Turi Mast: Oder doch lieber Forellenzucht?

6. März 2014, 08:02
  • kolumne
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Folge 21 (von 52) des weltweit ersten Fortsetzungsromans aus der unterschätzten Welt des Schweizer E-Governments.

Was bisher geschah: Turi Mast ist externer Projektleiter des E-Gov-Programms "welcome_Citizen". Das Projekt wächst und wächst - und hat Turis Leben verändert. Er hat seine Familie verlassen und ist seit einigen Monaten mit Projektassistentin Sybille zusammen.
Turi fühlt sich an diesem Morgen ausgepowert und matt. Er übernachtete in seiner kleinen Wohnung, da er die vorherige Nacht Sybille bei sich hatte. Turi meldet sich über Sybille krank. Dies tut er mit der Zusatzbemerkung: "Ich bin einer Erschöpfung nahe und muss wieder einmal zu mir selbst finden, Tschüüs, Liebes, mach‘s gut heute." Das Gefühl, dass das Programm bei ihr in besten Händen ist, gibt ihm die Sicherheit, dass er sich einen Tag Auszeit nehmen kann.
Turi steigt in sein wenig gebrauchtes sportliches Auto. Er fährt in den schönen Jura, auf den Nerval, der ihm im Herbst immer wieder vorkommt wie ein grosser im Meer schwimmender Wal. Dort, zuoberst im Hospiz, nimmt er den Morgenkaffe und marschiert los. Nichts denken, nichts müssen, einfach sein. Zwischendurch gelegentlich im Gras liegen, den Vögeln zuhören. Als Kind hatte Turi unglaublich intensive Naturerlebnisse. Je älter und arbeitsamer er wurde, desto mehr kam ihm diese Fähigkeit des Naturerlebens abhanden. Es bot sich ganz einfach keine Gelegenheit mehr dazu. Kunststück, Turi sitzt ja immer im Büro, verliert seine Familie... So hat eben auch die Erlebnisfähigkeit abgenommen. Das beunruhigt ihn und lässt ihn fürchten, dass dadurch sein Innenleben verkümmert. Man gerät über die Arbeit irgendwann in eine Art Sog, der schwer zu durchbrechen ist. Turi will versuchen herauszufinden, ob ein Herauskommen daraus möglich und denkbar ist.
Uff, grad noch mal ein Burnout verhindert.
Turi kann es nicht lassen, sich für seine Gedankengänge dann doch noch einen Rhythmus zu geben. Einfach so dahinspazieren geht nicht. Die erste Marschstunde will er sein Privatleben ordnen. Die zweite Marschstunde will er wieder mal das Gras wachsen und die Vögel pfeifen hören. Liegen im Gras, Lauschen im Wald, dem Summen der Fliegen zuhören, einfach sein. Die dritte Marschstunde will er Ordnung in sein Programm- und Projekt-Tohuwabohu bringen. Und in der vierten will er sich überlegen, wie seine weitere Karriere verlaufen soll. Er ist zwar erfolgreicher Unternehmer, allerdings hat er gelegentlich Zweifel an seinem Unternehmerdasein. Ausgehend von seiner neuen Beziehung, aber auch von seinen Erfahrungen davor, will er versuchen, über eine Arbeitszeitreduktion oder einen Jobwechsel, seine Work-Life-Balance wieder besser in den Griff zu kriegen.
Eben: Einen Burnout verhindern - und zwar für länger.
Die erste Stunde beginnt und Turi geht die letzten Wochen und Monate durch. In ihm ist das Gefühl fest verankert, nichts Unrechtes getan zu haben. Im Gegenteil: Er hat aus einer eher verfahrenen Situation das Beste gemacht. Durch die Zahlungen an Christine fühlt sich Turi schuldfreier. Er ist auf seine Art dankbar dafür, für die Kinder keine weitere Verantwortung zu haben. Sein Job beanspruchte ihn zu sehr und er hatte in der Vergangenheit zunehmend ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber. Nun hat sich das geklärt. Offen bleibt die Frage, ob das Thema Kinder wirklich abgeschlossen ist für ihn oder ob er sich vorstellen kann, mit Sybille nochmals Kinder zu haben. Die erste Stunde ist um. Die letzte Frage bleibt. Er will sie bald mit Sybille ansprechen.
Die zweite Stunde beginnt. Turi legt sich für zehn Minuten ins Gras. Er riecht den Boden, das Gras, das Moos, die umliegenden Blüten verströmen wohlige Düfte. Aber vor allem der Duft des Bodens erfreut seine Seele. Ein übers andere Mal zieht Turi den Geruch in seine Lungen und lauscht den Bienen. Versinkt einen Moment im Gras in eine Art Kontemplation. Da ist es wieder, das wunderbare Erlebnis, das er bei den Grosseltern unter der grossen Tanne im Garten hatte. Der im Sommer piekfein geschnittene Rasen roch heftig, Moos mischte sich in den Geruch, und da waren noch die Ausdünstungen der Tanne. Unvergesslich dieser Eindruck. Turi richtet sich auf und schreitet in den Wald. Und da ist das Sommer-Summen der Insekten, die frischen Gerüche des Waldes im Sommerglast. Unerhört. So intensiv wird der Sinneseindruck, dass Turi einen Moment aufhört zu denken.
Die dritte Stunde bricht an. Es fällt Turi nun nach zwei Stunden schwer, die Gedanken aufs Geschäft zu bringen. Es gelingt nicht. Die Natur, das Landschaftserleben sind übermächtig und er gibt sich dem hin. Das Geschäft beherrscht sein Leben schon genug. Die Schlussfolgerungen der ersten Stunde sind richtig und drängten sich halt vor. So geht die dritte Stunde ergebnislos zu Ende. Einzig, und das ist auch ein starkes Gefühl, merkt Turi, dass er einen Körper hat, schwitzt, die Muskeln spannen beim Marschieren, die Füssen tun an bestimmten Stellen weh, aber es fühlt sich gut an, sehr gut sogar.
Pure Lebensfreude. Geerdetes Sein.
Die vierte Stunde bricht an. Nun hat er Klarheit. Er weiss ohne lange nachzudenken, dass er die Arbeit zunächst auf 75 Prozent reduzieren will. Es bleibt zu verhandeln, ob die Programmleitung dann noch drin liegt. So sehr hängt er dann auch wieder nicht daran. Zudem will Turi in den restlichen 25 Prozent seiner Zeit, sofern dies die Beziehung zu Sybille und eine vielleicht sich erweiternde Familie zulässt, sich wieder mehr dem Malen widmen. Dies ist eine Lieblingsbeschäftigung, die früher Berufswunsch war und wegen zu wenig Ehrgeiz zum Hobby wurde.
Oder soll noch einmal etwas ganz Anderes anfangen? Turi hat in einer Online-Zeitung von einer Beraterin gelesen, die gestresste Manager zu sportlichen Tätigkeiten führt und sie damit vor dem Burnout bewahrt. Das interessiert ihn. In der Zeitung stand auch, dass sie in seiner Stadt Partner suche, die das Geschäftsmodell ebenfalls umsetzen wollen. Mit ihr will er sich treffen und herauszufinden, ob er der Richtige für diese Herausforderung sein könnte.
Eine Alternative wäre es Bio-Forellen zu züchten und ein Weniges an Wein anzupflanzen. Aus seiner Sicht eine wirklich coole Mischung, weil beides zu einem feinen Essen kombinierbar ist. Turi hatte in einer feinen Küche in der grössten Stadt vor nicht zu langer Zeit Forellentartar probiert, mit feinem kleinen Schalotten-Gehacktem dazu … das Tartar wurde in einem kleinen kalten Ingwer-Karottensüppchen serviert. Ein Traum...
Bio-Forellen züchten und Biowein anbauen. Riesling am Liebsten.
(Autor Franz Ochsenbein war lange Jahre Chef-Controller für IT-Projekte bei der Generalitat de Catalunya. Er lebt heute zurückgezogen als Hobbyfischer in Malgrat de Mar und schreibt nebenbei Kioskromane.)
Für alle, die nachträglich in die Lektüre einsteigen wollen, führen wir hier die Links zu den bisher publizierten Folgen auf:
Folge 1: Workshopitis
In einem Workshop zum Projekt welcome_Citizen wird rasch klar, dass es schief läuft. Kann Projektleiter Turi Mast das Sozialleben der Projekt-Mitarbeiter retten?
Folge 2: Der Bericht zum Abschluss (des Vorprojekts)
Während Mast noch am Abschlussbericht des Vorprojekts arbeitet, lässt Projektassistentin Sybille die Bombe platzen. Ein Controller hat massive Kostenüberschreitungen entdeckt. Betrug?
Folge 3: Belege, Belege, Belege
Generalsekretär Matter macht Druck auf Mast. Dieser entdeckt tatsächlich Unregelmässigkeiten und braucht nun mehr Zeit für den Projektabschlussbericht.
Folge 4: Die Mail
Turi Mast muss Generalsekräter Matter von den Unregelmässigkeiten berichten - aber so, dass es nicht allzu schlimm klingt. Eine Gratwanderung.
Turi ist ausgebrannt, da kommt ein Wochenende ohne Frau und Kind gerade recht. Was bahnt sich da mit Projektassistentin Sybille an?
Folge 6: Sitzen, sitzen, sitzen.
Turis Schifflein welcome_Citizen droht an der Klippe Spirig zu zerschellen. Berger geht in die Knie, Turi muss eingreifen.
Folge 7: Idioten und Befehlsverweigerer
Die Krise im Projekt welcome_Citizen spitzt sich zu. Kritiker Spirig und Konsorten treiben nun auch Turi in die Enge.
Folge 8: Liebes-Ritt auf dem Nerval
Auch das noch! Mitten in der bisher schwierigsten Phase des Projekts welcome_Citizen geht Turi mit Projektassistentin Sybille wandern. Wenn's nur das wäre...
Folge 9: Make it or break it
Welcome_citizen droht endgültig zu scheitern. An endlosen Sitzungen tauchen immer mehr Probleme auf und der Widerstand wird stark und stärker. Da hat Mast eine geniale Idee. Und kommt damit durch.
Folge 10: Troubles, mehr Troubles
Welcome_citizen wird in viele Teilprojekte aufgespalten, Turis Bonus ist gerettet. Doch nun droht Ungemach von einer anderen Seite. Die Sache mit den falschen Abrechnungen im Vorprojekt holt Turi wieder ein.
Folge 11: Ausmisten
Turi, der Controller und Sybille müssen bei Generalsekretär Matter antanzen. Nun zeigt sich, warum aus Matter ein Top-Beamter geworden ist.
Folge 12: Krieg an allen Fronten
Turis Frau Christine hat Lunte gerochen und stellt ihren untreuen Ehemann zur Rede. Das kann nicht gut gehen.
Folge 13: Die Falle schnappt zu
Turi und die hohen Tiere des Departements knöpfen sich die Übeltäter vor, die im Vorprojekt mit falschen Abrechnungen agiert haben.
Folge 14: Pitstop im Frohsinn
Nach der harten Sitzung mit den Übeltätern aus dem Vorprojekt erholen sich Sybille und Turi im Frohsinn. Wird ihre Beziehung weitergehen?
Folge 15: Das Audit
Das Projekt welcome_Citizen wird einem erbarmungslosen Audit unterzogen. Turi (und die Leser) lernen viel.
Folge 16: Liebesleben und IT-Governance: Mit dem Schwung der Verliebtheit in Sybille gelingt es Mast, "welcome_Citizen" neu zu stukturieren und die Verantwortungen neu zu verteilen. Aber die Ehe mit Christine ist definitiv Vergangenheit.
Folge 17: Sand im Getriebe: Es will nicht so recht vorwärts gehen mit den Teilprojekten bei "welcome_Citizine". Turi macht Dampf.
Folge 18: Ärger, noch mehr Ärger. Turi schäumt. Obwohl er ein vernünftiges Projektcontrolling aufgesetzt hat, hetzt ihm der Departementsvorsteher die Finanzkontrolle auf den Hals.
Folge 19: Ein Tag wie jeder andere. Endlich kommt ein bisschen Licht in die Sache. Turi ist nämlich nicht nur Projektleiter bei OneMoreProject, sondern heimlich auch an anderen IT-Dienstleistern beteiligt. Gemeinsam offeriert es sich besser...
Folge 20: So geht das. Im Frohsinn schmieden Mike und Turi einen Schlachtplan für den Gewinn der nächsten Ausschreibung. So läuft das mit den Ausschreibungen nach WTO!

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