Turi Mast: Die Falle schnappt zu

9. Januar 2014, 17:02
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Folge 13 (von 52) des weltweit ersten Fortsetzungsromans aus der unterschätzten Welt des Schweizer E-Governments. Ein Roman voller Spannung und Dramatik. E-Gov, verbranntes Geld, Sex!

Was bisher geschah: Turi Mast ist externer Projektleiter des E-Gov-Projekts "welcome_Citizen". Das Projekt kommt nicht vom Fleck und es gibt erst noch einen Betrugsfall in einem Vorprojekt. Schönreden geht nicht mehr - die Fakten müssen auf den Tisch.
Die Runde ist komplett - die grossen Tiere vom Projektauftraggeber und der Verwaltungsleitung sind da. Mast beginnt mit einer Einleitung und spricht über 20 Minuten ausführlich die Analyse an, die man ausgehend von den verschiedenen Dokumenten aus dem Vorgängerprojekt von welcome_Citizen gemacht hat. Der Fehlbetrag sei so gross, dass man sich ernsthaft überlegen müsse, ob man die Firma, die zu ihren Gunsten falsch abgerechnet hat, anzeigen wolle. Allerdings würde dies für welcome_Citizen sehr schlechte Auswirkungen haben, da die besagte Firma so stark ins neue Projekt involviert sei, dass der Beizug einer neuen Firma eine zeitlich massive Verzögerung von welcome_Citizen zur Folge habe.
"Ich bin platt", sagt der Departementsvorsteher. "Was meinen Sie denn, was zu tun sei"? Da übernimmt Matter das Wort und erläutert die Fehleranalyse der verschiedenen Parteien im Detail. Nach Matters Intervention wird es totenstill. Alle greifen sich nachdenklich ans Kinn und Mast hat das Gefühl als ob es niemanden wirklich gross kümmere. "Man wird die andere Firma also weder anzeigen noch bestrafen - aber irgendwie müssen wir die doch zur Rede stellen," denkt Mast. "Ich schlage vor", so Mast, "dass wir die andere Firma vor diesem Gremium hier antraben lassen, sie mit den Vorwürfen konfrontieren und danach das Gespräch so steuern, dass der Geschäftsführer seine Schuld eingesteht und Rückzahlungen tätigt. Tut er das nicht, so fliegen sie sofort aus dem Projekt und werden nie mehr für uns arbeiten. Die werden den Weg der Rückzahlung wählen, da bin ich mir sicher."
"Weiter müssen wir künftig ein viel besseres Controlling aufziehen, damit so was nicht mehr vorkommt" fährt Mast fort. Er betont erneut, dass Controlling alleine nicht reiche, sondern, dass ausgehend vom Umfang des Projektes auch die Geschäftsleitung des Departements mehr Verantwortung übernehmen müsse. Allerdings gibt Mast auch zu, dass er einen Teil seiner Projektleitungsaufgabe nicht vollständig wahrgenommen habe. Die Täuscher seien eben so geschickt vorgegangen, dass man die Fehler nur auf den zweiten Blick habe erkennen können.
Man einigt sich auf Masts Vorschläge.
Einige Tage später kommt es zum Meeting mit den Missetätern. Läufer und Holliger, Projektleiter und Geschäftsleitungsmitglieder der fehlbaren Unternehmung, sind anwesend, die ganze Geschäftsleitung des Departements, der Controller, Sybille und Mast. Die Leute vom Departement wissen, was jetzt kommt und es herrscht gespannte Stille. Mast eröffnet die Runde und macht die Begrüssung. Dann gibt er nach einer kurzen Einleitung der Seniorität halber das Wort an den Departementsvorsteher. Dieser schildert die bisherige Untersuchung und spricht Klartext: "Sie, meine Herren, haben falsch abgerechnet und sie haben das gewusst!" Läufer und Holliger werden mehlbleich.
Danach übernimmt wieder Mast und schilderte mit Unterstützung von Sybille genau, wie und wo welche Abrechnungen im Vorgängerprojekt von welcome_Citizen falsch waren und zu welchen Fehlbeträgen sie geführt haben. Läufer und Holliger schweigen und schlucken leer. Man sieht ihre Adamsäpfel hüpfen.
Die hohen Beamten und Mast haben ihre Choreografie abgesprochen. Jetzt übernimmt wieder der Generalsekretär das Wort und stellt das Ultimatum. "Entweder gestehen sie, Herren Läufer und Holliger, ihr Fehlverhalten jetzt sofort ein, oder wir entlassen sie per heute aus dem Vertragsverhältnis im Projekt welcome_Citizen und erstatten Anzeige." Die beiden schauen sich an und dann beginnt zaghaft zuerst Läufer und dann Holliger reuig die Fehler einzugestehen. Mast merkt gut, dass sie ohne die Einkünfte aus den Verwaltungsprojekten Konkurs gehen würden.
"Wir wünschen ausdrücklich", sagt der Generalsekretär, "dass sie die nächsten sieben Wochen wöchentlich den Arbeitsrapport schriftlich bei uns abliefern. Wir gehen ihn dann zusammen mit Programmleiter Mast durch und gegenzeichnen. Erst danach wird es eine Freigabe für die Zahlung gegeben." Läufer und Holliger nicken stumm und Mast räuspert sich.
Der Departementsvorsteher setzt ein sorgenvolles Gesicht auf. "Überdies verlangen wir, dass sie die fehlbaren Beträge an uns zurückzahlen, oder dass sie im Rahmen der fehlbaren Beträge Arbeiten leisten, die wir nicht zu bezahlen brauchen." Erneut nicken Holliger und Läufer stumm im Chor. "Es wäre doch furchtbar schade, wenn der ganze Fall an die Presse gelangen würde, oder?" Der Departementsvorsteher geht nicht auf das Fehlverhalten der eigenen Geschäftsleitung bezüglich der Projektsteuerung ein und natürlich wagen auch Läufer und Holliger nicht darauf hinzuweisen, dass die Sorglosigkeit im Departement sie geradezu verführt hat. Auch das entsprach dem Drehbuch, das Mast mit der Verwaltungsleitung ausgemacht hat.
Unmittelbar nach der Sitzung schreibt Mast zwei eingeschriebene Briefe an die fehlbaren Firmen, in denen er unmissverständlich festhält, was an der Sitzung besprochen wurde. Er legt die Briefe der Geschäftsleitung des Departements vor, der Generalsekretär unterschreibt. Die Briefe gehen gleich weg.
Dann nimmt Mast mit einer externen Revisionsfirma Kontakt auf und lässt seine Projektorganisation und die gesamte nun als "Programm" bezeichnete Organisation mittels Audit durchleuchten.
Die Resultate sind ernüchternd.
(Autor Franz Ochsenbein blickt auf eine lange Karriere als Business Analyst im öffentlichen Dienst zurück. Heute züchtet er Bienen und schreibt Kioskromane.)
Für alle, die nachträglich in die Lektüre einsteigen wollen, führen wir hier die Links zu den bisher publizierten Folgen auf:
Folge 1: Workshopitis
In einem Workshop zum Projekt welcome_Citizen wird rasch klar, dass es schief läuft. Kann Projektleiter Turi Mast das Sozialleben der Projekt-Mitarbeiter retten?
Folge 2: Der Bericht zum Abschluss (des Vorprojekts)
Während Mast noch am Abschlussbericht des Vorprojekts arbeitet, lässt Projektassistentin Sybille die Bombe platzen. Ein Controller hat massive Kostenüberschreitungen entdeckt. Betrug?
Folge 3: Belege, Belege, Belege
Generalsekretär Matter macht Druck auf Mast. Dieser entdeckt tatsächlich Unregelmässigkeiten und braucht nun mehr Zeit für den Projektabschlussbericht.
Folge 4: Die Mail
Turi Mast muss Generalsekräter Matter von den Unregelmässigkeiten berichten - aber so, dass es nicht allzu schlimm klingt. Eine Gratwanderung.
Turi ist ausgebrannt, da kommt ein Wochenende ohne Frau und Kind gerade recht. Was bahnt sich da mit Projektassistentin Sybille an?
Folge 6: Sitzen, sitzen, sitzen.
Turis Schifflein welcome_Citizen droht an der Klippe Spirig zu zerschellen. Berger geht in die Knie, Turi muss eingreifen.
Folge 7: Idioten und Befehlsverweigerer
Die Krise im Projekt welcome_Citizen spitzt sich zu. Kritiker Spirig und Konsorten treiben nun auch Turi in die Enge.
Folge 8: Liebes-Ritt auf dem Nerval
Auch das noch! Mitten in der bisher schwierigsten Phase des Projekts welcome_Citizen geht Turi mit Projektassistentin Sybille wandern. Wenn's nur das wäre...
Folge 9: Make it or break it
Welcome_citizen droht endgültig zu scheitern. An endlosen Sitzungen tauchen immer mehr Probleme auf und der Widerstand wird stark und stärker. Da hat Mast eine geniale Idee. Und kommt damit durch.
Folge 10: Troubles, mehr Troubles
Welcome_citizen wird in viele Teilprojekte aufgespalten, Turis Bonus ist gerettet. Doch nun droht Ungemach von einer anderen Seite. Die Sache mit den falschen Abrechnungen im Vorprojekt holt Turi wieder ein.
Folge 11: Ausmisten
Turi, der Controller und Sybille müssen bei Generalsekretär Matter antanzen. Nun zeigt sich, warum aus Matter ein Top-Beamter geworden ist.
Folge 12: Krieg an allen Fronten
Turis Frau Christine hat Lunte gerochen und stellt ihren untreuen Ehemann zur Rede. Das kann nicht gut gehen.

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