Turi Mast: Workshopitis ...

17. Oktober 2013, 13:21
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Dies ist Folge 1 (von 52) des weltweit ersten Fortsetzungsromans aus der unterschätzten Welt des Schweizer E-Governments. Ein Roman voller Spannung und Dramatik. E-Gov, verbranntes Geld, Sex!

Dies ist Folge 1 (von 52) des weltweit ersten Fortsetzungsromans aus der unterschätzten Welt des Schweizer E-Governments. Ein Roman voller Spannung und Dramatik. E-Gov, verbranntes Geld, Sex!
Turi, externer Projektleiter des E-Gov-Projekts "welcome_Citizen", steht vor der Gruppe von Projektmitarbeitern und versucht sich verzweifelt an das eigentliche Ziel des Workshops zu erinnern. Mit dem Projekt geht es nicht weiter, man hat sich in den nun drei Monaten des Projekts zerredet. Ein übers andere Mal sind die Auftraggeber mit immer neuen Anforderungen an welcome_Citizen gelangt. Dies und das muss die tolle E-Government-Lösung zur Anmeldung, zum Wegzug sowie zu Zivilstandsänderungen auch noch können. Vom ursprünglichen Entwurf ist nichts mehr da, und das, was jetzt zur Debatte steht, ist alles andere als ein Wurf.
Im Gegenteil.
Turi leistet sich eine längere Denkpause. Er ortet sich und klärt: "Liebe Kollegen, sorry, ich brauchte eine Weile, um wieder zu wissen, wo wir sind. Wenn wir so weiter machen wie bis jetzt, wird das mit diesem Projekt nichts. Viel zu viel haben wir bereits wieder geändert und von der ursprünglichen Projektidee ist nicht mehr viel zu sehen. Ich schlage deshalb vor, dass wir den Steuerungsausschuss des Projekts informieren und dort initiieren, dass das Projekt in seiner jetzigen Situation neu beurteilt wird."
Berger denkt: Wieder mal typisch. Es läuft wieder mal alles schief. Und wenn man Mast da vorne stehen sieht, scheint immer alles noch schlimmer zu werden. Neben Mast ist eine Folie projiziert, auf der ein chaotischer Haufen Anwendungen skizziert ist, die allesamt miteinander verbunden sind. Die Architektur von welcome_Citizen. Der typische E-Government-Wahnsinn halt. E-Government, das reine Chaos, denkt Berger.
Der Vertreter der Projektauftraggeber im Raum, Direktor Matter – seines Zeichens Generalsekretär – erhebt sich und gibt sich kurz angebunden. "Ich schlage vor, dass wir diesen Workshop heute beenden und morgen gegen Abend an einem neuen Workshop versuchen, das Projekt wieder auf die Bahn zu bringen."
Alle stöhnen.
Matter weiter: "Ich schlage daher vor, dass wir die folgenden Aufgaben verteilen …". Berger denkt an Frau und Kinder zu Hause. Er hat ganz und gar keinen Bock, heute noch mehr zu arbeiten. Sein morgiger Tag ist bereits verplant. Es jagt ein Projektworkshop den anderen. Die Aussichten in den anderen Projekten und Workshops sind nur geringfügig besser. Und morgen möchte Berger ausnahmsweise wieder mal Fabian und Sabine ins Bett bringen, ihnen Gutenachtgeschichten erzählen. Er liebt das. Danach, so fantasiert er, wird er mit Susi morgen am späteren Abend noch ein gutes Glas Wein trinken, um danach getrost ins Bett zu fallen.
Matter weiter: "Berger zeichnet die Architektur für welcome_Citizen neu." Berger jault innerlich auf. "Du, Turi, überlegst Dir zwei oder drei Szenarien, wie wir weitergehen im Projekt". Berger sieht Turi sichtlich zusammensacken. Das hast du verdient, Turi, denkt Berger ...
Da spricht Müller dazwischen. "Das ist doch auf den morgigen Tag viel zu kurzfristig. Turi, kannst Du nicht spätestens in einer Woche einen neuen Terminvorschlag für einen nächsten Workshop machen und als Projektleiter in aller Ruhe die Arbeiten neu ordnen und fokussieren? Wir haben nun schon sicher 1,5 Millionen Franken verbrannt und stehen vor einem Scherbenhaufen."
Turi, der sich unterdessen gesetzt hat, steht bereits wieder auf: "Ja, geschätzte Kollegen, das ist keine Sternstunde heute. Wir brechen den Workshop hier ab und ich rapportiere dem Steuerungsausschuss wie vorgeschlagen, um eine Neubeurteilung der Lage zu erreichen."
Berger denkt, dass das zu nichts führt. Doch laut sagt er es nicht. Die haben eh keine Ahnung. Der Einzige, der Ahnung hat, ist Turi, der an diesen 1,5 Millionen als externer Projektleiter wohl auch sein Scherflein verdient.
Die Gruppe löst sich dann langsam und etwas ungeordnet auf. Turi klappt seinen Laptop zu und macht noch ein paar Handnotizen zu den Schlussfolgerungen, um eine Gedankenstütze für die Information des Steuerungsausschusses zu haben. Da kommt Melcher zurück (alle nannten ihn nur so, auch wenn er Melker hiess) und fragt in seinem breiten Dialekt, ob er ihm behilflich sein könne. Auch Melker war externer Projektleiter im Projekt welcome_Citizen und Angestellter einer der diversen Schwesterfirmen der Firma, für die Turi arbeitet. Sie verabreden sich zum Feierabendbier im Frohsinn, drei Häuser weiter um die Ecke. Dort gedenken sie bei Bier und Chips gemeinsam das Projekt neu zu ordnen und den Antrag an den Steuerungsausschuss aufzusetzen. Turi will morgen unbedingt das entsprechende E-Mail verfassen. Solche E-Mails beanspruchen ihn meist stark. Dies, weil sehr genau zu überlegen ist, was und wie geschrieben werden darf, um die Projekte ganz im Sinne des Beraters möglichst weiter am Leben zu halten. Das wird überhaupt nicht einfach. Kurz fragt Turi sich noch, ob er im Projekt weiter verbleibt oder ob es eventuell abgebrochen wird. Danach bricht er auf und folgt Melker in den Frohsinn.
Was Melker dann im Frohsinn berichtet, ist alles andere als erbaulich, Probleme mit der Freundin, ein Gefühl des Ausgebrannt-Seins, Unzufriedenheit ..., erbaulich ist einzig das gute Bier.
Ittinger Klosterbräu.
(Der Autor: Franz Ochsenbein ist erfolgreicher Schriftsteller. Er lebt in der Nähe von Wildhaus, hat fünf Kinder und kennt sich aus.)

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