geschieht, dass ein Mensch mit einer Idee als Geisel genommen wird. Oder selbst der Geiselnehmer ist. Er beschreibt, wie man sich selbst als Geisel sieht und wie man der Haft entflieht. Oder wie man es als Chef vermeidet, Mitarbeiter zu Geiseln zu machen. Was jetzt abläuft, ist eigentlich auch eine Geiselnahme. Wir haben keine Pistole an der Schläfe, aber einen Mundschutz und Angst vor Viren in der Luft. Die Leute haben Angst und schlafen schlecht, denn das Business ist nicht mehr wie vorher.
Es werden viele Leute ihre Stelle verlieren, in der reichen Schweiz befürchten viele eine grosse, lange Rezession und ihren sozialen Abstieg. Sie hingegen propagieren, jeder könne sein Leben viel stärker bestimmen, als er/sie das denkt. Sie propagieren, "ein geübter LifeDesigner nimmt weder das 'Schicksal' noch die 'Vorherbestimmung' als Entschuldigung dafür hin, dass er sich in seinem eigenen Leben nicht zu Hause fühlt." Ist Ihr "LifeDesign" jetzt nicht Altpapier?Als Mensch sind wir nie 100 Prozent frei von Ausseneinflüssen. Wir sind immer eingebettet in eine soziale Welt, eine Wirtschaftswelt, eine Arbeitswelt. Wir müssen sehen, wie wir mit den Kräften in diesem Universum umgehen. Und der Einzige, der das tun kann, ist der, der auf deinem Stuhl sitzt. Wenn sich das Coronavirus verbreitet, habe ich keine Möglichkeit, das Virus zu inaktivieren. Es liegt nicht in meiner Macht. Wenn ich das als einzige Lösung sehe, bin ich machtlos und machtlose Menschen haben eine Tendenz zu Depressionen. Es gibt andere, die eine andere Seite sehen. Sie sagen, ich muss alles machen, um ein gutes Immunsystem zu haben. So erhält die Ausbreitung des Virus einen anderen Stellenwert. Ich meine damit, dass es praktisch immer die Möglichkeit gibt, etwas zu tun, anders mit einer Situation umzugehen.
In der heutigen Situation und den negativen Prognosen dürften manche pragmatisch handeln wollen, auch wenn ihnen die Branche oder der Arbeitgeber nicht mehr gefällt. Gibt es jetzt noch Platz für Sehnsüchte, oder soll man jetzt pragmatisch sein?Viele kommen mit genau solchen Anliegen zu mir. Sie sollen "LifeDesigner" werden – ihr Leben selber in die Hand nehmen und aktiv gestalten. Das heisst, ich kann die Situation, in der ich bin, immer verbessern. Den Job oder den Arbeitgeber zu wechseln, ist ein sehr grosser Schritt. Wir können auch kleiner anfangen: Beispielsweise entsteht die Verbesserung der Lebensqualität und der Lebenssituation aus der Summe von kleinen Verbesserungsschritten. Manchmal braucht es eine externe Sicht, um dies aus Distanz zu betrachten und neue Ideen zu erhalten. In der heutigen Situation ist abwarten und den Kopf in den Sand zu stecken, sicher keine gute Strategie. Jeder sollte so handeln, dass es ihm morgen besser geht als heute. Anstatt einfach abzuwarten und die Hände im Hosensack zu behalten.

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