Turi Mast: Ein Tag wie jeder andere

20. Februar 2014, 17:05
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Folge 19 (von 52) des weltweit ersten Fortsetzungsromans aus der unterschätzten Welt des Schweizer E-Governments.

Was bisher geschah: Turi Mast ist externer Projektleiter des E-Gov-Programms "welcome_Citizen". Er steht unter Druck, denn seit dem Auffliegen eines Betrugsfalls wird die externe Kontrolle verschärft.
Turi steht beim Kaffeeautomaten und reibt verzweifelt einen Zweifränkler an der Oberfläche seiner Jeans, dann am Automatengehäuse und dann wieder an seiner Jeans. Turi gähnt leise. Der Automat will wieder mal sein Geld nicht annehmen. Dabei braucht Mast dringend einen Espresso. Mist Mist Mist.
Am Morgen beim täglichen Stau am Stadtrand hat sich Turi Gedanken zu seinem Tagewerk gemacht und jetzt will er gleich loslegen. Und nun das. Die Automaten von heute sind einfach Steinzeitzeugs. Unbrauchbar.
Turi ist externer Projektleiter der Firma OneMoreProject AG beim Kanton. Er ist seit Längerem an die kantonale Direktion für Inneres ausgeliehen. Anders gesagt hat er sich selbst ans Departement ausgeliehen. Natürlich ist Turi selbst der Inhaber der Firma, mit der der Vertrag läuft. Und natürlich gehören Turi über ein halbes Dutzend Firmen. Diese Firmen sind meist in Kantonen untergebracht, in denen wenig Steuern zu entrichten sind, über welche er viele kantonale Verwaltungseinheiten mit temporären Mitarbeitern für IT-Projekte beliefert. Bislang ist Turi niemand auf die Schliche gekommen. Und das Geschäft läuft wie am Schnürchen. Das Geniale an seinem Konstrukt ist, dass seine Firmen sich gegenseitig beim Bieten für Vorhabenausschreibungen bei der Stange halten können. Damit hat Turi ein gutes Instrument in der Hand, um die teilweise sich ändernden Beschaffungsbedingungen der Verwaltung bezüglich Ausschreibungen immer wieder gewinnbringend für sich selbst zu nutzen.
Turi kennt eben seine Pappenheimer.
Nachdem es dann beim etwa fünfzehnten Mal mit dem Zweifränkler doch noch klappt, verzieht sich Turi mit seinem dampfenden Kaffee zurück in sein Büro in der Kantonsverwaltung und schlürft bedächtig das heisse Getränk. "Morgenstund hat eben wirklich Gold im Bund", sagt Turi still vor sich hin. In den frühen Morgenstunden ist Turi vielfach der Einzige im Büro. Die Beamtenkollegen kommen eher um 9 als um 8 Uhr und gehen eher um 16 als um 17 Uhr. In diesen frühen Morgenstunden schreibt Turi einerseits Projektanträge, die er Chefbeamten zuhält. Darüber kann sich Turi selber immer wieder im Spiel halten. Über seine gut vernetzten Drähte zog er in den vergangenen Jahren und Monaten ein Netz an Vertrauten auf, mit denen er sich wenn immer möglich ausserhalb der Bundesverwaltung, zum Beispiel im Frohsinn trifft und mit denen er die Kriterien diskutiert, welche letztlich zu den Zuschlägen für die Ausschreibungen führen. Ja, Turi hat sein Thema und seine Methode, wie er so schön sagt, im Griff. Er kennt sich eben aus und das auch in der Organisation, welche ihn in Projektausschüssen überwacht. Und er kennt die Leute.
Turi will sich an das neueste Angebot zuhanden der Departementsleitung machen, da klingelt sein Mobiltelefon. Bitte noch einen Schluck Kaffee … Mike ist am Apparat. Mike ist ein Kollege, der eine von Turis Schwesterfirmen führt und ebenfalls externer Projektleiter.
Mast: "Mast".
Mike: "Hoi Turi, wie geht’s?"
Mast: "Huah, nicht schlecht, aber die vergangen Wochen hatten es in sich."
Mike: "Ja, hast du erzält, Umstrukturierungen, Projektneupositionierungen, Projekt-Governance-Probleme, Audits, etcetera etcetera. Nicht schlecht. Du, Turi, ich habe da eine Frage. Bei uns steht gerade eine Ausschreibung an. Ich weiss dass unsere Direktion preissensitiv ist. Könntest Du nicht auch anbieten, damit wir einen Preisrange abdecken können und damit die Wahrscheinlichkeit eines Zuschlages vergrössern können?"
Mast: "Hm, ich überlege gerade. Grundsätzlich spricht nichts dagegen. Worum geht es denn fachlich?"
Mike: "Um den Rollout von Workplaces mit integrierter Telefonie."
Mast: "Hoppla, da ist die Konkurrenz aber gross. Denk an Czesko."
Mike: "Das weiss ich auch. Ich setze auf Macrowave, die sind im Office-Umfeld schon überall und eh de-fakto-Standard. Dazu wären zwei weitere konträre Angebote zu lancieren, die sich so perfekt ergänzen, dass einerseits Czesko keine Chance mehr hat und andererseits die Verwaltungsleitung das eine oder andere unserer Angebote annehmen muss."
Mast. "Komm, Mike, wir besprechen das heut Abend im Frohsinn. Kannst Du um 18.00 Uhr dort sein? Ich brauche wieder mal ein Ittinger."
Mike: "Au ja, ein Ittinger, mir läuft die Spucke im Mund zusammen. 18.00 Uhr ist auch ok. Ja, …"
"Schosi, noch ein Ittinger", denkt es in Mike, nachdem er Mast abhängt.
(Autor Franz Ochsenbein war lange Jahre Chef-Controller für IT-Projekte bei der Generalitat de Catalunya. Er lebt heute zurückgezogen als Hobbyfischer in Malgrat de Mar und schreibt nebenbei Kioskromane.)
Für alle, die nachträglich in die Lektüre einsteigen wollen, führen wir hier die Links zu den bisher publizierten Folgen auf:
Folge 1: Workshopitis
In einem Workshop zum Projekt welcome_Citizen wird rasch klar, dass es schief läuft. Kann Projektleiter Turi Mast das Sozialleben der Projekt-Mitarbeiter retten?
Folge 2: Der Bericht zum Abschluss (des Vorprojekts)
Während Mast noch am Abschlussbericht des Vorprojekts arbeitet, lässt Projektassistentin Sybille die Bombe platzen. Ein Controller hat massive Kostenüberschreitungen entdeckt. Betrug?
Folge 3: Belege, Belege, Belege
Generalsekretär Matter macht Druck auf Mast. Dieser entdeckt tatsächlich Unregelmässigkeiten und braucht nun mehr Zeit für den Projektabschlussbericht.
Folge 4: Die Mail
Turi Mast muss Generalsekräter Matter von den Unregelmässigkeiten berichten - aber so, dass es nicht allzu schlimm klingt. Eine Gratwanderung.
Turi ist ausgebrannt, da kommt ein Wochenende ohne Frau und Kind gerade recht. Was bahnt sich da mit Projektassistentin Sybille an?
Folge 6: Sitzen, sitzen, sitzen.
Turis Schifflein welcome_Citizen droht an der Klippe Spirig zu zerschellen. Berger geht in die Knie, Turi muss eingreifen.
Folge 7: Idioten und Befehlsverweigerer
Die Krise im Projekt welcome_Citizen spitzt sich zu. Kritiker Spirig und Konsorten treiben nun auch Turi in die Enge.
Folge 8: Liebes-Ritt auf dem Nerval
Auch das noch! Mitten in der bisher schwierigsten Phase des Projekts welcome_Citizen geht Turi mit Projektassistentin Sybille wandern. Wenn's nur das wäre...
Folge 9: Make it or break it
Welcome_citizen droht endgültig zu scheitern. An endlosen Sitzungen tauchen immer mehr Probleme auf und der Widerstand wird stark und stärker. Da hat Mast eine geniale Idee. Und kommt damit durch.
Folge 10: Troubles, mehr Troubles
Welcome_citizen wird in viele Teilprojekte aufgespalten, Turis Bonus ist gerettet. Doch nun droht Ungemach von einer anderen Seite. Die Sache mit den falschen Abrechnungen im Vorprojekt holt Turi wieder ein.
Folge 11: Ausmisten
Turi, der Controller und Sybille müssen bei Generalsekretär Matter antanzen. Nun zeigt sich, warum aus Matter ein Top-Beamter geworden ist.
Folge 12: Krieg an allen Fronten
Turis Frau Christine hat Lunte gerochen und stellt ihren untreuen Ehemann zur Rede. Das kann nicht gut gehen.
Folge 13: Die Falle schnappt zu
Turi und die hohen Tiere des Departements knöpfen sich die Übeltäter vor, die im Vorprojekt mit falschen Abrechnungen agiert haben.
Folge 14: Pitstop im Frohsinn
Nach der harten Sitzung mit den Übeltätern aus dem Vorprojekt erholen sich Sybille und Turi im Frohsinn. Wird ihre Beziehung weitergehen?
Folge 15: Das Audit
Das Projekt welcome_Citizen wird einem erbarmungslosen Audit unterzogen. Turi (und die Leser) lernen viel.
Folge 16: Liebesleben und IT-Governance: Mit dem Schwung der Verliebtheit in Sybille gelingt es Mast, "welcome_Citizen" neu zu stukturieren und die Verantwortungen neu zu verteilen. Aber die Ehe mit Christine ist definitiv Vergangenheit.
Folge 17: Sand im Getriebe: Es will nicht so recht vorwärts gehen mit den Teilprojekten bei "welcome_Citizine". Turi macht Dampf.
Folge 18: Ärger, noch mehr Ärger. Turi schäumt. Obwohl er ein vernünftiges Projektcontrolling aufgesetzt hat, hetzt ihm der Departementsvorsteher die Finanzkontrolle auf den Hals.

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