Träumen Cloud-Banker von virtuellen Boni?

1. November 2011, 10:59
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Banken und Versicherer auf dem Sprung in die Wolke: Die Einstellung zu Cloud-Computing ändert sich auch in der Finanzindustrie rapide, sagt Gartner. Und: Ist der Banker der Zukunft eine Software?

Die Einstellung zu Cloud-Computing ändert sich auch in der Finanzindustrie rapide, sagt Gartner. Und: Ist der Banker der Zukunft eine Software?
Der Finanzsektor gilt bisher noch als Branche, in der Cloud-Computing einen schwierigen Stand haben dürfte. Das gilt, aufgrund der Ansprüche an IT-Verfügbarkeit, -Sicherheit und die Einhaltung von Vorschriften, insbesondere für Computing in "öffentlichen" Clouds, aber auch für den Bezug von Services aus "privaten" Cloud-Infrastrukturen von IT-Dienstleistern. Dem Aufbau von internen privaten Cloud-Infrastrukturen wiederum stehen, zumindest wenn es um Kernprozesse geht, oft die Schwierigkeiten entgegen, vorhandene Legacy-Softwaresysteme auf moderne Infratrukturen zu zügeln.
Laut dem Marktforschungsinstitut Gartner ändert sich die Einstellung gegenüber "Cloud-Banking" allerdings gegenwärtig trotzdem rasch. In einer aktuellen globalen CIO-Umfrage bezeichneten nicht nur CIOs generell, sondern auch eine Mehrheit der rund 290 befragten CIOs aus dem Finanzsektor Cloud-Computing als eine ihrer gegenwärtigen Hauptprioritäten. 39 Prozent der Finanz-CIOs glauben, dass bis 2015 schon mehr als die Hälfte der Transaktionen bei ihren Instituten durch Cloud-Infrastrukturen und Software-as-a-Service unterstützt werde. In der Region Europa, Afrika und Naher Osten glauben 44 Prozent der Befragten, dass bei der Mehrheit der Transaktionen Cloud-Infrastrukturen und 33 Prozent, dass Software-as-a-Service eine Rolle spielen wird.
"Erste Cloud-Versuche, insbesondere im Finanzsektor, haben sich auf periphere Prozesse oder Proof-of-Concept-Projekte beschränkt", sagt dazu Gartner-Experte Peter Redshaw. "Aber Cloud Computing ist dazu bestimmt, zum Mainstream zu werden." Dazu, so Redshaw, müsse Cloud-Banking aber "innovativ, transformativ und auf die Branche spezialisiert" sein.
"Kreative Zerstörung"
Cloud Computing im Finanzsektor, so glaubt Redshaw, habe das Potential zur "kreativen Zertörung" bisheriger Praktiken. Es könne Unternehmen die Freiheit und Flexibilität geben, ganz neue Services und Prozesse anzutesten und schnell einzuführen. Dazu könnten beispielsweise alternative Standard-Core-Banking-Systeme von Drittanbietern gehören, die man probeweise sogar parallel betreiben lassen könnte.
Als eine der attraktivsten Möglichkeiten von Cloud-Computing sieht Redshaw aber die kontinuierliche Verbesserung von Prozessen nach dem "Champion-/Challenger"-Konzept, dessen Einführung durch Cloud-Computing ökonomisch machbar werde. Bei diesem Konzept werden bestehenden, bewährten Prozessen und Entscheidungsregeln – den "Champions" – immer wieder Alternativen – die "Challenger" – gegenüber gestellt. Letztere werden parallel zu den Champions mit einem kleinen Teil der realen Transaktionen gefüttert, so dass die Ergebnisse konkret verglichen werde können.
Der Cloud-Banker
Für viele Bankangestellte könnte diese Entwicklung ominös werden, denn letztendlich geht es dabei, so Redshaw, um den einfacher gemachten Ersatz von Menschen durch "algorithmische Operationen" – sprich in Software abgebildete Entscheidungsregeln und Prozesse. Nicht nur das Banking, auch der "Banker" selbst wandert also sozusagen in die Wolke. Das geschäftliche Know-how der Banken verlagere sich immer mehr in die Algorithmen, und der Wert von Mitarbeitenden bestehe nicht mehr darin, Geschäfte abzuwickeln sondern zur Verbesserung der Algorithmen beizutragen, sagt Redshaw.
Da fragen wir uns, frei nach Philipp K. Dick eigentlich nur noch eines: Träumen Cloud-Banker von virtuellen Boni? (Hans Jörg Maron)

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